Berliner Olympiasiegerin

Mariama Jamanka: „Ich bin eine kleine Frostbeule“

Die Berliner Bob-Olympiasiegerin Mariama Jamanka über ihren ungewöhnlichen Weg und die Liebe zur Heimat.

Mariama Jamanka (r.) mit ihrer Anschieberin Lisa-Marie Buckwitz und ihren Goldmedaillen im Deutschen Haus

Mariama Jamanka (r.) mit ihrer Anschieberin Lisa-Marie Buckwitz und ihren Goldmedaillen im Deutschen Haus

Foto: Andreas Rentz / Getty Images

Pyeongchang.  Sie war die deutsche Gold-Überraschung dieser Spiele: Noch nie hatte Mariama Jamanka (27) ein Weltcup-Rennen gewonnen, doch in Pyeongchang raste sie im Zweierbob zum Olympiasieg. Ein Gespräch über den Gold-Coup, ihre Heimat Berlin und schnelles Autofahren.

Sie wirkten am Abend Ihres größten Triumphes und auch am Tag danach noch ungläubig. Haben Sie mittlerweile den Olympiasieg realisiert?

Es sickert langsam ein. Die Siegerehrung, als wir dann unsere Medaille bekommen haben, hat schon geholfen, es zu begreifen. Auch die vielen Termine danach im Deutschen Haus, mit den Medien - da merkt man: Wow, es ist wirklich passiert.

Ist es positiver Stress, wenn man plötzlich so gefragt ist?

Ehrlich gesagt hat es mich mächtig erstaunt, welche Auswirkungen unser Sieg hatte. Meine Familie und Freunde haben mir Zeitungsartikel geschickt. Sogar in Berlin war das ja richtig groß drin. Damit habe ich nicht gerechnet. Aber klar freut man sich. Nur es ist schwierig, alles zu koordinieren. Ich hatte meiner Mama zu Weihnachten eine Kreuzfahrt nach Norwegen geschenkt, die geht am Sonntag los. Bis dahin bin ich ziemlich auf Achse.

Sie hatten bisher noch kein Rennen gewonnen. Können Sie mit einigen Tagen Abstand erklären, warum es ausgerechnet zu Olympia so perfekt lief?

Ich habe ja noch nicht ganz so viel Erfahrung. Deshalb sind mir aus Nervositätsgründen auch immer mal Fehler unterlaufen. Hier habe ich vor allem am zweiten Tag gezeigt, was ich kann und bin top gefahren. Dass mir das bei den Olympischen Spielen gelang, ist natürlich ein wunderbarer Zufall.

Sie wirkten unglaublich gelassen. Sind Sie so cool?

Das haben mir viele gesagt. Ich habe ganz bewusst versucht, jegliche Ablenkung von mir fern zu halten. Das Handy blieb zwei Tage lang aus. Ich habe nur auf Nachrichten vom Trainer reagiert. Auch an der Bahn habe ich das strikt durchgezogen, mich nicht mit den anderen Läufen oder Zeiten beschäftigt, sondern nur mit mir selbst. Es scheint, ganz gut geholfen zu haben.

Ihr Oberhofer Trainer Matthias Höpfner lobt Ihre Beharrlichkeit. Sind Sie auch im normalen Leben ein unbeirrbarer Typ?

Ja, doch. Man könnte sogar stur oder verbissen dazu sagen. Anfangs habe ich mich ja auch mit dem Bob ziemlich schwer getan, bin viel gestürzt. Ich bin aber jemand, der - wenn er mal etwas angefangen hat - seinen Kopf runternimmt und einfach weitermacht. Auch wenn es Rückschläge gibt.

Wie viel Wut im Bauch war dabei, nachdem ihre Stamm-Anschieberin Annika Drazek im Januar in den Schlitten von Konkurrentin Stephanie Schneider gewechselt ist?

Wut hatte ich nicht. Ich konnte die Argumentation der Trainer ja verstehen und habe den Wechsel auch akzeptiert. Zu dem Zeitpunkt stand Stephanie einfach öfter auf dem Podest. Persönlich war das schon eine harte Nummer. Aber ich habe mir gemeinsam mit Lisa gesagt: Wir wollen zeigen, was wir können und uns bei Olympia beweisen.

Das hat bestens geklappt. Welchen Ehrenplatz kriegt Ihre Medaille?

Im Olympischen Dorf liegt sie auf meinem Nachttisch neben dem Bett, auch wenn ich sie am liebsten irgendwo sicher versteckt hätte. Aber hier gibt es keinen Tresor. Zu Hause bringe ich sie zu meiner Mutter nach Berlin. Auch wenn sie dieses Jahr schon ein bisschen genervt war, als ich einige Pokale mit nach Hause gebracht habe. Sie wusste nicht mehr so richtig, wohin damit. Doch ich glaube, für Olympia-Gold findet sie noch ein schönes Plätzchen.

Wie war denn ihre erste Reaktion?

Sie hat geweint. Aber das wusste ich vorher schon. Wir haben ein tolles Verhältnis. Eigentlich wollte sie ja auch mit nach Südkorea kommen. Aber es ist wirklich teuer und vor allem schwierig, während der Spiele wirklich Zeit miteinander zu verbringen. Deswegen haben wir es gelassen - und sie hat es sich im Fernsehen angeschaut.

Nach ihrer Rückkehr wird gefeiert?

Mal sehen, wie feierwütig ich am späten Montagabend noch bin. Aber ich genieße es immer, wenn ich zu Hause bin. Dass es jetzt nach Olympia noch so stressig wird, damit konnte ich ja nicht wirklich rechnen. Aber auf der Kreuzfahrt haben Mama und ich ja dann etwas Zeit füreinander.

Ihr Vater stammt aus Gambia. Haben Sie eine besondere Beziehung zu dessen Heimat?

Nicht wirklich. Meine Eltern haben sich früh getrennt, und ich bin bei meiner Mutter aufgewachsen. Zu meinem Vater habe ich zwar losen Kontakt und kenne auch einige Familienmitglieder von seiner Seite. Aber in Gambia war ich noch nicht. Irgendwann später werde ich mir das vielleicht mal angucken.

Sie wechselten 2013 als Leichtathletin ins Bob-Lager. Fanden Sie das so toll?

Mein Trainer hat es mir empfohlen. Aber selbst hatte ich keinerlei Bezug zum Wintersport. Als Berliner ist man ja auch relativ weit weg davon. Aber ich hatte gleich Spaß an der Geschwindigkeit, und als Pilotin ist es natürlich klasse, die Kontrolle über den Schlitten zu haben.

Macht Ihnen als Großstadtkind die Kälte gar nichts aus?

Ganz ehrlich: Ich bin eine kleine Frostbeule und mag es auch gar nicht, wenn es so kalt ist wie an den ersten Tagen bei Olympia. Minus 14 Grad tagsüber sind nicht so mein Ding. Aber es gehört halt dazu. Und in St. Moritz, wenn die Sonne scheint, wird man ja auch mal dafür entschädigt.

Ist man als rasante Bobpilotin automatisch auch eine schnelle Autofahrerin?

Ja, ich fahre sehr gerne schnell mit dem Auto. Und was ich so aus meinem Bobfahrer-Umfeld mitbekomme, ist es tendenziell durchaus eine Berufskrankheit.

Wie lange brauchen Sie von Oberhof nach Berlin?

Das kommt immer darauf an, wie viele Baustellen sind. Aber mein Opel Astra schafft 230…

Was vermissen Sie denn man meisten an der Heimat?

Ich liebe das Stadtleben, habe immer gern Menschen um mich herum. In Berlin kann man einfach losziehen und etwas machen, wenn man Lust hat - auch ohne Auto. Ich finde auch Erfurt echt schön, habe dort schon viel gesehen. Aber Berlin ist Berlin, da gibt es immer etwas Neues zu entdecken.

Und was schätzen Sie am meisten an Oberhof?

Dort habe ich die besten Trainingsmöglichkeiten und mir über die Jahre auch einen Freundeskreis aufgebaut. Der Ort ist so sportaffin. Solch eine Sportgemeinschaft findet man vermutlich nirgendwo noch einmal.

Ihre Anschieberinnen Lisa-Marie Buckwitz und Annika Drazek wollen auch Pilotinnen werden. Ist Ihnen Bange vor der neuen Konkurrenz?

Konkurrenz wird es immer geben. Aber der Umstieg dauert seine Zeit. Sie werden nicht nächstes Jahr und wahrscheinlich auch nicht übernächstes Jahr im Weltcup mitfahren können. Als Anschieberinnen werden sie uns gewiss fehlen. Doch ich verstehe jeden, der diesen Weg geht und wünsche ihnen alles Gute dafür.

Wer wird Sie künftig auf Touren bringen?

Da müssen wir uns in den nächsten Wochen im großen Kreis zusammensetzen und über die beste Konstellation sprechen. Ich bin zuversichtlich, dass wir eine gute Lösung finden werden.

Folgt nach dem Olympiasieg im kommenden Winter der erste Weltcup-Erfolg?

Das hoffe ich doch. Abgesehen von der Europameisterschaft war das ja mein erster Sieg, und es soll sicher nicht mein letzter gewesen sein.

Hätten Sie auch mal Lust, einen Viererbob zu steuern?

Ich denke, dass das irgendwann kommen wird. Und ich würde das auch gern probieren - allerdings nicht auf den Bahnen in Lake Placid und Whistler. Da hätte ich Schiss.

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