Olympia

DOSB-Präsident Hörmann: „Bis Tokio unter Beobachtung“

Der Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes Alfons Hörmann über Russlands zweiten Dopingfall und deutsche Erfolge in Südkorea.

DOSB-Präsident Alfons Hörmann (l.) mit IOC-Präsident Thomas Bach (m.) und Reck-Olympiasieger Fabian Hambüchen im Deutschen Haus.

DOSB-Präsident Alfons Hörmann (l.) mit IOC-Präsident Thomas Bach (m.) und Reck-Olympiasieger Fabian Hambüchen im Deutschen Haus.

Foto: Michael Kappeler / dpa

Pyeongchang.  Am Sonntag enden die Winterspiele in Pyeongchang, Deutschland wird mit einer Rekordzahl an Goldmedaillen glänzend dastehen. Kein Wunder, dass Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), zufrieden ist. Vor den letzten Wettbewerben spricht der 57-Jährige über Südkorea, russische Versäumnisse und das IOC.

Herr Hörmann, welche Eindrücke haben Sie von Südkorea gewonnen?

Alfons Hörmann: Spannend, dynamisch, fleißig, innovativ. Die Bevölkerung zeigt eine Leistungsbereitschaft, die aus deutschem Verständnis in den Grenzbereich oder drüber hinaus geht.

Eine Wintersportnation wird aber nicht mehr daraus, oder?

Das würde ich mit den neu geschaffenen Anlagen, vielen jungen Menschen und der Nähe durch zwei Stunden Zugfahrt nach Seoul nicht sagen. Die Voraussetzungen sind eigentlich traumhaft, ich würde mir ein solches Zentrum in Deutschland wünschen.

War es richtig, Olympia hierher zu geben?

Südkorea kann mit bestem Gewissen sagen: Wir haben sehr erfolgreiche Winterspiele ausgeführt. Die Tatsache, dass der Weltsport Interesse hat, neue Regionen zu erschließen, ist unter internationalen Gesichtspunkten nachvollziehbar. Ein bisschen schade ist, dass mit Peking 2022 nun zweimal Spiele in Folge in Asien stattfinden, nachdem Sotschi ja auch schon im Grenzbereich war. Umso mehr sollten sich die Europäer bemühen, dass sich 2026 ein anderes Szenario ergibt.

Wie realistisch sind denn noch Spiele in Deutschland in den nächsten Jahren?

Es müssen sich international zahlreiche Dinge weiterentwickeln, natürlich müssen auch die negativen Schlagzeilen des vergangenen Jahrzehnts beseitigt werden. Das IOC und Thomas Bach sind mit den Veränderungen beim Bewerbungsprozess – Reduzierung der Kosten, Flexibilität in der Anpassung der Spiele bezogen auf die jeweilige Region, Nachhaltigkeit – gut unterwegs. National muss sich die Stimmungslage dahin entwickeln, wie es in den vergangenen zwei Wochen der Fall war. Dann müsste es möglich sein, und es wäre erstrebenswert, zwischen 2030 und 2040 nochmal ins Rennen zu gehen.

Das Ruhrgebiet zeigt sich konkret an einer Austragung 2032 interessiert. Auch in Berlin regt sich wieder etwas. Gibt es Punkte, die dagegen sprechen?

Ich sehe erst einmal prinzipiell kein Ausschlusskriterium.

Die letzten Bewerbungen sind doch aber gescheitert oder gar nicht erst ermöglicht worden. Die Deutschen haben sich offensichtlich davon verabschiedet, Olympia-Gastgeber sein zu wollen.

Leider stellen wir fest, dass es immer dann, wenn die Bevölkerung zu Großprojekten gefragt wird, tendenziell leichter fällt, Gegner als Befürworter zu mobilisieren. Einem Land wie Deutschland, das politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich international stark positioniert ist, würde es gut zu Gesicht stehen, Großveranstaltungen verschiedener Arten auszurichten. Wir werden nicht müde, die Vorzüge und Perspektiven, die so eine Bewerbung hat, zu vermitteln.

Das Vertrauen in Olympia und seine Funktionäre fehlt aber hierzulande. Ein großes Problem des IOC ist das Doping, im Russland-Fall hat es eine sehr schwache Figur abgegeben. In Pyeongchang wurden wieder drei Sünder erwischt.

Die Tatsache, dass einzelne Sportler ertappt wurden, spricht dafür, dass die Kontrollsysteme greifen. Die Athleten aus unserem Team berichten, dass professionell und intensiv kontrolliert worden ist.

Oftmals muss der Medaillenspiegel ja noch im Nachhinein korrigiert werden.

Dass Einzelfälle auch Jahre danach gefunden werden, spricht ja nur für funktionierende Kontrollsysteme. Aber das kann nicht die Zielsetzung sein. Man kann nur hoffen, dass die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada künftig so agiert, dass sich Sotschi nie wiederholt.

Ist das IOC aktiv genug?

Da bin ich klar auf Seiten des IOC. Ich bin der Meinung, dass es im Antidopingkampf von den Aktivitäten bis hin zur Finanzierung alles Menschenmögliche unternimmt. Da steht dann schon eher die Wada in der Pflicht, die im Hinblick auf Russland, was vor und während der Spiele in Sotschi gelaufen ist, nicht ansatzweise in der Professionalität gearbeitet hat, wie man es von ihr erwarten muss.

Jetzt kommen ausgerechnet zwei der vier Erwischten wieder aus Russland. Einzelfälle oder lässt das vermuten, dass das Dopingsystem noch immer funktioniert?

Ich finde es bedauerlich, dass es wieder aus dem russischen Team kommt, weil es neue Spekulationen nährt.

Wäre es da überhaupt ratsam, die Russen am Sonntag bei der Abschlussfeier wieder hinter ihrer Fahne laufen zu lassen?

Ich persönlich sehe es als sehr ambitioniert an, das hier schon vor Ort umzusetzen. Den Status „Unter Beobachtung“ hätte ich mir bis Tokio gut vorstellen können.

Wenn Sie russische Funktionäre hier erlebt haben, wirkten die geläutert oder gedemütigt?

Ich konnte weder das eine noch das andere erkennen. Ich hätte mir im Umfeld der Spiele einmal ein klares Statement für Fairplay vorstellen können. Dafür wäre hier in Pyeongchang genau der richtige Platz und Zeitpunkt gewesen. Aber ich habe keines vernommen.

Das Abschneiden der deutschen Athleten dagegen war sehr erfreulich. Wie fällt Ihr sportliches Fazit aus?

Das Team ist insgesamt vorbildlich aufgetreten. Wer aber meint, dass wir dieses Ergebnis mit den heutigen Mitteln und Strukturen halten können, der wird sich spätestens bei den Spielen 2022 in Peking wundern und mit schmerzverzerrtem Gesicht an Pyeongchang erinnern. Wir müssen die Strukturen weiter optimieren. Ohne eine deutliche und klare Erhöhung der finanziellen Mittel wird es nicht gelingen, die Top-Sportarten auf diesem Niveau zu halten und die, die noch nicht dort sind, nach oben zu bringen.

Beim Bund hatte der DOSB deutschlich mehr Geldbedarf angemeldet zur Reform des Leistungssports, eine neue Große Koalition müsste den bewilligen. Thomas de Maizière wird dann aber nicht mehr dem Kabinett angehören. Haben Sie mit dem Nachfolger bereits gesprochen?

Nicht nur Thomas de Maizière hat sich damit beschäftigt, die Frage des finanziellen Aufwuchses ist auch im neuen Entwurf des Koalitionsvertrages klar enthalten. Es gibt zig Willensbekundungen. Insofern hoffe ich sehr, dass das auch in neuer Konstellation getragen wird. Andernfalls wäre es ein schwerer Rückschlag, dann wäre die Reform zum Scheitern verurteilt, weil die Umsetzung nur dann funktioniert, wenn auch die Durchfinanzierung gegeben ist. Mit denkbaren Nachfolgern haben wir selbstverständlich noch keinen Kontakt aufgenommen. Zuallererst muss sich jetzt die Politik sortieren, dann kann man Gespräche führen, zügig und klar.