Zweite Bundesliga

Wenn Union-Fans und Profis Klartext reden

Einmal im Monat gibt es die volle Dröhnung Union. Dann treffen sich die Fans in der Q-Bar in Oberschöneweide. Direkt, schonungslos und ungeschminkt wird dann mit den Spielern diskutiert.

Ganz zum Schluss wird Halil Savran gebeten, das mit den Fans von Dynamo Dresden doch noch einmal klarzustellen. Hatte der Stürmer, früher für Dynamo und heute für den 1. FC Union im Einsatz, die Anhänger seines früheren Klubs doch vor ein paar Minuten noch in einem Atemzug mit Union gelobt. Und sich damit aufs Glatteis begeben, die Dresdner Fans stehen in der Hauptstadt nicht gerade hoch im Kurs. Jetzt sucht Savran nach Worten, um die sensible Fanseele zu besänftigen. „Die Union-Fans haben sich ein eigenes Stadion gebaut“, sagt er also. Dann zögert er und fügt lachend an: „Ich weiß nicht, ob die Dresdner dazu überhaupt in der Lage wären.“

Das meint er natürlich nicht ernst, aber so ein Spruch kommt an bei den Fans, die sich zum monatlichen Fantreffen in der Q-Bar in Oberschöneweide getroffen haben und nun schallend lachen. An diesem Abend ist neben Savran auch Chinedu Ede gekommen, beide sind zum ersten Mal dort, um mit den Fans zu diskutieren. Direkt, schonungslos und ungeschminkt. Gesicht heißt hier Fresse, und Sätze in denen die Formulierung „Arsch aufreißen“ vorkommt, sind gern benutzt. Man ist ja unter sich, sozusagen zu Hause in der viel beschworenen Union-Familie, die es zu stärken gilt. Und natürlich sind die Treffen auch ein Forum, in dem sich Fans und Profis austauschen können. Kritisch, manchmal angeheitert, aber nie unter der Gürtellinie. Auch darum ist das Publikum stets bunt gemischt: Hinter der Männerrunde, die biertrinkend und mit Ultrashirts bekleidet mitten im Raum steht, sitzt eine Familie und isst entspannt ihr Abendbrot, die Kinder tragen Union-Trikots. In der Luft hängt der Geruch von Bier und ziemlich viel Zigarettendunst. Wer seinen Blick von den Spielern losreißt und aus dem Fenster schaut, blickt direkt auf das alte Kabelwerk Oberspree, wo die Geschichte der Schlosserjungs aus Schöneweide einst begann. Näher an Unions Wurzeln geht es nicht, und so ist dieser Abend für die Profis wie ein Signal: Seht her, so sind wir, das ist euer Verein.

Zwischen den Spielern hat wie immer Tino Czerwinski Platz genommen, früher war er im Präsidium aktiv, heute moderiert er die Treffen. „Wer weiß, vielleicht wird einer der Jungs noch einmal ein ganz Großer“, meint er, „da kann es nicht schaden, wenn er den Fans einmal so direkt Rede und Antwort stehen muss.“ Seit 1993 organisiert Czerwinski die Abende, damals aus einer Not heraus geboren: Weil der Lizenzentzug drohte, mussten sich Fans und Verein organisieren, Handys und Internet waren noch nicht so verbreitet. Also traf man sich in einer Kneipe. Die Zeiten wurden besser, das Treffen blieb. Jeden ersten Dienstag im Monat, weil das beim ersten Mal zufällig auch so war.

Heute gehe es „vor allem um Unterhaltung“, so Czerwinski, der sich bemüht, in einer Saison jeden Spieler zu Gast zu haben. Vor allem die Neuen. „Einen ziemlich direkten Draht“ nennt Savran das Treffen später, ist aber begeistert. Auch Chinedu Ede taut in dieser Umgebung etwas auf. „Ich bin einfach nicht scharf darauf, mein Gesicht in jeder Zeitung zu sehen“, erklärt er seinen Ruf als stiller, bisweilen etwas redefauler Zeitgenosse. Die Fans applaudieren und johlen. Zeitungen gehören schließlich zum Establishment, sie produzieren Stars, die dann abheben, und die will man nicht bei Union sehen. Eher Typen wie Ede, der etwas ratlos auf das Gastgeschenk starrt: Einen Leierkasten im Miniaturformat, der die Melodie „Berliner Luft“ spielt. „So einen hab ich schon mal gesehen“, sagt Ede schließlich, „im Wedding vor C&A“, und muss grinsen.

Doch bei allen Anekdoten geht es am Ende vor allem um Fußball. Warum stimmen die Laufwege nicht? Ist es überhaupt gut, wenn die Fans nach Niederlagen feiern? Wie baut ihr euch gegenseitig auf? All das wollen die Gäste erklärt haben. Da ist es nicht selbstverständlich, dass sich – selbst in Krisenzeiten – auch Trainer Uwe Neuhaus und Teammanager Christian Beeck regelmäßig beim Fantreffen sehen lassen. Auch sie scheinen zu spüren, dass man der Seele des 1. FC Union sonst nur selten so nahe kommt.