Neuhaus bleibt bis 2014

Union zeigt Hertha, wie man Trainer hält

Uwe Neuhaus bleibt Trainer von Union Berlin: Die Verhandlungen über den bis 2014 laufenden Vertrag liefen vertraulich und ohne medialen Trubel. Davon könnte sich Stadtrivale Hertha BSC eine Scheibe abschneiden.

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Einen Tag Ruhe, nur einen einzigen, bitte. So in etwa hatten sie sich bei Hertha BSC den Mittwoch wohl vorgestellt. Die Mannschaft trainierte unter Ausschluss der Öffentlichkeit, es war keine Pressekonferenz zu irgendeinem Thema angesetzt, und so durften die Verantwortlichen des Fußball-Bundesligisten zu Recht darauf hoffen, die „Causa Markus Babbel“, wie der Hickhack um die Vertragsverlängerung des Trainers längst nur noch genannt wird, für einen Tag mal aus den Medien zu verbannen. Schließlich konnte sich keiner der Beteiligten bei irgendeiner Gelegenheit dazu äußern. Es wäre der erste Tag seit etwa fünf Wochen gewesen, da niemand irgendwelche Sätze interpretiert und Babbels Zukunft thematisiert hätte.

Die Betonung liegt allerdings auf dem „wäre“, denn gegen Mittag ploppte in den Redaktionen der Hauptstadt folgende Nachricht auf: „Uwe Neuhaus bleibt Cheftrainer des 1. FC Union Berlin. Sein im Sommer 2012 auslaufender Vertrag wurde um zwei Jahre verlängert“, und es bedarf beileibe keiner ausufernden Fantasie, um sich vorzustellen, wie die Verantwortlichen des Köpenicker Zweitligisten sich im Stillen die Hände gerieben haben. Schließlich bestand bei Union exakt die gleiche Situation wie im Fall Babbel – nur nahezu völlig außerhalb der Schlagzeilen.

Neuhaus fühlt sich wohl in Berlin

Nun hat der kleinere der beiden wichtigen Berliner Fußball-Klubs in einer Schlüsselpersonalie für Planungssicherheit gesorgt, und hinter vorgehaltener Hand klang rund um die Alte Försterei der Tenor durch: Sieh’ mal, Hertha, so wird das gemacht! Auch wenn das so direkt natürlich niemand sagen mochte. „Konstanz in der Trainerfrage ist eine gute Voraussetzung, wenn man sportlich nachhaltig erfolgreich sein möchte“, sagte der kaufmännisch-organisatorische Leiter Nico Schäfer.

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Und auch Uwe Neuhaus ließ ein wenig erkennen, wie er momentan in Richtung Westend blickt: „Ich fühle mich ausgesprochen wohl bei Union, und Berlin ist längst mein Lebensmittelpunkt geworden, deshalb fiel mir die Entscheidung hierzubleiben sehr leicht.“ Ein solcher Satz mit Worten wie „Lebensmittelpunkt“ ist dem seit eineinhalb Jahren im Hotel Esplanade wohnenden Markus Babbel noch nie über die Lippen gekommen.

Starker PR-Auftritt, der sportlich wertvoll ist

Mit der Bekanntgabe in das Hertha-Vakuum hinein ist den Köpenickern also ein starker PR-Auftritt gelungen, der sportlich gesehen aber noch viel wertvoller ist. „Der 1. FC Union hat unter Uwe Neuhaus eine äußerst positive sportliche Entwicklung genommen. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass er als Mensch einfach zu uns passt, als Trainer die Mannschaft Schritt für Schritt weiter voranbringt und auch schwierige Phasen meistern kann.

Diese Erfahrungen schaffen eine Vertrauensbasis, die für unsere Zusammenarbeit sehr wertvoll ist“, sagte Präsident Dirk Zingler. Damit spricht er auch die Attribute an, die Neuhaus bisweilen zu einem schwierigen Menschen machen. Er selbst bezeichnet sich als „manchmal etwas bärbeißig“. Diese reservierte Art des 52-Jährigen ist aber zugleich der Garant dafür, dass recht selten etwas an die Presse dringt.

Wo sein Gegenüber Markus Babbel schon mal unüberlegt und für die Medien damit dankbar seinen Gedanken freien Lauf lässt, ist Neuhaus eher verschlossen. Er überlegt oft sehr lange, was er sagt, oft sagt er lieber gar nichts. Es ist wohl dieser Unterschied, der die Klubs in einer sehr ähnlichen Situation zu so verschiedenen Ergebnissen kommen ließ.

Sportlicher Höhenflug in Köpenick

Denn sportlich lief es für Union zuletzt mindestens genauso gut wie für Hertha, der Klub hat unter Neuhaus eine bemerkenswerte Entwicklung genommen. Als der Trainer am 1. Juli 2007 die Geschicke übernahm, kickte sein Team noch in der dritten Liga, der zweigleisigen wohlgemerkt. So schaffte Neuhaus 2007/2008 zunächst die Qualifikation für die eingleisige Dritte Liga und stieg ein Jahr später als erster Drittligameister souverän in die Zweite Liga auf.

Nachdem in den ersten beiden Spielzeiten seit dem Wiederaufstieg die Plätze 12 und 11 erreicht wurden, belegt die Mannschaft nach Abschluss der Hinrunde der aktuellen Saison Platz sieben – Platz neun ist das erklärte Minimalziel. „Alles andere wäre keine Herausforderung“, hatte Neuhaus vor der Saison erklärt – und bei dem ein oder anderen Beobachter leichtes Kopfschütteln geerntet. Aber: Seine Prognose scheint sich zu bewahrheiten, der Trend geht eindeutig nach oben. Alles andere als eine Verlängerung wäre demnach auch eine Überraschung gewesen. Obwohl: Hatten die Fans ähnliches nicht auch für Babbel angenommen?

Befugnisse wie kein anderer zuvor

Wie auch immer, bei Neuhaus kam noch hinzu, dass er seit der sportlichen Umstrukturierung im Sommer so viele Befugnisse genießt wie noch kein Union-Coach vor ihm. Bei Hertha indes kriselt es. Erst Dienstag lieferten sich Babbel und Manager Michael Preetz öffentlich sichtbar einen Disput auf dem Trainingsplatz. Ganz anders in Köpenick: „Gemeinsam haben wir in den letzten Jahren viel erreicht – auf und neben dem Platz. Ich freue mich darauf, die nächsten Schritte in Angriff zu nehmen und mitzuerleben, wie der Verein sich weiterentwickelt“, sagt Neuhaus.

Als er vor mehr als vier Jahren kam, ging er ein großes Risiko ein. Sein damaliger Vertrag war mit dem Ziel versehen, sich für die Dritte Liga zu qualifizieren. Wie bei Babbel, er führte Hertha auftragsgemäß in Liga eins zurück. Job erfüllt. Doch Neuhaus’ emotionaler Bezug zu Union ist ein anderer als der von Babbel zu Hertha. So hochdekoriert er als Profi war, so ambiionert denkt er auch als Trainer. Neuhaus, der im Ruhrgebiet aufwuchs und sich als „Arbeiterkind“ bezeichnet, kann sich mit Unions Idealen identifizieren. Eine größere Karriere käme für ihn wohl nur bei Vereinen infrage, die nicht wie Hoffenheim oder Wolfsburg auf Hochglanz poliert sind. Seine Unterschrift ist nun der letzte Mosaikstein eines fast perfekten Union-Jahres, das erst kürzlich mit der Ankündigung zum Ausbau der Haupttribüne seinen Höhepunkt fand. Jetzt präsentierten Zingler und Neuhaus noch das perfekte Weihnachtsgeschenk. Bei Hertha müssen sie weiter auf die Bescherung warten – und müssen fürchten, dass es eine sprichwörtlich „schöne“ wird.