Zweite Liga

Union-Präsident Zingler will mehr Kommerz

Mit der Saison 2011/12 soll für den 1. FC Union eine neue Zeitrechnung beginnen. Für den geplanten Etat von 13,2 Millionen Euro will man sich von Jerome Polenz trennen, mehr Zuschauer und Sponsoren gewinnen. Höchste Priorität hat aber der Bau der Haupttribüne.

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Bereits zum Saisonstart hat Union Berlin einen Rekord gebrochen. Noch nie zu vor pilgerten waren 3.500 Zuschauer zum ersten Training einer neuen Spielzeit. Am gestrigen Pfingstmontag standen bei den Eisernen natürlich die vier feststehenden Neuzugänge im Fokus. Als Defensivspezialisten verpflichten die Köpenicker den 30-jährigen Franzosen Marc Pfertzel. Das Mittelfeld stabilisieren soll Marcus Karl, der aus Ingolstadt in die Hauptstadt wechselt. Für neuen Schwung im Angriff sollen zum Einen Mittelfeldspieler Patrick Zoundi und zum Anderen Stürmer Simon Terodde sorgen.

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Wenn ein Fußball-Klub, der sich jahrelang für seine Andersartigkeit gerühmt hat, aus ihr sogar seine Daseinsberechtigung gezogen hat, sich aufmacht, sein Nischendasein zu beenden, kann man guten Gewissens von einer Weiterentwicklung sprechen. Beim 1. FC Union steht ein solcher Entwicklungssprung offenbar bevor. Plakate mit dem Konterfei von Trainer Uwe Neuhaus kündigten in ganz Berlin den Trainingsauftakt an. Nach dem Derbysieger- und Benyamina-T-Shirt in der Vorsaison konnte der geneigte Fan gleich am Pfingstmontag neue Devotionalien erwerben. Keine Frage: Mit der Saison 2011/12 soll für den Köpenicker Zweitligisten eine neue Zeitrechnung beginnen.

Kein Geringerer als Vereinspräsident Dirk Zingler hat dem Pendel, das stets die Balance zwischen Kult und Kommerz halten sollte, einen Schubs in die monetäre Richtung gegeben. Ganz offiziell. Er spricht von drei Mosaiksteinen, die den geplanten Etat von 13,2 Millionen Euro nach Möglichkeit noch vor dem ersten Anstoß erhöhen sollen: Spieler verkaufen, da wird vor allem an den seit einem halben Jahr freigestellten Jerome Polenz gedacht, der noch einen Zweijahresvertrag bei Union besitzt; den Zuschauerschnitt steigern, was nur durch attraktiveren Fußball möglich ist; und das Sponsoring verbessern.

Genau hier, bei der Akquise neuer Geldgeber, hat sich in der vergangenen Saison jedoch offenbar nur sehr wenig getan, trotz des inzwischen 15-monatigen Engagements der Ufa Sports als neuem Vermarktungspartner: ein Obstlieferant aus Halle/Saale, ein Baumarkt, dazu ein Energiedienstleister für die Nachwuchsabteilung – nicht viel für einen Verein, der die Etablierung im Profifußball als großes Ziel vor Augen hat. Dem Erreichen dieses Ziels steht die Vorgabe, nur Verträge abzuschließen mit Sponsoren, die zum Image des 1. FC Union passen, augenscheinlich mehr im Weg als bislang angenommen.

Schon vor diesem Hintergrund macht die Verpflichtung von Nico Schäfer als neuem kaufmännisch-organisatorischen Leiter der Lizenzspielerabteilung Sinn. Schäfer betonte, „dass es kein Gerangel mit Ufa Sports geben wird, ich werde auch meine Kontakte gerne weiterreichen“. Es gelte, langfristig zu denken, in allen Bereichen. So schrieb Zingler den Spielern folgendes ins Gebetsbuch: „Auch die Mannschaft muss klug verhandeln. Wenn ich von den Prämien zu viel abschöpfe, raube ich dem Verein die Möglichkeit, die Mannschaft weiter zu entwickeln.“ Jeder freue sich aber über einen Topspieler, „dann steigen ja auch wieder die Chancen auf größere Einnahmen durch Erfolge“. Auf diesen Gedankengang, so Zingler, „sind nicht immer alle von selber gekommen“.

War der Wechsel von einer Kultfigur zu einem Kaufmann, von Teammanager Christian Beeck, dessen „Lernprozess leider nicht so ausgegangen ist, wie wir uns alle das gewünscht haben“ (Zingler), zu Schäfer ein weiterer kleiner Schritt, so hat Union den größten noch vor sich: den Bau der neuen Haupttribüne. Es war Nico Schäfer, der die Wichtigkeit von Vip-Logen verdeutlichte, am Beispiel des heutigen Regionalligisten Rot-Weiß Essen, den Schäfer als Vorstandsmitglied einst nicht vor dem Sturz in die Insolvenz retten konnte. Angesichts der großen Konkurrenz aus Schalke und Dortmund gingen zahlungskräftige Sponsoren „nicht ins Stadion, wo Fußball pur präsentiert wird“. Anders als die Essener soll Union nicht am Stadion scheitern, nicht an fehlenden Einnahmen aus Vip-Logen. Wobei sich Klubchef Zingler schon ein Hintertürchen offen gehalten hat: „Wenn die Tribüne auf absehbare Zeit nicht kommt, müssen wir wohl unsere Ansprüche runterfahren.