Super-G

Tschechin Ledecká sorgt für die größte Sensation

Snowboard-Weltmeisterin Ester Ledecká tritt nebenbei beim alpinen Super-G an. Dort gelingt der Tschechin die größte Olympia-Sensation.

Die Tschechin Ester Ledecká (Mitte) strahlt mit der Österreicherin Anna Veith (l.) und Tina Weirather aus Liechtenstein um die Wette

Die Tschechin Ester Ledecká (Mitte) strahlt mit der Österreicherin Anna Veith (l.) und Tina Weirather aus Liechtenstein um die Wette

Foto: Dan Istitene / Getty Images

Jeongseon.  Eine Olympiasiegerin hat es manchmal schwerer, als man denkt. Anna Veith stand im Skistadion von Jeongseon in der Leaderbox, sie strahlte mit der Sonne um die Wette, denn der Super-G neigte sich dem Ende entgegen, und bisher hatte niemand die Zeit der Österreicherin unterbieten können. Als Nachrichtenagenturen Veith schon zur Siegerin erklärt hatten, kam Thomas Bach zu der 28-Jährigen, wie der IOC-Präsident zuvor bei anderen Wettbewerben schon den Sieger aufgesucht hatte. Bach erzählte ihr, es dauere ein paar Stunden, bis man sich des Erreichten bewusst sei, und dass man so Großes geleistet habe.

Beide konnten in diesem Moment nicht ahnen, dass Bach gerade der falschen Fahrerin zum Olympiasieg gratuliert. Veith bleibt Gold im Super-G erhalten – allerdings nur als Siegerin bei den Spielen in Sotschi vor vier Jahren, da auch noch unter ihrem Mädchennamen Fenninger. In Pyeongchang dagegen ereignete sich nach Bachs Glückwünschen eine der größten Überraschungen in der Geschichte der olympischen Winterspiele.

Als Ester Ledecká mit Startnummer 26 die rote Ziellinie überquert hatte, die Reaktion der Zuschauer ihr Unglaubliches verkündete, da wusste die Tschechin erst einmal nicht, wie ihr geschah. Ungläubig starrte sie zur Anzeigetafel, wo die Nummer eins aufblinkte. „Das muss ein Fehler sein“, sagte die 22-Jährige. Sie Erste? Sie, die eigentlich Snowboarderin ist? Sie, die offenbar nun die gesamte Ski-Elite düpiert haben muss? Ja: Sie, Ester Ledecká, die Olympiasiegerin.

Rebensburg nur auf dem zehnten Platz

Die Besten des Weltcups sind in den Olympiarennen in der Regel bis zur Startnummer 20 auf die Piste gegangen. So auch diesmal: Top-Favoritin Lindsey Vonn aus den USA als Erste, danach Tina Weirather (Liechtenstein), Lara Gut (Schweiz), Sofia Goggia (Italien) und die Deutsche Viktoria Rebensburg. Für Ledecká, Startnummer 26 und nicht mal mit Außenseiterchancen bedacht, blieb die Zeit aber genau eine Hundertstelsekunde vor der von Veith stehen.

Weirather war dieselbe Winzigkeit schneller als Gut und bekam Bronze. Rebensburg war nach Platz vier im Riesenslalom als Zehnte erneut geschlagen, fand aber Gefallen am Ausgang des Rennens: „Das ist supergeil“, sagte sie, „das sind Geschichten, die Olympia schreibt.“

Fürwahr ist dies eine der atemberaubendsten Alpin-Storys der jüngeren Vergangenheit. Ledecká fährt hauptsächlich Snowboard, ist als mehrmalige Weltmeisterin im Parallel-Riesenslalom nahezu unbesiegt in diesem Winter und daher in ihrer Spezialdisziplin Gold-Anwärterin Nummer eins am nächsten Sonnabend. Im alpinen Geschäft ist die Pragerin seit 2016 ab und zu dabei.

Interviews statt Rennvorbereitung

„In Chile habe ich sie das erste Mal Skifahren gesehen und dachte: Wow, wer ist das?“, gab Weirather hinterher zu. Ledeckás bisher beste Platzierung im Super-G-Weltcup ist Rang sieben in Beaver Creek. „Heute habe ich das Selbstvertrauen vom Snowboarden mit auf die Piste genommen“, sagte Ledecká. „Es war mein Traum, aber das habe ich nicht erwartet.“

Woran das jeder merken konnte? Bei der Siegerpressekonferenz nahm sie ihre Skibrille nicht ab. „Ich habe kein Make-up dabei“, sagte Ledecká und verblüffte ihre Zuhörer. „Ich habe doch nicht damit gerechnet, hier Interviews zu geben.“ Ursprünglich wollte sie sich nach ihrem Ski-Ausflug gleich auf Sonnabend vorbereiten. Dazu kommt es für die überraschendste Olympiasiegerin dieser Winterspiele jetzt erst mit etwas Verspätung.

Fast hätte am selben Tag ein weiterer Disziplinwechsel auch noch eine Medaille gebracht. Doch die Niederländerin Jorien ter Mors, drei Tage zuvor schon Olympiasiegerin im 1000-Meter-Eisschnelllauf, verpasste als Fünfte im 1500-Meter-Shorttrack-Rennen Edelmetall denkbar knapp.