Olympia

Eishockey-Turnier: Zeit für Überraschungen

Die Abwesenheit der NHL-Stars beschert dem Eishockey-Turnier diesmal ein völlig neues Kräfteverhältnis – Profiteure sind die Russen.

Am Montag spielten Weltmeister Schweden und Olympiasieger Kanada vor Ort noch ein Testspiel gegeneinander (1:4), nun wird es ernst

Am Montag spielten Weltmeister Schweden und Olympiasieger Kanada vor Ort noch ein Testspiel gegeneinander (1:4), nun wird es ernst

Foto: PETTER ARVIDSON / imago/Bildbyran

Pyeongchang.  Hinter Sean Burke liegt eine lange Reise. Da er der Teammanager der kanadischen Eishockey-Nationalmannschaft ist, klingt das bei den Olympischen Spielen zunächst wenig überraschend. Doch der Flug nach Südkorea war für Burke fast das kürzeste Teilstück eines Weges. "Ich war an Orten in Russland und auf der ganzen Welt, von denen ich gar nicht wusste, dass sie existieren", sagt er. Das Meilenkonto ist üppig gefüllt.

Noch nie mussten die Kanadier solch einen Aufwand betreiben, um ein Eishockeyteam zusammen zu bekommen. Kein Land hat mehr Spieler, keines verfügt über bessere. Doch die besten waren diesmal tabu für Burke. Weil die beste Liga der Welt, die National Hockey League (NHL) in Nordamerika, finanziell zu wenig von Olympia profitiert, hat sie beschlossen, keine Profis mehr zu entsenden. Der Reisestress für Burke bei der Spielersichtung ist nur eine Folge dessen, die Auswirkungen auf das olympische Eishockeyturnier sind viel erheblicher.

Am Mittwoch beginnt die Vorrunde ohne die besten Spieler der Welt

Am Mittwoch beginnen die Profis in Pyeongchang mit der Vorrunde, die Slowakei trifft im ersten Spiel auf die Olympischen Athleten aus Russland. "Jede Mannschaft wird die NHL-Spieler vermissen", sagt Ilja Kowaltschuk, einer der Stars der Russen, der selbst lange in Nordamerika gespielt hat. Viele prominente NHL-Profis bedauern die Entscheidung der Liga. In Pyeongchang erzählt Kowaltschuk: "Sie sollten hier sein. Eishockey ist der wichtigste Sport bei Olympia und die ganze Welt sieht zu." Alle vier Jahre boten die Spiele ein grandioses Spektakel, weil nur hier die allerbesten Eishockeyprofis zusammenkamen. Eishockey sorgte für die meisten Zuschauer, die Tickets waren die teuersten.

Olympia: Schweizer Skifahrer landen Internethit

Das Schweizer Freeski-Team hat in der Freizeit einige lustige Aktionen gefilmt.
Olympia: Schweizer Skifahrer landen Internethit

Nun verliert alles an Wert. Erstmals seit 1998 muss Olympia ohne die Kufenstars der NHL auskommen. Darunter leidet die Qualität des Turniers, dadurch verschieben sich die Favoritenrollen. In den fünf Auflagen mit NHL-Beteiligung dominierten die Kanadier, siegten dreimal. Die USA wurden zweimal Zweite. Beide stellten komplette NHL-Aufgebote. "Für die ist das ein enormer Verlust", sagt Bundestrainer Marco Sturm. Sie gelten nicht mehr als Favoriten, obwohl sie das selbst natürlich etwas anders sehen. "Jedes amerikanische Team kämpft um Medaillen. Wir brauchen kein Wunder, um zu gewinnen", erzählt US-Coach Tony Granato in Anspielung auf das "Miracle on Ice" 1980, als die USA mit College-Spielern Gold gewannen.

Die US-Amerikaner gehen mit einigen College-Spielern ins Rennen

Jetzt gehen die Amerikaner wieder mit einigen College-Spielern ins Rennen. Auch Profis aus der deutschen Liga setzen die USA und Kanada ein, was sonst undenkbar wäre. Vorwiegend suchte der Titelverteidiger Ersatz in europäischen Ligen und der panrussischen KHL. "Die meisten dieser Spieler hätten sich nie erträumt, mal diese Möglichkeit zu haben", so Burke. Weil sie nicht gut genug sind für die NHL. Jetzt wollen sie das Gegenteil beweisen. Intensive Spiele sind da garantiert.

Vor allem, wenn die Russen aufs Eis gehen. Sie sind der große Profiteur, besitzen in der KHL die zweitbeste Liga und einen ebenso großen Pool an hochklassigen Spielern – von denen sich einige bewusst gegen die NHL entscheiden, weil sie in der Heimat ebenso viel Geld verdienen können. "Wir würden sie auch mit den NHL-Spielern schlagen", sagt Kowaltschuk trotzig in Richtung der Nordamerikaner, wohl wissend, dass die Chance nun wesentlich größer ist. In der NHL-Epoche gelang den Russen nicht viel, die letzten beiden Turniere endeten im Viertelfinale; vor allem 2014 daheim in Sotschi ein Desaster, weil keine Medaille so sehr herbeigesehnt wird in Russland wie die im Eishockey. Zuletzt gab es die 1992. "Die Fans erwarten eine Menge", sagt der Stürmer. Er fühle aber weniger Druck als zuletzt in Sotschi.

Dort war das deutsche Team gar nicht qualifiziert, insofern hat Sturm den wichtigsten Erfolg bereits errungen mit der Teilnahme. Auch der Bundestrainer muss auf einige NHL-Profis verzichten, der Verlust fällt aber nicht so sehr ins Gewicht wie bei den großen Nationen. "Wir wissen, dass die Gegner besser sind als wir, aber der Spagat ist hoffentlich nicht so groß wie in der Vergangenheit", sagt Sturm. Zu hohe Erwartungen wären dennoch vermessen, auch wenn man zuletzt zweimal im WM-Viertelfinale stand.

"Unsere Chancen sind zwar besser, aber wir haben eine sehr schwere Gruppe erwischt", sagt Kapitän Christian Ehrhoff. Am Donnerstag startet das Team gegen Finnland (4.10 Uhr), spielt am Freitag gegen Weltmeister Schweden (13.10 Uhr) und trifft am Sonntag auf Norwegen (4.10 Uhr). Finnen und Schweden verfügen ebenso über starke Ligen und gelten daher neben den Russen als Favoriten, selbst die Schweizer rechnen sich viel aus. Sie alle eint, dass die Teamchefs es deutlich leichter hatten als Sean Burke, eine Mannschaft zusammenzustellen.

Olympia: Versöhnliche Gesten zwischen Süd- und Nordkorea

Gemeinsamer Einmarsch und historischer Handschlag: Bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele in Pyeongchang haben Süd- und Nordkorea ein wichtiges Zeichen der Annäherung gesetzt. Spor...
Olympia: Versöhnliche Gesten zwischen Süd- und Nordkorea
© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.