Winterspiele

Das olympische Herz der Gastgeber schlägt in Gangneung

Wirklich laut wird es bei den Spielen in Pyeongchang nur in den Eishallen. Besonders beim Shorttrack geht es sehr emotional zu.

Südkoreas Choi Min-jeong (r.) wird nach zu viel Körperkontakt mit der Italienerin Arianna Fontana disqualifiziert

Südkoreas Choi Min-jeong (r.) wird nach zu viel Körperkontakt mit der Italienerin Arianna Fontana disqualifiziert

Foto: DAMIR SAGOLJ / REUTERS

Pyeongchang.  Schon die paar Meter von der Kabine zum Eis bringen die Masse in der Halle in Hochstimmung: Choi Min- jeong läuft ein, macht sich noch mal locker und steuert die Startlinie an. Ein kollektives Kreischen erfüllt die Gangneung Eisarena. Fast 12.000 Zuschauer sind gekommen, um beim Shorttrack live dabei zu sein. Sie füllen die Halle fast komplett. Die meisten sind Südkoreaner. Mit vielen Fähnchen, mit bunten Kostümen auch. Vor allem aber mit jeder Menge Enthusiasmus und Hunger auf Erfolg.

Eine der großen Fragen in den ersten olympischen Tagen war meist die nach der Stimmung in Pyeongchang. Südkorea ist keine große Wintersportnation, die Tribünen beim Skispringen etwa blieben nicht zufällig ziemlich verwaist. Wer nach der richtigen Atmosphäre sucht, der darf nicht in die Berge fahren. Der muss nach Gangneung, der muss in die Eishallen. Dort fühlen sich die Südkoreaner wohl, besonders beim Shorttrack. Das ist ihr Sport. Hier sind sie die Besten.

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Choi Min-jeong startet in ihr Viertelfinale über 500 Meter. Die ersten Schritte lösen fast eine Ekstase aus, jeder Ansatz zum Überholen wird frenetisch bejubelt. Ein kleiner Fehler wirft Choi aus der führenden Position, sie wird gerade so Zweite, zieht ins Halbfinale ein. Selbst die Zeitlupe des Zieleinlaufs hat zweimal hintereinander das Potenzial, extreme Jubelanfälle auszulösen. War das doch schon das Finale?

Mit 19 Jahren schon ein Superstar

Die Koreanerin ist erst 19 Jahre alt, aber bereits ein Star in der Heimat. Siebenfache Weltmeisterin. Seit Shorttrack 1992 olympisch wurde, ging fast die Hälfte aller Goldmedaillen nach Südkorea. Lim Hyo Jun holte zum Auftakt der Wettbewerbe in Pyeongchang über 1500 Meter das 22. Gold. Selbst die Umarmung durch seine Eltern wurde live übertragen. Auch Anna Seidel aus Dresden steht über 500 Meter im Viertelfinale, es ist nicht ihre Lieblingsstrecke, sie scheidet aus.

Seidel kennt das koreanische Erfolgsprinzip, hat selbst mal einen Sommer dort verbracht und trainiert. "Dort wird nur auf Umfang, Umfang, Umfang trainiert. Wer das Tempo aushält, kommt durch und ist dann auch erfolgreich. Aber mein Körper würde das nicht aushalten", erzählt sie. Für die Athleten in Korea lohnen sich die Qualen, das Ansehen der Sportler ist groß. Selbst die Vorläufe in der Gangneung Eisarena verursachen ständig Gänsehautmomente, wenn Koreaner auf dem Eis sind.

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Für Choi steht das Halbfinale auf dem Programm. Sie gewinnt, zieht ins Finale ein in der Arena, in der auch das Eiskunstlaufen stattfindet. Noch so eine Sportart, die sie in Korea lieben, in der es schon Medaillen gab, in der die heimischen Athleten bei Olympia in einer vollen Halle angehimmelt werden.

Pfiffe für die Schiedsrichter

Ein paar Meter weiter im Eisschnelllaufoval kreischen parallel zu Chois Rennen über 5000 Fans, als Kim Min Seok über 1500 Meter der Männer Bronze gewinnt. Auch hier dürfen die Koreaner auf weitere Medaillen hoffen. Südkoreas Winterspiele sind Eisspiele. In Gangneung schlägt das olympische Herz der Gastgeber.

Im Finale kämpft Choi Kopf an Kopf mit der Italienerin Arianna Fontane um den Sieg, es hält niemanden auf den Sitzen. Man kann die Spannung fühlen, als das Zielfoto ausgewertet wird. 22 Zentimeter fehlen ihr bei diesem 500 Meter-Rennen. Es ist die einzige Shorttrack-Disziplin, in der Korea noch nie olympisches Gold gewonnen hat.

Als Choi nachträglich disqualifiziert wird wegen zu harten Körpereinsatzes, hört der Spaß kurz auf. Pfiffe für die Schiedsrichter. Die Zuschauer gehen, warten nicht mehr auf die Siegerehrung. Etwas mehr Respekt wäre nett gewesen, doch das kann den Eindruck nicht verdrängen, dass es keinen besseren Ort für Shorttrack gibt als die Eisarena in Gangneung.

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