4-Jahres-Bilanz

Neuhaus – Der wahre Hauptmann in Köpenick

Zweitligaaufstieg, Stadionumbau, Rekordetat: Seit Uwe Neuhaus vor rund vier Jahren zu Union Berlin wechselte, ist viel passiert. Er hat den Klub positiv verändert. Kein Union-Trainer vor ihm hatte mehr Befugnisse.

Foto: Christian Kielmann

Ein Hingucker ist das Foto noch immer, auch wenn es ein wenig in die Jahre gekommen ist. Es zeigt Uwe Neuhaus, in einen weiten, grauen Mantel gehüllt, an seiner linken Seite baumelt lässig ein Degen, mit der rechten Hand salutiert er. Neuhaus steht auf den Stufen der Fantribüne im Stadion an der Alten Försterei, es ist einer seiner ersten Tage beim 1. FC Union, und mimt er den Hauptmann von Köpenick. Jenen Hochstapler also, dessen Geschichte den Berliner Stadtteil weltberühmt machte.

Nun steht Neuhaus wieder auf der Tribüne, das Foto in der Hand, und muss schmunzeln. Sein Blick schweift durch das Rund, dort, wo die Aufnahme in seinem Rücken noch brüchige Traversen und zwischen seinen Füßen von Gräsern überwachsene Stufen zeigt, ragt inzwischen die neue Tribüne in den Himmel. Ordentlicher Beton, von den Fans gegossen, und mit einem rot-grauen Dach. Vier Jahre ist es nun fast her, dass der Trainer seine Arbeit in Köpenick begann. Und in denen er den Klub verändert und weiter nach vorne gebracht hat. Und in denen der Klub ihn verändert hat.

Neuhaus positive Bilanz

„Eine lange Zeit, eine erfolgreiche Zeit, die in der Weise wahrscheinlich keiner erwartet hätte. Wir hätten alle unterschrieben, wenn uns jemand gesagt hätte: In vier Jahren habt ihr zweimal die Zweite Liga gehalten“, bilanziert Neuhaus. Auch strukturell ging es voran: Neue Trainer und Physiotherapeuten wurden eingestellt, die Geschäftsstelle renoviert, dieses Jahr vermeldet Union einen Rekordetat. Über allem aber schwebt natürlich der Stadionumbau. „Wenn man sich täglich hier bewegt, dann denkt man nicht permanent an all das. Aber in Gesprächen mit anderen Klubs wird einem schon bewusst, dass es eine tolle Zeit war“, sagt Neuhaus.

Sein Blick wandert hinüber zur Trainerbank und zum Spielertunnel, auf den Weg, den Neuhaus nun schon unzählige Male hinter sich gebracht hat. Mit langen Schritten schreitet er dann an der Haupttribüne vorbei, angespannt und meist ohne Lachen. „Ich fokussiere mich auf das Spiel, das erwarte ich von den Spielern genauso wie von mir“, sagt er. Ruhiger sei er geworden, erzählt Neuhaus, „früher bin ich wie ein HB-Männchen aufgesprungen, ich glaube aber, dass darüber Konzentration verloren geht“. Ein Mann der Inszenierung ist Neuhaus nicht. Im Gegenteil, eigentlich hasst er es, so sehr im Mittelpunkt zu stehen.

Steigende Bekanntheit

Dort rückt er aber immer weiter hin. Sein Bekanntheitsgrad habe sich vergrößert, berichtet er, und man bekommt eine Ahnung davon, dass er das gar nicht so gern hat. Aber Kontinuität hat eben auch ihren Preis. Immerhin ist der 51-Jährige nach Bremens Thomas Schaaf der dienstälteste Trainer im deutschen Profi-Fußball, ein Umstand, den er nicht so recht genießen mag. „Das zeigt doch, dass es nicht mehr so viel Geduld in diesem Geschäft gibt“ sagt er. Auf der anderen Seite weiß er, dass es tatsächlich eine Leistung ist, sich jahrelang bei einem Verein zu halten, bei dem, wie er selbst sagt, die Möglichkeiten begrenzt sind.

Inzwischen ist Neuhaus’ Position gefestigter denn je. Erst recht, seit Union vor wenigen Tagen nach sechs Jahren Teammanager Christian Beeck entließ, sein Nachfolger Nico Schäfer wird sich nur noch um die wirtschaftlichen Belange kümmern. Nie hatte ein Trainer bei Union mehr Befugnisse. „Ich glaube nicht, dass sich so viel ändern wird“, sagt Neuhaus zwar. Auch der Befürchtung, er könne in Zukunft schneller für sportliche Fehler verantwortlich gemacht werden, teilt er nicht: „Es ist doch in keinem Klub so, dass der Manager gehen muss, aber der Trainer verschont bleibt. Er hält immer seinen Kopf hin.“ Vielleicht ist es dieses Wissen, dass Neuhaus bisweilen ein wenig misstrauisch wirken lässt.

Wer so mit ihm in der Zeit nach der Saison durch das Stadion geht, erlebt eher einen entspannten, zufriedenen Mann. Geduldig posiert er für den Fotografen, macht seine Witze, er schaut einem beim Sprechen in die Augen. Für seine Antworten nimmt er sich viel Zeit, er sagt genau, was er denkt. Präzise und freundlich. „Im Grunde genommen bin ich offen und ehrlich“, sagt er.

Das ist der eine Uwe Neuhaus. Der andere Uwe Neuhaus sagt über sich selbst: „Im Umgang mit der Presse bin ich oft verschlossen, manchmal vielleicht sogar bärbeißig.“ Während der Saison steht er unter Dampf. Nervös blickt er dann in die Runde der Journalisten, oder er schaut gleich auf den Boden. Sätze beginnt er dann häufig mit einem gedehnten „Nein“, auch wenn er zustimmt. Er meint das gar nicht böse, es ist wohl mehr ein Schutzreflex. Die Beziehung zu den Reportern der Hauptstadt ist ohnehin eine ganz eigene Geschichte. 2007, nach dem ersten Testspiel unter seiner Regie, staunten die Medienvertreter nicht schlecht, als sich Neuhaus für jeden Reporter Zeit für ein Einzelgespräch nahm. In einer Stadt mit unzähligen Medien konnte das nicht lange so gehen. Inzwischen hat man sich irgendwie arrangiert. Neuhaus weiß, dass die Zeitungen von ihm abhängig sind, und umgekehrt genauso. Also akzeptiert er sie. Doch einfach das zu sagen, was die Reporter hören wollen, wie es viele andere Trainer tun und sich damit das Leben leichter machen – das ist nicht sein Ding.

Herausforderung fernab der Heimat

Neuhaus sucht die Herausforderung, auch damals, als er einen befristeten Vertrag unterschrieb, der mit dem klaren Ziel versehen war, den Verein für die neue, eingleisige Dritte Liga zu qualifizieren. „Es war für mich ein Schritt weg von der Heimat, das alles war für mich neu. Da muss man auch einfach mal was ausprobieren“, sagt er, deshalb habe es ihn nicht gestört. Sonst arbeite er gerne lange an einem Ort.

„Ehrliche Arbeit“ kündigte er bei seiner Unterschrift an, so wie er es aus dem Ruhrgebiet kenne, und dass er nicht den Fehler seines Vorgängers Christian Schreier machen wollte. Dessen Familie wohnte wie Neuhaus damals auch im Ruhrgebiet, ständig pendelte Schreier hin und her. Neuhaus fuhr nur selten nach Hause. Seine Ehe ging in die Brüche, mittlerweile ist er mit einer Mitarbeiterin der Geschäftsstelle liiert.

Union und Neuhaus, dass passt

Berührungsängste gab es ohnehin nie. Union und Neuhaus, das passt einfach zusammen. Nur schwer könnte man sich ihn auf der Trainerbank in Hoffenheim, Wolfsburg oder eines anderen Hochglanz-Fußball-Städtchens vorstellen. „Ich bin als Arbeiterkind groß geworden“, sagt Neuhaus, und in seiner Stimme schwingt der Stolz des Ruhrgebietes mit. Doch Neuhaus ist Realist genug um zu sehen, woran er letztlich gemessen wird: Am Tabellenstand. „Das ich hier so akzeptiert bin, liegt auch am Erfolg.“ Und für den muss er dann und wann auch unpopuläre Entscheidungen treffen. Wie im Fall Karim Benyamina, dessen Vertrag der Verein nicht verlängerte. „Es gibt Situationen, da fühle ich mich nicht wohl in meiner Haut, was ich tue, aber ich weiß, dass es besser für uns alle ist“, sagt er nachdenklich.

Zum Abschluss schaut Neuhaus noch einmal auf das Foto. Würde er sich noch einmal so ablichten lassen? „Ich weiß es nicht“, sagt er nach einigem Zögern. Die Geschichte des Hauptmannes kennt er inzwischen, aber genau genommen hat es Neuhaus gar nicht mehr nötig, in eine fremde Uniform zu schlüpfen. Er hat, statt im grauen Mantel in Jeans und Poloshirt, sein eigenes Kapitel als Hauptmann in Köpenick geschrieben. Nur würde er sich selbst niemals so bezeichnen.