Eishockey Nationalteam

Sie sind und bleiben Sieger

2013 lag das deutsche Eishockey am Boden, nun feiert es den größten Triumph seiner Geschichte. Das liegt auch an Trainer Marco Sturm.

Deutschlands Eishockey-Helden jubeln nach dem Halbfinalsieg gegen Rekord-Olympiasieger Kanada. Ganz links: Trainer Marco Sturm

Deutschlands Eishockey-Helden jubeln nach dem Halbfinalsieg gegen Rekord-Olympiasieger Kanada. Ganz links: Trainer Marco Sturm

Foto: Bruce Bennett / Getty Images

Pyeongchang.  Die Busse in Südkorea bieten einigen Schnickschnack in der Innenausstattung, bunte Lichtleisten, dicke Lautsprecherboxen. Je nach Fahrer wird individuell aufgewertet. Diese Gelegenheit ließen die Spieler der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft nicht ungenutzt. Sie baten darum, die Anlage mal richtig aufzudrehen auf der Rückfahrt vom Gangneung Hockey Centre ins olympische Dorf. Die Bilder davon kursieren im Internet, es ging ordentlich ab.

Obwohl die Fahrt nur kurz war und sich danach alle auf den Zimmern verteilten, fanden die meisten keine Ruhe. „Es kamen viele Nachrichten von zu Hause, alle mussten realisieren, was passiert ist“, erzählt Stürmer Patrick Reimer. Wer überhaupt in den Schlaf kam, schlief unruhig. Ein echtes Wunder ist der Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) gelungen. Zum ersten Mal zog ein deutsches Team in das Olympia-Finale ein. Diese Gedanken können einen so sehr fesseln, weil sie undenkbar waren bis vor ein paar Tagen. Nun spielt das Team von Bundestrainer Marco Sturm am Sonntag gegen Russland um Gold (5.10 Uhr, Eurosport sendet eine Wiederholung um 16 Uhr).

Präsident Reindl bringt den Verband auf Vordermann

Es ist nicht nur dieser Fakt, der die Eishockeywelt gerade ins Wanken bringt. Die Geschichte um diese Mannschaft, die sich für den größten Erfolg des deutschen Eishockeys aller Zeiten verantwortlich zeichnet, hebt diese Sensation auf eine noch höhere Ebene. „Das ist eine Cinderella-Story“, sagt Verteidiger Christian Ehrhoff – der bei der Abschlussfeier am Sonntagabend die deutsche Fahne tragen wird – nach dem 4:3 gegen Rekord-Olympiasieger Kanada im Halbfinale.

Genau fünf Jahre ist es her, da erlebte der DEB seinen Tiefpunkt, verpasste in Bietigheim die Qualifikation für die Spiele 2014 in Sotschi. Gewundert hat das damals niemanden, der Verband und die Nationalmannschaft befanden sich in einer Phase der Selbstzerstörung. Sportlich setzte es zweistellige Niederlagen bei Weltmeisterschaften. Zuletzt noch im Mai 2015 in Prag – 0:10 gegen Kanada. Da fungierte Franz Reindl bereits als Präsident, doch er war noch mit den Aufräumarbeiten beschäftigt, die sein Vorgänger Uwe Harnos ihm auf zwei Ebenen aufgebürdet hatte. Einerseits stand der DEB kurz vor der Insolvenz, andererseits mochten viele Profis unter den Bundestrainern Jakob Kölliker und Pat Cortina nicht mehr zum Team kommen. Die Abstiegsangst war bei Weltmeisterschaften der treueste Begleiter der Mannschaft.

Jetzt kämpft die deutsche Auswahl um Gold, nach einem Jahrhundert-Spiel. „Diese Entwicklung hat viel mit Marco Sturm zu tun“, sagt Ehrhoff. Und mit Reindl. Er sanierte den DEB, und er versuchte, die Begeisterung für das Team wieder zu entfachen bei den Spielern. Mit Sturm, so dachte er, könnte das funktionieren. „Wir hatten die Chance, ihn als Nobody zu bekommen“, so Reindl. Als ein Niemand im Trainergeschäft, als jemand, der mit 36 Jahren und der bescheidenen Erfahrung als Übungsleiter seines Sohnes naiv genug war, an seinen Profi-Hintergrund als ausreichende Basis für die Aufgabe zu glauben.

Ehrhoff: „Sturm gibt den Respekt an die Spieler zurück“

Im Juli 2015 trat er sein Amt an. Als deutscher Rekordspieler in der NHL immerhin, als derjenige mit den meisten Einsätzen in der besten Liga der Welt. „Er verkörpert das deutsche Eishockey, ist ein riesen Aushängeschild“, erzählt Ehrhoff: „Er hat einfach einen unglaublichen Respekt, er gibt diesen Respekt aber auch an die Spieler zurück. Als er kam, hat er die Lust an der Nationalmannschaft für einige zurückgebracht.“

Sturm arbeitete sich hinein in die Aufgabe, er lernte und verstand es, seine Ideen umzusetzen. „Ihm gefällt das, man sieht, dass er Spaß daran hat“, sagt Reindl. Sturm holte sich die richtigen Leute an die Seite, verpasste der Mannschaft und dem deutschen Eishockey nach und nach eine neue Identität.

Das Spiel des Gegners zerstören, das war einmal. „Wir spielen aus einer guten Defensive heraus, aber wenn sich die Möglichkeit ergibt, versuchen wir, den Gegner unter Druck zu setzen und zu Fehlern zu zwingen“, sagt Ehrhoff. Modern spielen sie, „auf Sieg“. Sturm hat seinen Spielern das System gegeben – und das Selbstvertrauen dazu. Darüber hinaus ist ein enormer Zusammenhalt entstanden. „Wir sind eine große Familie. Das war seit meinem Amtsantritt so. Die Jungs kommen mit Freude und Lust auf harte Arbeit, seit ich hier bin“, sagt Sturm. Auf Anhieb wurden die ersten Turniere zu Erfolgen: Viertelfinale bei der WM 2016, Olympiaqualifikation, Viertelfinale bei der WM im eigenen Land 2017.

Der Coach hat dem Team Mut und Angriffslust eingehaucht

Der große Druck, dem das Team dabei ausgesetzt war, ließ es zusätzlich reifen. Sturms Mannschaft versteckt sich nicht mehr. Und löst damit nun sogar nationale Tragödien in den Hochburgen des Eishockeys aus. Erst wurde Weltmeister Schweden im Viertelfinale gedemütigt (4:3 n.V.), dann Kanada. Dort wird die Geschichte sehr streng sein mit den Verlierern. „Es gibt einen guten Grund, warum viele dieser Spieler in der Eishockey-Anonymität schuften. Nach der 4:3-Peinlichkeit gegen die gar nicht so mächtigen Deutschen ist es nur fair, dass es für viele von ihnen so bleiben wird“, urteilte der „Toronto Star“ über die kanadischen Profis. Dabei waren nicht sie es, die nach kanadischem Verständnis die Heimat blamierten, es war die NHL mit ihrer Entscheidung, keine Profis für Olympia freizustellen.

Für Sturm spielt das jetzt keine Rolle. Erstmals seit 1976 kehrt die deutsche Mannschaft mit einer Medaille nach Hause. Russland ist im Finale zwar der klare Favorit, doch das waren die anderen vorher auch.

„Es liegt eigentlich nur an uns“, sagt der Bundestrainer, dessen Vertrag schon kurz vor Olympia um vier Jahre verlängert wurde. „Der Glaube ist da. Man merkt: Die Jungs wollen mehr, und da kann man sie auch nicht von abhalten. Wir wissen, wenn wir genauso weiterspielen, dann haben wir eine gute Möglichkeit, Gold zu erreichen.“ So eine Geschichte hätte vor drei Jahren nicht einmal in einem Märchenbuch ihren Platz gefunden. Weil sie einfach nicht zu glauben ist.