1. FC Union

Stammtorwart Glinker wird auf die Bank verbannt

Es sieht nicht gut aus für Jan Glinker: Herausforderer Marcel Höttecke bleibt die Nummer eins für Union-Trainer Uwe Neuhaus. Doch auch für den neuen Tormann kommt die Trainer-Order zu einem ungünstigsten Zeitpunkt.

Es war schon ein ungewohnter Anblick, der sich einem am Sonntag an der Alten Försterei bot. Sicher, dass die Stammspieler am Tag nach einem Spiel im Wald auslaufen und die Reservisten eine volle Trainingseinheit absolvieren, ist nicht wirklich verblüffend. Dass man Jan Glinker für gut eineinhalb Stunden auf dem Trainingsplatz zu sehen bekam, das hat es in der Vergangenheit aber höchst selten gegeben. Seit der Oberliga-Saison 2005/06 war Glinker die Nummer eins beim 1. FC Union gewesen. Seit Sonntag, seit dem 2:1 gegen Rot-Weiß Oberhausen, hat für den 26-Jährigen eine neue Zeitrechnung begonnen. Erstmals unter Trainer Uwe Neuhaus muss sich der Torwart mit der ungeliebten Rolle des Herausforderers abfinden. Und dies wohl für längere Zeit.

„Es würde ja keinen Sinn machen, nach nur einem Spiel wieder zu wechseln“, sagte Neuhaus. Auf keiner anderen Position bedarf es solcher Konstanz in der Personalentscheidung wie auf der des Torhüters. Wird bei Union also nach der Ära Jan Glinker nun die Epoche Marcel Höttecke eingeläutet? „Ich weiß nicht, ob ich die Nummer eins bleibe. Da müssen sie schon den Trainer fragen“, sagt Höttecke. Der Coach bestätigte derweil, dass der 1,99-Meter-Mann zumindest im nächsten Spiel am Samstag beim FSV Frankfurt (13.30 Uhr, Sky live) wieder im Tor stehen wird. Und unterlaufen dem 23 Jahre alten Zugang aus Dortmund, der bei Union einen bis 2013 datierten und auch für die Bundesliga gültigen Vertrag unterschrieben hat, nicht hanebüchene Fehler, wird Höttecke auch als Nummer eins ins neue Jahr gehen.

Nun ist der Zeitpunkt, um auf die Bank verbannt zu werden, aus Sicht des Spielers sicher nie erfreulich. Im Fall Glinker kann es jedoch kaum ungünstiger sein. Der Vertrag des Berliners bei Union läuft am Saisonende aus. Nur beim Aufstieg in die Bundesliga – und daran glauben nicht einmal Phantasten – würde sich der Kontrakt um ein Jahr verlängern. Eine Banklehre, noch dazu durch drei kapitale Fehler verursacht, die alle zu Gegentoren führten, ist nicht wirklich hilfreich, will man sich für eine Vertragsverlängerung empfehlen. Oder für einen anderen Verein.

Wird Glinker längerfristig kaltgestellt?

Wie angefressen Glinker ob der neuen Situation ist, zeigte sich auf dem Feld: Bei nasskalter Witterung strotzte der Keeper vor Tatendrang. Und machte anschließend das, was sein Kontrahent in den vergangenen Wochen und Monaten stets getan hatte: Er schwieg. Zu sehr brodelte es in ihm, jedes Wort, das seinen Frust dokumentieren könnte, wäre ein falsches. Vom Zur-Schau-stellen seines Selbstbewusstseins – noch vor einer Woche hatte Glinker getönt: „Ich weiß, dass ich die Nummer eins bin“ – ist derzeit jedenfalls nichts zu spüren. Das klang bei der neuen Nummer eins schon anders. „Ich hatte schon vor drei, vier Wochen damit gerechnet“, hatte Höttecke schon früher auf einen Wechsel zwischen den Pfosten spekuliert. Beide Statements, das von Glinker vergangene Woche und das von Höttecke nun nach dem Oberhausen-Sieg, dokumentieren auch das Verhältnis der beiden Torwarte zueinander. Richtige Freunde werden beide wohl nicht mehr. Der professionelle Umgang miteinander leidet darunter offenbar jedoch nicht. So gratulierte Glinker seinem Rivalen fair zu dessen Leistung gegen Oberhausen.

Der Trainer wird in den nächsten Tagen und Wochen sehr genau hinschauen, wie sich Glinker mit seiner neuen Rolle zurecht finden wird. Er wird darauf achten müssen, dass Glinker bei allem Ehrgeiz, die für ihn richtige Rangfolge wieder herzustellen, nicht verkrampft. So wie es Höttecke in der Saisonvorbreitung passiert war. „Jan hatte ohne Zweifel großen Anteil an den Erfolgen der vergangenen Jahre. Aber zuletzt hat er eben Schwächen gezeigt“, sagte Neuhaus. Und forderte von Glinker: „Er muss jetzt mit klarem Kopf mit der Situation umgehen und sich im Training wieder neu anbieten.“ Für den Schlussmann selbst kann das noch einmal einen Qualitätssprung bedeuten, hofft der Union-Coach.

Die Spieler äußerten sich bedeckt zur Entscheidung des Trainers. „Hötti ist ein guter Torwart“, sagte zum Beispiel Stürmer Karim Benyamina. Kapitän Torsten Mattuschka ergänzte: „Beide Torwarte haben unsere vollste Unterstützung. Und Jan ist Profi genug, um damit umgehen zu können. Wir werden ihm natürlich helfen und ihn wieder aufbauen.“ An den Anblick, Jan Glinker dick eingepackt auf der Ersatzbank sehen zu müssen, werden sich die Spieler dennoch erst im Laufe der Zeit gewöhnen müssen.