Zweite Liga

Was Union und die Münchner Löwen unterscheidet

Lange galt 1860 München als Vorzeigemodell für den zweitgrößten Klub einer Stadt: Seit 2005 allerdings befindet sich Unions nächster Gegner im freien Fall. Die Berliner haben sich dagegen in der 2. Bundesliga etabliert.

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Es muss die Mitarbeiter von 1860 München derzeit viel Überwindung kosten, allmorgendlich den Briefkasten zu leeren. Fast jeden Tag liegen schlechte Nachrichten darin, auch am Donnerstag war das wieder so. Und der Brief, der den Münchner Zweitligisten da erreichte, hatte es diesmal wirklich in sich: Der polnische Hauptsponsor Comarch teilte mit, eine Klausel in Anspruch zu nehmen und zum Saisonende auszusteigen. An sich wäre der Vertrag noch bis 2013 gelaufen, immerhin 1,8 Millionen Euro jährlich sprangen dabei heraus. „Eine Mischung aus der finanziellen Situation und der Situation des Klubs“, nannte der Konzern als Grund. Heißt: Tragen die „Löwen“ noch länger das Wappen auf ihrer Brust, schädigt das die Marke.

So weit ist es also gekommen mit einem Verein, der nicht nur Freitagabend Gegner des 1. FC Unions ist (18 Uhr, Alte Försterei und live im Ticker von Morgenpost Online ), sondern der über Jahrzehnte als Vorzeigemodell für den typischen, zweitgrößten Fußballklub einer Großstadt stand. Ein bisschen bieder zwar, aber etabliert und im Rahmen seiner Möglichkeiten auch sportlich erfolgreich. Nun ist er genau das Gegenteil davon, und Union, daran kann kein Zweifel bestehen, hat ihm diesen Rang längst abgelaufen. Denn während 1860 versucht, irgendwie zu den eigenen Wurzeln zurückzufinden, hat Union sie gar nicht erst verlassen.

Kontinuität als Schlüssel

Den Vergleich zu anderen Klubs lehnt Teammanager Christian Beeck zwar ab, doch auch er sieht die Köpenicker „auf einem guten Weg zu unserem Ziel, uns im Bereich der DFL zu etablieren“. Im Profifußball also. Doch der Vergleich zu 1860 München fällt auch so eindeutig aus. Beispiel Kontinuität: Nicht weniger als vier Präsidenten verschliss der Klub seit 2004, dem Ende der Ära Karl-Heinz Wildmoser, der inzwischen verstorben ist. Hinzu kommen zwei gescheiterte Geschäftsführer, die allein im vergangenen Jahr versuchten, die beharrlich drohende Insolvenz noch abzuwenden.

Ganz anders Union. Präsident Dirk Zingler ist seit fast sieben Jahren im Amt, Teammanager Beeck und Trainer Uwe Neuhaus arbeiten seit 2007 zusammen. Neuhaus ist gar der dienstälteste Trainer der Zweiten Liga – deutlicher könnten Kontinuität und das völlige Chaos Freitagabend wohl kaum aufeinander prallen. Beeck jedenfalls misst dem Faktor Mensch eine erhebliche Bedeutung zu. Er sagt: „Die Menschen, die den Klub ausmachen, müssen glaubwürdig sein und eine hohe Identifikation mitbringen. Ich glaube, dass wir da in der Ära Dirk Zingler nur ganz wenige Fehler gemacht haben.“

Eben der überrascht bisweilen mit seinem Kurs, den Verein auf solide Beine zu stellen. Zum Beispiel, als er Trainer Neuhaus praktisch eine Jobgarantie auch für die Dritte Liga gab und betonte, dass es unter Umständen sinnvoller sei, einen Abstieg in Kauf zu nehmen als mit hohem finanziellem Risiko die Klasse zu halten. Das Stadion ist noch so ein Thema: Die neue Haupttribüne an der Alten Försterei wird erst dann gebaut, wenn die Finanzierung zu 100 Prozent gesichert ist. Das mag auf den ersten Blick etwas konservativ erscheinen. Aber gerade das Beispiel 1860 zeigt ja, wie die Dinge auch laufen können: 2005 eröffnete der Verein zusammen mit dem großen Nachbarn Bayern München die Allianz Arena, die beiden Vereinen zur Hälfte gehörte. Nicht einmal ein Jahr später mussten die Bayern die Hälfte der Sechziger kaufen, um eine Insolvenz abzuwenden. Seither ist der Klub nur noch Mieter und muss horrend hohe Gebühren unter anderem für das Catering zahlen – bis 2025, derzeit stundet Bayern die Miete, die Rede ist von insgesamt drei Millionen Euro. Während Union für 2009/10 einen Rekordgewinn von 1,3 Millionen Euro vermelden durfte, drücken 1860 Verbindlichkeiten an allen Ecken und Enden. Spieler und Angestellte mussten auf Teile des Gehalts verzichten, im Winter verkaufte der Verein neun Spieler, darunter Leistungsträger wie Giovanni Federico (zwölf Tore). Trotz aller Anstrengungen gab es zwei Punkte Abzug wegen Lizenzverstößen, am 15. März steht die Lizenz erneut zur Disposition. Kein Wunder, dass sich die meisten Fans wünschen, das Stadion an der Grünwalder Straße nie verlassen zu haben, in dem der Verein in den 60er Jahren seine größten Erfolge gefeiert hatte und in dem viele immer noch die Seele des Klubs vermuten.

Sollte Union die drei Punkte holen, wäre das wohl eine kleine Vorentscheidung im Abstiegskampf. Die Köpenicker könnten sich auf ihre dann sechste Saison in der Zweiten Liga freuen. Zum Vergleich: Für die Sechziger stehen mit neun Spielzeiten seit der Wende nicht viel mehr zu Buche. Zugegeben, viele Jahre spielte der Klub dafür in der Bundesliga. Diese Zeiten aber sind längst vorbei.