Olympia

Silber ist das neue Gold für Andreas Wellinger

Olympiasieger fliegt bei Kamil Stochs Triumph von der Großschanze auf Platz zwei. Mit dem Team winkt auch noch die dritte Medaille.

Mit goldenem Helm zu Silber: Andreas Wellinger darf erneut jubeln

Mit goldenem Helm zu Silber: Andreas Wellinger darf erneut jubeln

Foto: Daniel Karmann / dpa

Pyeongchang.  Wie er den Tag begonnen habe, wird Kamil Stoch nach Mitternacht gefragt. Er zögert kaum, die Beantwortung dieser Frage fällt dem 30-Jährigen nicht schwer: so wie immer. „Wenn man etwas anders macht als sonst, nur weil es Olympia ist“, sagt Polens Skisprung-Star, „dann kann einiges falsch laufen. Wenn du aber versuchst, alles normal zu machen, dann kann dich nicht so viel überraschen.“

Der Sonnabend in Pyeongchang war ein normaler Tag für Kamil Stoch. Für die besten Skispringer der Welt bedeutet es eben, dass Stoch gewinnt. Und er wie schon 2014 in Sotschi die Goldmedaille holt.

Da war sie nun, die von allen Fans und Journalisten in Polen erwartete Goldmedaille für den mit wenigen Ausnahmen dominierenden Springer dieses Winters. Erst hat er Sven Hannawalds Rekord eingestellt, bei der Vierschanzentournee jeden Wettkampf gewonnen. Nun folgte nach Platz vier von der Normalschanze die Wiedergutmachung vom großen Bakken. Es gab zwar weitere Flüge als den von Stoch im zweiten Durchgang, den vom Silbermedaillengewinner Andreas Wellinger auf 142 Meter zum Beispiel. Aber mit einer unbeschreiblichen Eleganz segelte der Titelverteidiger mit dem letzten Sprung des Wettkampfs auf 136,5 Meter, er bekam glänzende Haltungsnoten und auch noch Punkte gut geschrieben für die schlechten Windbedingungen. 285,7 Zähler hatte Stoch am Ende, Wellinger kam auf 282,3, Bronze ging an den Norweger Robert Johansson (275,3). „Ich habe mein bestes Skispringen gezeigt“, sagte der sonst so selbstkritische Pole.

Stoch ist der beste Skispringer der Welt

Vielleicht ging diese großzügige Einschätzung aber auch einher mit der unermesslichen Erleichterung. „Es war schwierig für Stoch, so auf Sieg zu gehen“, erklärte Polens Trainer Stefan Horngacher. Stoch ist in seiner Heimat eine Ikone, einer, gegen den selbst FC-Bayern-Starkicker Robert Lewandowski die Wahlen zum Sportler des Jahres verliert. „Wir waren von der kleinen Schanze nach dem ersten Durchgang Erster und Zweiter, haben dann aber keine Medaille gemacht – das war schon ein Schock fürs ganze Team. Mit dem Sieg fällt aber alles ab“, sagt der Österreicher Horngacher.

Es ist der nächste Titel, der Stoch wohl zum vollständigsten Athleten seiner Sportart macht. Weltmeister 2013 von der Großschanze und vor einem Jahr mit der Mannschaft. 2014 Doppel-Gold in Russland in den Einzelwettbewerben, nun die Wiederholung von der Großschanze. „Sotschi war überragend, Pyeongchang ist außergewöhnlich“, sagte Stoch. „Ich war mit meiner Arbeit heute viel zufriedener.“ Sicherlich auch, weil er einen starken Konkurrenten hatte, der den Polen zur Bestleistung trieb.

„Die Spiele bis jetzt sind ein Traum für mich, auch Silber ist eine wundervolle Farbe“, sagte Andreas Wellinger, „dass ich wieder zur Siegerehrung darf, ist der absolute Wahnsinn.“ Gold am vergangenen Sonnabend, Silber gestern – „echt geil, dass ich das auf die große Schanze übertragen konnte.“ Dem 22-Jährigen genügten 135,5 Meter im ersten Durchgang, um als Dritter in Schlagdistanz zu bleiben. Als es dann um die Medaillen ging, hatte Wellinger Aufwind: „Ein bisschen mehr Druck unter den Skiern macht den Unterschied, ob es auf 135 oder 142 Meter geht“, erklärte der Bayer.

Training in der Tiefgarage

Kurios ist folgende Geschichte: Das richtige Gefühl für die Schanze holte sich Wellinger in der Tiefgarage des olympischen Dorfs. Weil es in dem Wohnkomplex keine Sporthalle gibt, wurde die Trainingsanlage dort aufgestellt, wo normalerweise „10.000 Autos reinpassen, so riesig ist das da“, erzählte Wellinger. Erst eine Runde Fußball, dann Stretchen und eben auf Rollbrettern den Absprung üben. „Er hat immer mehr Klarheit bekommen, wie er die Schanze zu springen hat“, so Bundestrainer Werner Schuster. „Und er hat’s dann auf den Punkt gebracht: Den zweiten Sprung hat er richtig heruntergezaubert.“

Gold und Silber von Wellinger sind auch die Basis, die im letzten olympischen Springen in Südkorea am Montag (13.30 Uhr) ein drittes Edelmetall bringen soll. „Es ist cool, ihm zuzuschauen, der zweite Sprung war genial“, sagte Wellingers Kollege Richard Freitag, der Neunter wurde, vor dem Teamspringen, das die DSV-Adler vor vier Jahren gewannen. „Wenn jeder die Leistung bringt, müssen sich die anderen lang machen, um uns zu schlagen“, so Wellinger, letzter Verbliebener des Gold-Quartetts von Sotschi. Mit Karl Geiger als Sechstem und Markus Eisenbichler auf Rang 14 sollten die Chancen im packenden Dreikampf mit Norwegen und Polen wahrlich nicht allzu schlecht stehen.