Vorwürfe

Sponsor-Chef von Union soll für Stasi gespitzelt haben

Kein Gegentor, neun Punkte aus drei Spielen, Spitzenreiter: Das interessierte beim 1. FC Union am Sonntag wegen der Nachrichten um die Stasi-Verstrickung um den Sponsor-Chef Jürgen Czilinsky niemanden wirklich. Nach Informationen von "Spiegel online" entpuppte sich der Vorsitzende des Aufsichtsrats von Hauptsponsor ISP als Stasi-Offizier.

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Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe. "Sie erwischen mich vollkommen auf dem falschen Fuß", sagte Dirk Zingler, der Präsident des 1. FC Union am Sonnabendnachmittag. Was war passiert? Punktabzug beim Zweitliga-Spitzenreiter nach dem 1:0 gegen Rostock? Sorgen mit dem modernisierten Stadion?

Viel schlimmer: Jürgen Czilinsky, Aufsichtsratschef des Hauptsponsors International Sport Promotion (ISP), soll vor der Wende Führungsoffizier beim DDR-Ministerium für Staatssicherheit (Stasi) gewesen sein, zuletzt sogar im Rang eines Hauptmanns der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA). Das berichtet "Spiegel online".

Erhärtet wird die Behauptung durch Czilinsky selbst, der in dem Bericht gar nicht erst versucht, seine Tätigkeit für die Stasi zu leugnen. Stattdessen wird der 51-Jährige zitiert, "keine Angaben" dazu machen zu wollen, "weil es teilweise mehr als 25 Jahre her" sei und er "nicht mehr alle Zusammenhänge rekapitulieren" könne.

Gespräche soll es am Montag geben

Laut "Spiegel online" soll Czilinsky diverse Stasi-Mitarbeiter betreut haben und sich um mindestens 26 "operative Vorgänge" gekümmert haben. "Ich werde mich mit Herrn Czilinsky darüber unter vier Augen unterhalten", sagte Union-Boss Zingler: "Wenn wir der Auffassung sind, die Sache hat Substanz, werden wir uns überlegen, wie es weitergeht." Gleiche Töne schlägt ISP-Geschäftsführer Dieter Fietz an: "Ich möchte zunächst ein persönliches Gespräch mit Herrn Czilinsky führen. Selbstverständlich werden wir den Sachverhalt auch kurzfristig mit Herrn Zingler besprechen." Dieses Gespräch soll es schon am Montag geben.

Ausgerechnet der 1. FC Union, jener Fußball-Klub, der zu DDR-Zeiten für das regimekritische Verhalten seiner Fans berühmt wurde, steht nun mehr als nur im Verdacht, mit einem ehemaligen Funktionär eben jenes Regimes zusammenzuarbeiten. Für die treuen Mitglieder, per Klubsatzung das oberste Organ des Vereins, ein untragbarer Zustand. Oder doch nicht? Im Union-Fanforum wird der Fall angeregt diskutiert. Einige fordern die sofortige Trennung von der ISP, andere sehen dies ausschließlich als Problem des Hauptsponsors, halten eine Zusammenarbeit weiter für möglich. Es gelte, sich zu positionieren.

Vor allem die jüngeren Anhänger, jene, die die DDR-Zeit nicht hautnah miterlebt haben, berufen sich auf die 20 Jahre, die seit dem Ende der DDR vergangen sind. Die Älteren hatten in der vergangenen Spielzeit nicht mal einen Fuß in den Jahn-Sportpark gesetzt, das Stadion, in dem Union der Aufstieg gelang. Und das auch heute noch als Symbol für den BFC Dynamo, den einstigen Stasi-Klub, steht. Stets hat man sich bei Union darum bemüht, sich von dem DDR-System abzugrenzen. Eine Identität, die bis heute gepflegt wurde. Und die nun mit einem Federstrich ausradiert zu werden droht.

Union gerät in einen Interessenkonflikt

Nach Darstellung des Ex-Stasi-Offiziers Czilinsky ist Union von dessen Karriere bei der HVA nicht informiert gewesen. Die Frage, ob und inwiefern sich Union um die Vergangenheit der bei der ISP handelnden Personen gekümmert hat, muss sich der Klub dennoch gefallen lassen. Gerade bei einem Deal dieser Größenordnung und einem Unternehmen, das bis heute nicht stichhaltig darlegen konnte, woher die zwei Millionen Euro jährlich fünf Jahre lang kommen sollen.

Durch die offenbar vorhandene Stasi-Laufbahn Czilinskys, als Aufsichtsratschef wichtigster Mann bei der ISP, gerät Union in einen Interessenkonflikt. Wird die Arbeit unter den gegebenen Voraussetzungen fortgeführt, setzt der Verein einen großen Teil seiner Glaubwürdigkeit aufs Spiel. Gerade Klubchef Dirk Zingler hat in den vergangenen fünf Jahren akribisch am soliden Image gearbeitet. Bleibt nach Aufarbeitung der Dinge nur die Trennung von der ISP, könnte der Klub die goldene Zukunft, von der einige bereits in der Wuhlheide träumen, nur wenige Wochen nach der Aufstiegseuphorie wieder verspielt haben.

"Union wird alles tun, um hier unter Einbezug aller Gremien schnell Klarheit zu schaffen", erklärte Antonio Hurtado. Morgenpost Online erreichte den Aufsichtsratsvorsitzenden des Zweitligisten telefonisch am Strand von Florida. Dass Union nicht mit einem Unternehmen zusammenarbeiten kann, in dem ehemalige Stasi-Offiziere das Sagen haben, ist für Hurtado jedoch "keine Frage". Es ist ein Fakt.