Zweite Bundesliga

Was Union Berlin vom FC St. Pauli lernen kann

St. Pauli hat bewiesen, wie man Kommerzialisierung vorantreiben kann, ohne seine Image zu verlieren. Auch Union sucht den Mittelweg zwischen Tradition und Vermarktung. Vom kommenden Gegner können sich die Köpenicker deshalb einiges abschauen.

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Seit 17 Jahren hat St. Pauli An der Alten Försterei in Berlin-Köpenick nicht mehr gewonnen.

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Es gibt gemeinhin zwei Kategorien von Spielen. Solche, die man in die Gattung Liga-Alltag einbucht, die man meist schon nach dem Abpfiff vergessen hat, bei denen es spätestens am nächsten Tag heißt: Mund abputzen und weiter machen. Und es gibt solche Partien, die gern als Fußballfest bezeichnet werden, wahlweise auch als Spiel des Jahres. Wenn am Freitagabend der FC St. Pauli neben dem 1. FC Union ins Stadion an der Alten Försterei einlaufen wird (18 Uhr, Sky live und hier im Live-Ticker von Morgenpost Online ), haben die 18.432 Zuschauer genau ein solches Spiel vor sich. Uwe Neuhaus, Trainer des Berliner Fußball-Zweitligisten, sprach von zwei Kultklubs, die aufeinandertreffen. Sein Kapitän Torsten Mattuschka muss ebenfalls nicht lange überlegen, um seine Vorfreude auf das Duell in Worte zu packen: „Das Stadion ist ausverkauft, St.Pauli bringt 2000 Fans mit, die machen Stimmung, unsere Fans werden uns wie immer nach vorne peitschen, Freitagabend, 18 Uhr, Flutlicht – jeder ist geil darauf, spielen zu dürfen.“

Es gibt ebenso zwei Arten, mit denen man als Verein ein Publikum für sich gewinnen kann. Da ist der kommerzielle Weg, auf dem man auf Teufel komm raus dem maximalen Erfolg hinterherjagt und dabei seine Identität, seine Vergangenheit über Bord wirft. Und es gibt den Weg der Tradition, auf dem man jene Historie pflegt, die einen Klub ausmacht, sich zugleich jedoch Neuem meist verschließt. In diesem Zusammenhang wird gern von Kult gesprochen. Die Folge ist ein wohl behütetes Nischendasein, eine Weiterentwicklung des Vereins ist dabei praktisch ausgeschlossen.

Der 1. FC Union ist derzeit bemüht, einen dritten Weg zu finden, jenen Mittelweg zwischen Kommerz und Kult. Dass just zwei Tage nach der Einberufung einer außerordentlichen Mitgliederversammlung, in der es ausschließlich um die Zukunft der Alten Försterei gehen soll, der FC St. Pauli zu Gast in Köpenick ist, darf als Wink des Schicksals bezeichnet werden. Die Hamburger haben es vorgemacht, wie man die Kommerzialisierung vorantreiben kann, ohne dabei sein Image vollständig zu verlieren.

„Ich finde den Spagat zwischen Kult und Kommerz nicht so schwer, wie er immer dargestellt wird“, sagte Helmut Schulte: „Bei allen Diskussionen muss man sich doch nur die Frage stellen: Was passt zu mir, und was passt nicht zu mir? Ich denke, wenn man sich seiner eigenen Identität bewusst ist, fällt es nicht schwer, die richtigen Entscheidungen zu treffen.“ Seit März 2008 ist der 54-Jährige Sportchef beim FC St. Pauli und hat somit die Entwicklung es Klubs maßgeblich mitgeprägt.

In wenigen Jahren ist es den Hamburgern gelungen, ihr Schmuddelimage abzulegen, ihre Herkunft dabei jedoch nicht zu verleugnen. Noch immer spricht man vom Kiezklub, obwohl das höchst marode Millerntor-Stadion inzwischen schmucken neuen Tribünen Platz gemacht hat. Dennoch wird weiter ausgiebig mit der Nähe des Vereinsgeländes zum Rotlichtmilieu in Hamburg kokettiert: Statt Vip-Logen gibt es Separees, die Ausstattung ist mit viel rotem Samt entsprechend. Der Klub bezeichnet sich selbst als „Non established since 1910“, nicht etabliert seit über 100 Jahren also, in der dortigen Fußballschule werden die „Rabauken“ ausgebildet. „Wir haben die Vereinsstrukturen professionalisiert, ohne dabei die Seele des Klubs zu beschädigen“, sagte Schulte.

Eben diese Seele sehen nun Teile der Fans beim 1. FC Union bedroht. Durch die außerordentliche Mitgliederversammlung, in der es am 13. November offenbar um den Bau der neuen Haupttribüne und deren Finanzierung gehen wird, schießen die Spekulationen in die Höhe. Allein die Möglichkeit, der Verein könnte seinen Stadionnamen verkaufen oder auch nur die neue Tribüne mit einem Sponsorennamen versehen, um diese überhaupt bauen zu können, sorgt in der Fanbasis für Unruhe. So wird es auf der Versammlung nicht zuletzt auch um die Frage gehen, wo der 1. FC Union überhaupt hin will.

Klubchef Dirk Zingler machte schon auf der letzten ordentlichen Mitgliederversammlung im November vergangenen Jahres deutlich, dass der Klub „den Weg zwischen notwendiger Kommerzialisierung und der Wahrung von Fanrechten“ gehen müsse. Es reicht nicht mehr, das Erreichte lediglich zu erhalten, will sich Union dem Wettbewerb stellen und in diesem auch bestehen können. Gerade in Berlin, wo das Sportangebot mit Lokalrivale Hertha BSC, Eishockey-Meister EHC Eisbären, den Handball-Füchsen und den Alba-Basketballern ohnehin erstklassig ist, muss potenziellen Geldgebern ein gewisser Standard angeboten werden, wenn man sie für sich interessieren möchte. „Bei 50 Prozent Stehplätzen haben wir eben auch entschieden, dass es teuere Sitzplätze oder Business-Seats geben muss“, beschreibt St. Pauli-Sportchef Schulte die Marschroute seines Klubs. Dem Zuschauerzuspruch am Millerntor tat dies keinen Abbruch, das Stadion ist selbst in Liga zwei zu mehr als 90 Prozent ausgelastet, 22.224 Besucher kamen im Durchschnitt zu den bisher sieben Heimspielen. Schulte: „Wir haben bei St. Pauli entschieden, dass wir eben nicht alles gewinnen können oder müssen. Dafür sind die Mittel nicht da, um den maximalen sportlichen Erfolg erzielen zu können, wie etwa beim FC Bayern oder anderen eben so finanziell gut aufgestellten Vereinen.“ Ein Mittelweg eben, den auch Union demnächst beschreiten könnte.

Und dass die Köpenicker ihre Identität vollends aufgeben werden, ist weder durch den notwendigen Bau der Haupttribüne noch durch eine mögliche Vermarktung des Stadionnamens zu befürchten. Der Begriff „an der Alten Försterei“ dürfte weiter Bestand haben. Ganz zu schweigen davon, dass man auch weiterhin von „den Eisernen“ sprechen wird. Jene Bezeichnung geht auf die Schlosserjungs zurück, wie die Unioner einst wegen ihrer blauen Spielkleidung, die an einen blauen Arbeitsoverall erinnerte, und ihrer Herkunft aus der Arbeiterklasse genannt wurden. Nicht umsonst heißt der derzeitige Vip-Bereich „Eisern Lounge“, fahren die Profis in einem Bus zu Auswärtsspielen, dessen Karosserie aussieht, als sei sie aus einzelnen Eisen-Platten geschmiedet.

„Bei der Debatte ist es wichtig, dass alle im Verein auf eine gute Kommunikation achten“, verdeutlichte Schulte: „Es wird immer kritische Stimme geben. Aber wenn sich alle einig sind, dass man Profifußball haben möchte, muss es auch Ziel sein, gemeinsam Lösungen zu finden, wie das mit guten Strukturen realisierbar ist.“ Auf gute Kommunikation setzt man im Fan-Lager vor allem am 13. November. Ein Tag, den die Unioner in jedem Fall nicht so schnell vergessen. Ebenso wenig wie die 90 Minuten im Stadion. Schließlich ist das Treffen mit St. Pauli auch eines mit der eigenen Zukunft.