Shorttrack

Schöne Perspektiven für Shorttrack-Deutschland

Anna Seidel will den Sport in ihrer Heimat bekannter machen, und das nicht nur mit gutem Aussehen.

Anna Seidel will am Sonnabend über 1500 Meter ihre starke Form bestätigen.

Anna Seidel will am Sonnabend über 1500 Meter ihre starke Form bestätigen.

Foto: Peter Kneffel / dpa

Pyeongchang.  Wer erwachsen wird, der entwickelt seine eigenen Ansichten. Und den Drang, diese kundzutun. Das erlebt Anna Seidel gerade, eine junge Frau aus Dresden. Welche Wirkung das hervorruft, spielt erst einmal keine Rolle, weil die Emotionen noch dominieren und manche Dinge einfach raus müssen. Nach dem Shorttrack-Halbfinale über 500 Meter klagte sie öffentlich, dass die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft allen Athleten, also auch ihr, verboten habe, vor dem Ende der eigenen Wettkämpfe die anderer Sportarten bei Olympia zu besuchen. Dabei brauche sie doch Ablenkung. Natürlich kam das nicht gut an beim Verband. Wenigstens aber war der deutsche Shorttrack-Sport im Gespräch. Damit hat Seidel zwar nicht ihr Ziel, das Verbot blieb bestehen, jedoch trotzdem etwas Zählbares erreicht.

Anne Seidel fühlt sich berufen, sie trägt eine Botschaft in sich. Ihre Intention ist es, „Shorttrack in Deutschland bekannter zu machen. Es wird langsam“, sagt sie. Insofern könnte hinter der kleinen Beschwerde sogar Kalkül stecken. Aufmerksamkeit jedenfalls hat sie erregt. Die bekommt sie aber auch so, ihr Aussehen macht es ihr leicht, ihre offene Art ebenso. Fast 30.000 Follower hat sie bei Instagram, weil sie sich gut inszenieren kann. Sogar in TV-Shows wurde sie schon eingeladen, durfte dort ihren Sport präsentieren. Selbst der auf Spaß- und Risikosportarten spezialisierte österreichische Getränkehersteller Red Bull hat Gefallen an ihr gefunden und sie mit einem Sponsorenvertrag ausgestattet. Seidel zieht einfach, sie fällt auf.

Vier Jahre nach Sotschi will Seidel vorne mitmischen

Für eine 19-Jährige aus einer Randsportart, dazu ohne herausragende sportliche Ergebnisse, hat die Dresdnerin es zu erstaunlichen Popularität gebracht. „Es ist eine Ehre. Ich fühle mich gut dabei, auch wenn es manchmal anstrengend ist“, erzählt sie, „ich glaube, dass die Wahrnehmung der Sportart gewachsen ist.“ Auf den Kern reduziert sogar durch einen Sturz. Sie war nur als Ersatz für die Staffel vorgesehen im November 2013, als in einem Einzelrennen über 1500 Meter die Konkurrentinnen vor ihr ausschieden, sie plötzlich im Finale stand und die Qualifikation für Sotschi schaffte. Mit 15 Jahren fuhr sie erstmals zu den Olympischen Spielen, war die Jüngste im deutschen Team. Alle rissen sich um sie in Russland. „Ich habe den Rummel nicht als belastend oder verstörend aufgenommen. Ich fand es cool. Schön, dass es um Shorttrack ging. Ich konnte trotzdem alles normal genießen und war überwältigt“, sagt Seidel.

Auf der sportlichen Seite zählte damals für sie nur der olympische Gedanke, dabei sein eben, die Atmosphäre aufsaugen. „Diesmal ist es schon ein Unterschied, weil ich nicht mehr einfach die Kleine bin. Ich erwarte von mir selbst mehr“, erzählt sie. Shorttrack verkauft sich nicht allein durch hübsche Bilder, irgendwann braucht es auch Resultate. Insofern spürt Seidel vor den Rennen über die von ihr bevorzugten 1500 Meter am Sonnabend (11 Uhr) und 1000 Meter am Dienstag (11 Uhr) etwas Druck. „Ich freue mich aber auch, dass ich endlich mehr mitmischen kann. Damals habe ich geschaut, was die anderen so machen, jetzt will ich die Rennen mitgestalten“, so Seidel.

Unterstützung kommt aus dem Nachbarland

Die Möglichkeit dazu gab ihr ein unfreiwilliges Training in den Niederlanden. Dort ist Shorttrack angesagt, aber nicht deshalb zog es sie ins Nachbarland. Der deutsche Verband stand im Sommer nach einigen Unstimmigkeiten plötzlich ohne Bundestrainer da. Die Niederländerin Wilma Boomstra bot Unterstützung an. „Am Anfang war das ziemlich hart“, erinnert sich Seidel. Nicht wegen der Methoden dort, Seidel geht weiter zur Schule, wohnt bei den Eltern. Trotz äußerlicher Coolness ist sie innerlich noch sehr an die heimische Umgebung und Fürsorge gebunden.

Sich ein bisschen abzunabeln, dafür war der Aufenthalt in Utrecht gut. Aber auch sportlich brachte es Seidel voran. Dort wird intensiver trainiert, die Einheiten sind kürzer, aber mit mehr Belastung. Ebenso technisch nahm Seidel viel mit, wurde mental stärker. Platz drei bei der EM vor vier Wochen bestätigte das. Dieses Niveau zu erreichen, war nicht selbstverständlich, nachdem sie sich im Sommer 2016 bei einem Sturz einen Brustwirbelbruch zugezogen hatte und acht Monate ausfiel.

Kleine Einschränkungen habe sie immer noch von der Verletzung, sagt Seidel, fühle sich jedoch sportlich weiter als je zuvor. „Zur Weltspitze fehlt aber doch noch ein Stück“, erzählt die Dresdnerin, die auf einen Platz unter den besten Zehn auf einer der beiden Strecken hofft. Für 2022 darf es dann bitte etwas mehr sein. Fast noch interessanter ist allerdings, auf welchen Bekanntheitsgrad Anna Seidel ihren Sport in Deutschland dann gehoben hat.