Olympia

Eiskunstlauf: Sehen Sie hier nochmal den Gold-Lauf im Video

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Marcel Stein

Aljona Savchenko und Bruno Massot erschaffen den bislang ergreifendsten Moment dieser Spiele bei ihrem Triumph im Paarlauf.

Pyeongchang.  Mehr als eine halbe Stunde war sicher schon vergangen, da wollte Aljona Savchenko (34) ansetzen und erklären, was in ihr vorgeht. Sie öffnete den Mund, doch es kamen keine Worte über ihre Lippen. Stattdessen kullerten Tränen über die Wangen, sie hielt die Hände vors Gesicht, schüttelte den Kopf. Bruno Massot sprang herbei, nahm sie fest in den Arm. Zu überwältigend der Augenblick. „Das ist mein Moment. Der Moment meines Lebens,“, schluchzte Savchenko schließlich.

Nach dem Kurzprogramm schien Gold bereits verloren

Es ist die Geschichte ihrer Karriere, ihres Traumes vom olympischen Gold, der sie seit Kindertagen begleitet. Es ist die Geschichte eines Wettkampfes, in dem Aljona Savchenko und Bruno Massot mit einer hinreißenden Kür den fast schon unerreichbar scheinenden Olympiasieg im Paarlauf doch noch erobern konnten. „Wir haben gekämpft wie Tiger“, sagte Savchenko, als sie sich wieder gefangen hatte.

Auf der Tribüne brach Eiskunstlauf-Legende Katarina Witt in Tränen aus, als Savchenko/Massot ihr letztes Element beendet hatten. Unten sank Savchenko aufs Eis, voller Glück, dass die Kür nahezu perfekt gewesen war. Massot ließ sich ebenso fallen, beide lagen sich in den Armen. So viel ging ihnen durch den Kopf. „Ich kann mich gar nicht mehr an alles erinnern“, sagte Savchenko. Genießen konnten beide diesen Augenblick noch nicht vollends, dazu hatte ihr Kurzprogramm einen Fehler zu viel gehabt. Als Vierte nur gingen sie in die Kür, mit sechs Punkten Rückstand. Als Viertletzte starteten sie. „Es war mehr Stress, den anderen zuzusehen und zu warten, als selbst zu laufen“, gestand Massot.

Den eigenen Weltrekord überboten

Doch die traumhafte Darbietung und die Benotung mit 159,31 Punkten, mit der sie ihren Weltrekord überboten, setzte die Führenden so unter Druck, dass das deutsche Paar letztlich mit 235,90 Punkten und 0,43 Zählern vor den Chinesen Sui Wenjing/Han Cong die Goldmedaille gewann.

Dies hätten nach dem Vortag nur wenige für möglich gehalten. Untröstlich blickte Massot da noch drein, weil er beim dreifachen Salchow im Kurzprogramm eine Umdrehung ausgelassen hatte. „Das war ganz hart für mich, aber Aljona hat mich wieder aufgebaut“, erzählte er. Im fünften Anlauf stand sie auf der olympischen Bühne – ein für Eiskunstläufer ungewöhnlich langer Zeitraum, in dem sie fünf WM-Titel gewann und zweimal Olympiabronze. Mit 34 Jahren aber war klar, dass es keine weitere Olympia-Chance für sie geben wird. Also rief sie als Devise die „Attacke“ in der Kür aus.

Ihre Ausdruckskraft berührt die Herzen

Nun ist Attacke bestimmt nicht das passende Wort für das, was beide auf dem Eis zeigten. Ergreifend war ihre Choreographie zur Filmmusik der Naturdoku „Die Welt von oben“, märchenhaft sicher und fehlerfrei gelangen ihnen alle Elemente, ihre Ausdruckskraft berührte die Herzen. Sie liefen „die beste Kür, die ich je von ihnen gesehen habe“, sagte Trainer Alexander König. Auch der Berliner hatte Tränen in den Augen.

In den vergangenen Wochen, verriet Massot, hatten sie noch versucht, ein wenig mehr Emotionen ins Kürprogramm zu bringen. Mehr Gefühl, mehr Ästhetik, mehr Anmut lassen sich wohl kaum unterbringen als in diesen fast fünf Minuten.

Für dieses Gold das Leben auf den Kopf gestellt

Als nach und nach die vor ihnen liegenden Paare ihre Programme absolvierten und alle mit Fehlern begannen, wuchs die Anspannung. Die zuvor zweitplatzierten Russen Jewgenia Tarassowa/Wladimir Morosow, die von Savchenkos früherem Erfolgspartner Robin Szolkowy betreut werden, starteten als Letzte – und patzten. Auf ihre Note mussten sie nicht mehr warten. Massot weinte hemmungslos, Savchenko schwang die Faust in die Luft. Dann brach sie fast zusammen vor lauter Emotionen. „Manche brauchen fünf Anläufe, manche nur einen. Ich gebe niemals auf“, stammelte sie später. Schon am Morgen nach dem Aufwachen habe sie sich gesagt, „heute schreiben wir Geschichte“. Trainer König hatte beim frühen Warmlaufen bemerkt, dass Bruno, der in den Tagen zuvor unruhig wirkte, „heute nicht nervös ist“. Das erste deutsche Paarlauf-Gold seit 66 Jahren (1952 in Helsinki gewannen Ria und Paul Falk) war der Lohn für ihre Entschlossenheit.

Dafür hatte Savchenko ihr Leben 2014 auf den Kopf gestellt nach dem Karriereende Szolkowys. Sie suchte sich einen neuen Partner, einen neuen Trainer, zog von Chemnitz nach Oberstdorf, ging den Paarlauf in neuer Weise an. „Ihre Persönlichkeit hat sich geöffnet, sie durfte Mensch sein“, so König. Mit Kreativität erarbeitete sich das Trio ein künstlerisch orientiertes Programm, das Vergleiche zu den legendären Jayne Torvill/Christopher Dean provoziert. „Ein großartiger Tag für den Eiskunstlauf in Deutschland“, sagte Udo Dönsdorf, Sportdirektor der Deutschen Eislauf-Union. Mindestens.