Zweierbob

Geteiltes Gold, doppelte Freude

Die Zweierbobs aus Deutschland und Kanada sind nach vier Läufen gleich schnell. Dank der grandiosen Aufholjagd von Francesco Friedrich.

Die Deutschen Francesco Friedrich und Thorsten Margis sowie die Kanadier Justin Kripps und Alexander Kopacz freuen sich über ihren Olympiasieg

Die Deutschen Francesco Friedrich und Thorsten Margis sowie die Kanadier Justin Kripps und Alexander Kopacz freuen sich über ihren Olympiasieg

Foto: Michael Kappeler / dpa

Pyeongchang.  Plötzlich hält sie nichts mehr in der „Leaderbox“, jener Zone im Zielbereich, in der sich die Führenden aufhalten und in die Kamera winken müssen. Francesco Friedrich und Thorsten Margis rennen einfach los und springen mit einem Satz auf die Tribüne. Fast hat es den Anschein, als würden die Kraftpakete das Geländer herausreißen, an dem sie rütteln. Glücklicherweise lassen sie schnell davon ab und herzen lieber die überglücklichen Familien- und Fanklub-Mitglieder sowie einige Sponsoren.

Wenige Meter weiter fallen sich die Kanadier in die Arme und schreien ebenso ihre Freude heraus. Mittendrin: Justin Kripps und Alexander Kopacz, die das grandiose Finale einer denkwürdigen Zweierbob-Entscheidung geliefert hatten. Am Ende von vier Läufen auf der kniffligen Bahn des Olympic Sliding Center und insgesamt 5,504 Kilometern stand bei ihnen und den Deutschen exakt die gleiche Zeit zu Buche: 3:16,86 Minuten. Geteiltes Gold, doppelte Freude.

André Lange, der mit vier Mal Olympia-Gold dekorierte Meisterpilot vergangener Tage, beobachtet die emotionalen Szenen. „Was für eine Werbung für unseren Sport. Der Gesamtweltcup-Sieger dieser Saison und der Weltmeister der letzten Jahre stehen gemeinsam ganz oben. Gerechter geht es nicht“, meint er und zollt seinem Nachfolger Anerkennung: „Solch ein Comeback gab es noch nicht so oft.“ Die Rolle des Jägers schien ihm mehr gelegen zu haben als jene des Gejagten, die er sonst immer innehat.

Auch 1998 in Nagano gab es ein totes Rennen

Seit Jahren dominiert er mit Anschieber Margis die Zweierbob-Konkurrenz, gewann vier WM-Titel und wollte sich nach dem ernüchternden achten Platz in Sotschi 2014 nun auch die olympische Krone aufsetzen. „Dass wir das noch geschafft haben, ist unglaublich. Ein echt krasses Rennen“, sagt Friedrich. Der Mann, der ihn zum Startrekord (4,85 Sekunden) schob, ergänzt: „Es gab für uns keine andere Option als Gold. Als wir uns am Abend gesammelt hatten, schworen wir uns für den zweiten Tag: Alles oder nichts.“

Es entwickelte sich einer der spannendsten Wettbewerbe der olympischen Bob-Geschichte. Vergleichbar allenfalls mit der Entscheidung 1998 in Nagano, als der Kanadier Pierre Lueders und Günther Huber (Italien) zeitgleich zum Olympiasieg gerast waren. Diesmal lagen jedoch vor dem Finaldurchgang die ersten fünf Gespanne ganze 13 Hundertstelsekunden auseinander. Darunter auch die anderen deutschen Bobs: Nico Walther mit Christian Poser und Johannes Lochner mit Christopher Weber. Sie mussten zum Abschluss den Letten Oskars Melbardis noch vorbeiziehen lassen und landeten auf den Rängen vier und fünf.

„Für sie tut es mir ein bisschen leid“, resümiert Bundestrainer Rene Spieß und zeigt sich gleichzeitig beeindruckt von der Nervenstärke seines Vorzeigepiloten. Dieser hatte die beiden Auftaktläufe völlig verpatzt, weil er die so wichtige Kurve zwei nicht traf und viel Zeit verlor. „Ich war verdammt sauer auf ihn“, gibt Margis zu. So sehr, dass er vor Wut erst einmal eine Planke im Auslauf zertrat und eine gute halbe Stunde brauchte, um sich wieder einzukriegen. Dann raufte sich das Erfolgsduo zusammen, schwor sich, den Rückstand von 29 Hundertstel zur Halbzeit wettzumachen und sich den Gold-Traum zu erfüllen.

Wenig Schlaf, dafür viel Arbeit

Allerdings war an Schlaf nicht zu denken, wie Friedrich erklärt. Gefühlte tausend Mal sei er in Gedanken die Schlüsselstelle der Bahn durchgegangen. Höchstens drei Stunden sind es gewesen, in denen die Hoffnungsträger die Augen zugemacht haben. „Wir sind den ganzen Tag völlig durchgehangen“, sagt der 27-Jährige. Erst die Ankunft an der Bahn ließ sie hellwach werden - und angriffslustig. Im dritten Durchgang legten Friedrich/Margis einen Auftritt hin, den Bundestrainer Spieß später als „Zauberlauf“ bezeichnet: Bahnrekord mit 48,96 Sekunden.

Eine Duftmarke, die mehrere Ursachen besitzt: So saßen die Trainer bis drei Uhr nachts zusammen, sezierten die Fahrten und legten eine neue Strategie fest, die Friedrich schließlich glänzend umsetzte. Zudem wurden die hinteren Kufen gewechselt, die vorderen derweil nochmals geschliffen und auf Hochglanz poliert. Diese anstrengende, rund dreistündige Arbeit übernahmen Friedrichs Vierer-Anschieber Candy Bauer und Martin Grothkopp, um ihre Teamkollegen zu entlasten.

Aber ohne Zittern ging es nicht. Nachdem er seinen finalen Lauf, „ohne auch nur einmal nach oben zu gucken und praktisch blind“ absolviert hatte, durchlebte er am Fernseher in der „Leaderbox“ ein Wechselbad der Gefühle. Die Kanadier lagen erst zurück, dann wieder vorn – und als im Ziel die Punktlandung feststand, gab es plötzlich vier Olympiasieger. „Ich hoffe nur“, wirft Margis grinsend ein, „dass die auch vier Goldmedaillen hier haben.“