Verletzungsmisere

Bald könnte ein 18-Jähriger das Union-Tor hüten

Die Verletzungen von Marcel Höttecke und Jan Glinker sind der nächste Akt im Torwart-Wechsel-Dich-Drama beim 1. FC Union. Beide Keeper erwischte es bei derselben Trainingsübung. Nun könnte Youngster Kilian Pruschke seine Chance bekommen.

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Union Berlin ist positiv gestimmt

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Kaum hatte Uwe Neuhaus die einigermaßen verdaut, wurde Unions Trainer mit der nächsten Hiobsbotschaft konfrontiert: Sowohl Stammtorhüter Marcel Höttecke als auch Ersatzmann Jan Glinker hatten das Training am Dienstagnachmittag verletzungsbedingt abgebrochen. Ursache war eine einfache Sprintübung. „Natürlich wird der Körper bei Sprints etwas mehr belastet. Aber dass gleich , ist ein herber Rückschlag“, kommentierte Neuhaus das doppelte Pech.

Höttecke fällt sicher aus

Seit Mittwoch steht nun fest, dass Höttecke für das Zweitligaspiel am Freitag gegen den SC Paderborn ( bei Morgenpost Online) mit einer Sicherheit von „95 bis 99 Prozent“ (Neuhaus) nicht zur Verfügung stehen wird. Die Ärzte diagnostizierten bei dem 24-Jährigen einen Muskelfaserriss im vorderen Oberschenkel. Ob Höttecke bald wieder spielen kann „kommt darauf an, wie tief der Riss ist und wie schnell er verheilt“, so Neuhaus. Eine Prognose bezüglich der Heilungsdauer gebe es nicht.

Für Höttecke scheint seine Beinmuskulatur zum Dauerproblem zu werden: Bereits Ende November 2010 zog er sich beim Auswärtsspiel in Ingolstadt einen Faserriss im rechten Oberschenkel zu; im April diesen Jahres erlitt der Ex-Dortmunder während des Trainings selbige Verletzung in der rechten Wade. Am Ende der Saison 2007/2008 fiel er für die Regionalligamannschaft des BVB zudem wegen eines Kreuzbandrisses inklusive abgerissenem Innenband und Innenminiskus aus – die Genesung dauerte länger als ein halbes Jahr. Die Zeitung „Reviersport“ kürte den 1,99-Meter-Mann damals zum „größten Pechvogel, der in der letzten Saison das schwarz-gelbe Trikot trug.“

Hötteckes Verletzungsanfälligkeit könnte für Torwart-Routinier Jan Glinker erneut die Chance sein, sich zu beweisen. Die Verletzung des 27-Jährigen wiegt weniger schwer als beim Teamkameraden, da es im Oberschenkel lediglich zu einer Muskelverhärtung kam. „Bei Jan besteht Hoffnung. Wir haben unsere medizinische Abteilung angewiesen ihr Bestes zu geben“, sagt Neuhaus. Bis zur endgültigen Diagnose soll es – Stand Mittwoch – aber noch mindestens einen Tag dauern.

Die Verletzungen von Höttecke und Glinker sind für Union Berlin der nächste Akt im Torwart-Wechsel-Dich-Drama: Bereits in der letzten Saison absolvierte keiner der beiden mehr als elf Spiele am Stück. Neuhaus hatte Glinker zu Saisonbeginn als Nummer Eins aufgeboten, aber nach einigen Patzern , die Union nicht nur Gegentore sondern auch wichtige Punkte kosteten, durfte Höttecke am elften Spieltag erstmals ran. Sein Glück währte nur kurz, nach vier Spielen folgte die erste Verletzung und die nächsten fünf Partien absolvierte erneut Glinker. Hötteckes zweite Einsatzphase dauerte vom 20. bis zum 30. Spieltag, dann streikte die Wade. Die letzten vier Spiele stand wieder Glinker im Tor.

Pruschke könnte nachrücken

Nun könnte es so weit kommen, dass Glinker, der seit 2002 bei Union spielt und mehr als 200 Begegnungen für die erste Mannschaft bestritten hat, erstmalig nicht von Hötteckes Verletzungspech profitieren kann. Sollte er bis Freitag nicht wieder fit sein, müsste Neuhaus auf seinen dritten Torwart zurückgreifen. Der heißt Kilian Pruschke und ist seit dieser Saison der Keeper von Unions U23. Für die erste Mannschaft bestritt Pruschke bisher nur eine Partie: Beim 4:0-Sieg im Testspiel gegen den FK Teplice im Januar ersetzte er die eigentliche Nummer drei Christoph Haker, dessen Vertrag nicht verlängert worden war. Ernsthaft geprüft wurde er gegen den tschechischen Erstligisten allerdings nicht. „Für die gesamte Saison wäre er ein Risiko, aber für ein Spiel mache ich mir keine Sorgen“, sagt Neuhaus im Hinblick auf ein Zweitligadebüt des 18-Jährigen. Vielmehr könne sich der Einsatz eines vollkommen unerfahrenen Torwarts sogar positiv auf die Mannschaft auswirken, „die dann in der Verteidigung mehr Einsatz zeigen“ würde.

Pruschke spielt seit 2003 bei Union. Mit zehn Jahren war er vom Lichtenrader BC 25 gekommen. Dort durchlief er sämtliche Jugendmannschaften und war in seinen Jahrgängen immer erste Wahl. Die vergangenen beiden Jahre spielte er für Unions U19, mit der er 2010 Berliner Pokalsieger wurde. U23-Trainer Engin Yanova, der Pruschke seit über vier Jahren kennt, attestiert seinem Schützling vor allem hohes fußballerisches Können: „Kilian hat ein großartiges Spielverständnis und eine gute Spieleröffnung.“ Zudem profitiere er von seiner starken Konzentrationsstärke und guter Sprungkraft, trotz seiner eher durchschnittlichen Größe von 1,82 Meter.

Ruhiger Typ mit Faible für Iron Maiden und Metallica

„Vielleicht ist er nicht der typische Klischee-Torwart“, sagt Yanova. Einziges Manko für den Trainer ist Pruschkes fehlende Robustheit: „Er ist natürlich nicht so kompakt wie Höttecke.“ Ähnlich sieht es Uwe Neuhaus: „Seiner erste Schwäche sieht man, wenn man ihn sieht: Seine Statur ist außergewöhnlich, weil klein gewachsen. Trotzdem kommt er gut an hohe Bälle. Er denkt mit, spielt mit und hat gute Reflexe auf der Linie.“ Als zusätzlichen Keeper hat Neuhaus für Freitag U-23-Ersatztorwart Eric Niendorf nominiert.

In der U23 genießt Pruschke viel Anerkennung, gerade weil er sehr ehrgeizig ist. Neben der Fußballkarriere arbeitet der junge Mann mit den Wuschelhaaren und dem Stirnband an seinem Abitur an der Flatow-Oberschule in Köpenick. Laut Facebook hört er, der als ruhiger Zeitgenosse gilt, mit Iron Maiden und Metallica gerne etwas härtere Musik. Auf der Internetplattform gibt Pruschke zudem sein Lieblingszitat an: „Es gibt Sachen, die gibt es gar nicht.“ Ein Profidebüt gegen Paderborn könnte so eine Sache sein.