1. FC Union

Präsident Zingler hegt Bundesliga-Ambitionen

Er ist Präsident des 1. FC Union, sieht sich aber eher als Fan: Dirk Zingler spricht vor dem Punktspielstart 2012 in Paderborn am Freitagabend im Interview mit Morgenpost Online über Fankultur und Kommerzialisierung.

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Morgenpost Online: Was halten Sie eigentlich von Franck Ribery, Herr Zingler?

Dirk Zingler: Ein genialer Fußballspieler.

Morgenpost Online: Sein Spiel verursacht bei Ihnen aber offenbar keine Gänsehaut, wie sie mal betont haben. 20.000 Menschen, die im Stadion singen, schon eher. Das müssen Sie erklären.

Dirk Zingler: Da geht es um Philosophien, was einem Fußball bedeutet. Ich wollte damit ausdrücken, dass mir nicht nur das, was auf dem Platz passiert, total wichtig ist, sondern auch das Wohlfühlverhalten der Menschen im Stadion, der echten Fans. Fußball ist im Grunde genommen ein Unterhaltungssport, und ich möchte die Menschen, die viel Geld für eine Eintrittskarte bezahlen, damit begeistern.

Morgenpost Online: Begeistern konnten Sie vor allem die Union-Mitglieder, indem Sie dafür gesorgt haben, dass sie nicht nur in irgendeinem Stadion singen, sondern in einem Stadion, das ihnen selbst gehört. Was hat Sie dazu bewogen, die Alte Försterei durch Stadionaktien an die Mitglieder zu verkaufen?

Dirk Zingler: Wir haben immer gesagt, dass wir bei der Etablierung im Profifußball die Menschen mitnehmen wollen. Schließlich spielen wir Fußball nicht für die Funktionäre, sondern für die Zuschauer, die jede Woche ins Stadion gehen. Und für uns Unioner ist die Alte Försterei die Seele unserer Fußballkultur. Deshalb haben wir gesagt, ein besseres Mitnehmen gibt es nicht als über das Eigentum am Stadion.

Morgenpost Online: Von den 10.000 angebotenen Aktien wurden 5473 verkauft, also nur gut die Hälfte. Statt möglicher fünf Millionen Euro fließen nun nur rund 2,8 Millionen in die Finanzierung der neuen Haupttribüne. Hatten Sie sich insgeheim nicht doch mehr erhofft?

Dirk Zingler: Dass gut 50 Prozent verkauft wurden, ist ein sensationeller Wert. In Nürnberg brauchte es über sechs Monate, um 4500 Unterschriften für die Umbenennung der Arena in Max-Morlock-Stadion zu sammeln. Bei offenen Fananleihen wie zum Beispiel beim FC St. Pauli konnte man schon für 50 Euro dabei sein, dort haben 5000 Menschen mitgemacht. Wir haben mit der Stadionaktie in vier Wochen über 4000 Menschen animieren können, nicht nur eine Unterschrift zu leisten, sondern auch noch 500 Euro dafür zu bezahlen.

Morgenpost Online: Was sagen Sie denn denen, die darin nur eine elegante Art sehen, an das Geld der Mitglieder zu kommen?

Dirk Zingler: Ich bin für die Interpretation von Außenstehenden nicht zuständig. Ich weiß aber, dass die große Mehrheit der Menschen nur aus einem Grund gezeichnet hat: um als Stadioneigentümer an der Entwicklung des Vereins teilhaben zu können.

Morgenpost Online: Union hat durch die Stadionaktie bundesweit Aufmerksamkeit erlangt und setzt in Zeiten zunehmender Kommerzialisierung auf die „eigene Familie“ statt auf externe Geldgeber. Sehen Sie sich in der Vorreiterrolle beim Spagat zwischen Kult und Kommerz?

Dirk Zingler: Nein, in diese Rolle will ich uns auch gar nicht drängen lassen. Letzten Endes tun wir das für uns. Wir stehen ja nicht morgens auf und sagen: Wir haben den Stein der Weisen, um die Welt zu verändern. Wir wollen Fußball so leben, wie es uns gefällt, egal, was andere darüber denken. Ich glaube, wenn wir nicht sinnvolle Regeln schaffen, dann wird die Kommerzialisierung zu Lasten der einfachen Fußball-Fans gehen. Und ich kenne keinen Fußball-Fan, dem es gefällt, zum Beispiel mit einem Reifenhändler-Jingle einen Eckball angekündigt zu bekommen. Da grenzen wir uns auch ganz bewusst ab.

Morgenpost Online: Dennoch haben Sie betont, dass sich Union weiter entwickeln muss, um nicht hinter die Konkurrenz zu fallen. Ist eine gewisse Kommerzialisierung dabei nicht unabdingbar?

Dirk Zingler: Ich bin nicht gegen Kommerzialisierung. Ich bin selber Sponsor, unterstütze den Verein finanziell und erwarte eine entsprechende Gegenleistung: Werbung für mein Unternehmen. Es geht jedoch um sinnvolle Kommerzialisierung, eine, die man im Zusammenhang mit dem Empfänger macht: dem Fußball-Fan. Doch ein Dialog mit der Fanszene, die gerne ursprünglichen Fußball sehen will, findet ja häufig nicht mehr statt. Ich spüre bei unseren Sponsoren jedenfalls viel Dankbarkeit, wenn wir ihnen ans Herz legen: Versuche doch, sympathisch rüber zu kommen und störe den Fan nicht bei seiner Lieblingstätigkeit, Fußball pur zu genießen.

Morgenpost Online: Erschwert das nicht die Sponsorensuche?

Dirk Zingler: Eigentlich nicht. Gute Werbung kommt beim Fan besser an und hat damit auch eine bessere Auswirkung für das Unternehmen. Mit der neuen Haupttribüne wollen wir unsere Werbeeinnahmen verdoppeln. Wir glauben, dies zu können, obwohl wir uns kritisch mit dem Thema Sponsoring im Fußball auseinandersetzen. Vielleicht gelingt es uns deshalb sogar schneller.

Morgenpost Online: Apropos Dialog mit Fans: Zuletzt wurde heftig über Legalisierung von Pyrotechnik im Stadion diskutiert. Für die Ultras gehört sie zur Fußballkultur dazu. Auch für Sie?

Dirk Zingler: Ich kann mich erinnern, dass jede Pyroshow vor Jahren von den Medien fast schon bewundert wurde. Dass es nun einen Wunsch nach Legalisierung gibt, finde ich richtig, weil es in den vollen Stadien immer gefährlicher wird. Deshalb verstehe ich die Position der Verbände nicht. Wenn die Ultraszene sagt, wir wollen untersuchen, ob das Abbrennen von Pyrotechnik legalisiert werden kann, dann ist das ein Vorgang, den ich unterstütze. Jeden Wunsch nach Legalität sollte man unterstützen, und zwar ergebnisoffen. Nur: Akzeptieren am Ende auch alle Parteien nach einem offenen, transparenten Prüfungsprozess das Ergebnis? Da spreche ich auch unsere eigene Ultraszene an. Wir werden das illegale Abbrennen jedenfalls weiter nicht zulassen. Es ist zu gefährlich.

Morgenpost Online: Im schlimmsten Fall könnten DFB und DFL sogar Stehplätze in den Stadien abschaffen. Das wäre vor allem für die Alte Försterei eine Katastrophe…

Dirk Zingler: Für unsere Art der Fußball-Kultur und erst recht für die Jungs selbst wäre es tatsächlich eine Katastrophe. Aber ich glaube, sie wissen das auch.

Morgenpost Online: Wie passt denn eigentlich die Bundesliga in diesen „Union-Weg“?

Dirk Zingler: Ich denke, die Bundesliga ist stabil genug, um uns aushalten zu können. Auch wir werden dort Spaß haben. Das wird schon passen. Es gibt ja unterschiedliche Fußball-Produkte. Es gibt die Champions-League-Version a la FC Bayern, die Variante a la Freiburg, und wenn wir es mal schaffen sollten, wird es auch das Angebot Union geben. Es ist und bleibt unser Ziel, so hochklassig wie möglich zu spielen.

Morgenpost Online: Sie haben die Bundesliga mal mit einem Urlaub verglichen. Was meinten Sie damit?

Dirk Zingler: Es ist wichtig, dass man den Menschen immer reinen Wein einschenkt und nicht Dinge in Aussicht stellt, die man nicht halten kann. Der 1. FC Union Berlin wird immer ein Verein sein, der bedeutend weniger Möglichkeiten hat, den Wettbewerb in der Bundesliga aufzunehmen. Selbst wenn wir fleißig weiterarbeiten und nicht zu viele Fehler machen, stößt die Entwicklung irgendwann an Grenzen. Wir werden ein Stadion haben für 22.000 Zuschauer, wir werden dadurch eine Einnahmesituation schaffen, die nach oben begrenzt ist. Wenn wir sagen, wir wollen in 20 Jahren so weit sein wie ein Champions-League-Teilnehmer, dann ist das unrealistisch. Wir müssten dafür ein völlig neues Produkt schaffen, doch das ist nicht das Ziel der handelnden Personen bei Union.

Morgenpost Online: Wie lässt sich unter diesen Voraussetzungen die sportliche Qualität der Mannschaft steigern? Als Profi, der in der Bundesliga spielen will, würde ich mir doch immer einen Verein suchen, der mir diese Perspektive auch bieten kann…

Dirk Zingler: Erst mal haben wir ja noch eine Menge Luft nach oben, bis wir an unsere Grenzen stoßen. Die Spieler, die zu uns kommen wollen, müssen sich keine Sorgen um ihre weitere Entwicklung machen. Aber: Einen Spieler, der in drei bis fünf Jahren international spielen will, werden wir nicht hierher holen. Da müssen alle realistisch bleiben. Wir sagen: Lasst uns Politik für den Alltag machen, alle finanziellen Anstrengungen müssen auch aus dem Alltag heraus wieder bedient werden und nicht durch Sonderfälle wie zum Beispiel einen DFB-Pokalsieg. Wenn wir keine Spieler mehr bekommen, weil unser Wachstum an seine Grenzen stößt, dann haben wir eine Menge erreicht.