Eisschnelllauf

„Jeder darf mit Dreck auf Claudia werfen“

Manager Ralf Grengel ärgert sich im Interview über den medialen Umgang mit Claudia Pechstein bei den Olympischen Spielen.

Claudia Pechstein mit Manager Ralf Grengel

Claudia Pechstein mit Manager Ralf Grengel

Foto: privat / BM

Berlin.  Im Sport hat Ralf Grengel (52) viel erlebt. Der Berliner arbeitete als Radioreporter, später verdiente er mit gedruckten Publikationen über Fußball-Bundesligisten wie Hertha, Bayern München oder Borussia Mönchengladbach sein Geld. Mit der Biografie des Boxers Graciano Rocchigianis schrieb er sogar einen Bestseller. Zudem ist Grengel seit 2001 Manager von Deutschlands bester Winterolympionikin Claudia Pechstein.

Erwarten Sie von Claudia Pechsteinüber 5000 Meter eine Medaille? Es wäre ihre zehnte.

Ralf Grengel : So vermessen bin ich nicht, aber dass diskutiert wird, ob sie mit fast 46 am Freitag eine holen kann, zeigt, welch Ausnahmeathletin sie ist. Nur kommen sportliche Qualitäten in der Berichterstattung derzeit zu kurz.

Sie hat zuletzt mehr Respekt für ihre fünf Olympiasiege eingefordert. Zu Recht?

In anderen Nationen wird sie als Legende verehrt, hierzulande mangelt es häufig nicht nur an Respekt, sondern auch an Anstand.

Wie meinen Sie das?

Ein Beispiel: Claudia spricht häufig davon, dass es für sie bei der gerichtlichen Auseinandersetzung mit dem Weltverband Isu um „Siegen oder Sterben“ gehe. Oft genug mit dem Zusatz, dass sie das natürlich nur symbolisch meint, weil aufgeben keine Option ist. Dennoch kann man jetzt lesen, dass sie sich in leicht abgewandelter Form einer Parole bediene, mit der die Wehrmacht vor 75 Jahren Richtung Osten marschiert sei. Hier wird der Kampf um Schadensersatz einer unschuldig verurteilten Sportlerin mit dem mörderischen Krieg der Nazis im Dritten Reich verglichen. Wie krank ist das denn? Fast scheint es so, als sei unter einigen deutschen Journalisten ein Wettbewerb olympisch geworden: Wer kann das Pechstein-Image am stärksten beschädigen, ohne presserechtlich belangt zu werden?

Das klingt aber auch sehr zynisch!

Mag sein, trifft aber den Kern. Immer öfter ist nicht der Sport Anlass zur Berichterstattung über Claudia. Es geht vielmehr darum, sie zu beschädigen, sie als Mensch zu diskreditieren. Eine Polizeibeamtin, die von den Kollegen so geschätzt wird, dass diese es sich nicht nehmen ließen, sie selbst zum Abflug nach Korea zu bringen, wird in Teilen der Medien zum Bad Girl des deutschen Sports stilisiert, dem man anscheinend alles zutraut, es nur noch nicht nachweisen konnte. Jeder, der will, darf mit Dreck werfen. Es wird schon was hängenbleiben. Das war vor neun Jahren so, als die Isu die Dopinganschuldigungen erhob. Das ist jetzt so, wenn Claudias Charaktereigenschaften oder die ihres Lebenspartners Matthias infrage gestellt werden. Frostig, sperrig, wütend, umstritten, bedrohlich, fragwürdig. Alles dabei. Gern wird auch die Legende erzählt, Matthias habe zwei Bundestagsabgeordnete bedroht. Nur hat noch niemand gefragt, warum die Politiker keine Strafanzeige stellten. Bedrohung ist immer noch ein Straftatbestand. Nein, nein. Anscheinend möchte niemand die Geschichte kaputt recherchieren. Sie wird ja immer wieder gern gedruckt.

Glauben Sie wirklich, dass beider Integrität gezielt in Frage gestellt werden soll?

Aber sicher. Noch ein Beispiel: Die Mehrheit habe offenbar nicht erkennen können, „dass sie einen fairen und manipulationsfreien Leistungssport verkörpert“, wurde nach der Fahnenträgerwahl getextet. Als Erklärungsversuch dafür, dass Eric Frenzel und nicht Claudia die deutsche Fahne bei der Eröffnungsfeier tragen durfte. Stellt der Autor auch die anderen drei Athleten in Frage, die in der Abstimmung hinter Claudia gelandet sind? Nein, natürlich nicht. Die Dritt- bis Fünftplazierten sind anscheinend völlig integer, nur der Zweite nicht. Es ist absurd, was da gerade geschieht.

Es gibt aber auch keinen zweiten, der so polarisiert und seinen Lebenspartner als Mentaltrainer mit dabei hat.

Und deshalb ist alles erlaubt? Wissen Sie, ich betreue Claudia seit fast zwei Jahrzehnten. Ich habe ihr in der Phase der Dopinganschuldigungen als Sportjournalist versucht zu erklären, dass die Sicht von außen schmerzen kann, solange es keine plausible Erklärung für ihre schwankenden und erhöhten Retikulozytenwerte gibt. Aber jetzt? Der DOSB hat Claudia bereits vor drei Jahren rehabilitiert. Als ein Stück Wiedergutmachung stellt man ihr nun ihren Mentaltrainer zur Seite. Dass Matthias in dieser Funktion einen Superjob macht, hat Claudia oft bewiesen. Deshalb ist er bei allen wichtigen Starts offiziell als Teammitglied dabei. Das interessiert sonst niemanden. Nur bei Olympia gibt es plötzlich in speziellen Medien einen Aufschrei. Vor vier Jahren genau den gleichen wie diesmal.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Es scheint einige Journalisten zu geben, die nicht wahrhaben wollen, dass sie sich geirrt haben. Für sie war Claudia schuldig. Von dem Moment an, als sie erfuhren, dass die Isu sie für zwei Jahre sperrt. Ostdeutsche. Seit 15 Jahren Medaillenlieferant. Blutdoping? Passt. Für diese Berichterstatter schien es nur eine Frage der Zeit, wann Claudia weinend vor ihnen sitzen würde, um zu gestehen. Doch was geschah dann? Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen ein. Claudias Telefonate wurden mitgehört, E-Mails mitgelesen. Ihr Haus durchsucht, Akten und Computer beschlagnahmt, ihre Konten durchleuchtet. Ergebnis? Nichts. Verfahren eingestellt. Claudias Dienstherr, die Bundespolizei, führte ein Disziplinarverfahren nach den Maßstäben der Strafprozessordnung. Ergebnis? Freispruch! Dann stellten Europas führende Mediziner auf dem Gebiet vererbter Blutkrankheiten, die Diagnose, dass die Ursache für Claudias erhöhte Retikulozytenwerte eine vom Vater vererbte Anomalie ist. Da ihr Blutbild nach Ablauf der Sperre natürlich weiterhin schwankt, hat sie sich nach erhöhten Werten sogar dreimal selbst angezeigt. Damit ihr die Isu ein neues Verfahren macht und somit auch das alte ad absurdum geführt werden kann. Reaktion des Verbandes? Nichts. Da muss doch selbst dem Dümmsten ein Licht aufgehen. Doch statt sich zu fragen, was musste diese Frau alles durchmachen und wie kann ich mich entschuldigen, wird in Deutschland als Dankeschön geschrieben, dass Claudia nicht allein wegen ihrer Blutwerte die falsche Wahl als Fahnenträger gewesen wäre. Das ist unanständig. Einfach schäbig.

Welche Lehren sollten aus dem Fall Pechstein gezogen werden?

Werner Rabe, früher Sportchef des Bayerischen Rundfunks, hat die Devise vertreten, man müsse jeden Dopingfall behandeln, als wäre es der erste. Ein kluger Leitsatz. So gibt es keine Sippenhaft. Außerdem sollte möglich sein, gegen Ungerechtigkeit kämpfen zu dürfen, ohne diffamiert zu werden. Selbst dann, wenn einige sich durch diesen langwierigen Kampf genervt fühlen. Jenen, die ernsthaft an Charaktereigenschaften Claudias interessiert sind, empfehle ich Gespräche mit ihren Polizeikollegen. Im Dienst zählen nämlich Ehrlichkeit, Disziplin, Vertrauen und Zuverlässigkeit. Und was den Charakter ihres Lebenspartners anbelangt, wären womöglich die 20 ehemaligen Obdachlosen gute Gesprächspartner, die Matthias im Unternehmen beschäftigt und die so ein Zuhause bekamen.

Wie nimmt Claudia Pechstein den ganzen Rummel bei Olympia wahr?

Sie liest schon lange nicht mehr alles, erfreut sich lieber am öffentlichen Zuspruch, den sie seit Jahren erfährt. Am Sonnabend erst ist sie von den Fans in Korea gefeiert worden. Hierzulande ist sie in Umfragen sieben Mal in Folge sympathischste Wintersportlerin geworden. Selbst als sie 2010 ausgesperrt war, hätten sie fast 70 Prozent aller Deutschen gern in Vancouver am Start gesehen. Berlin hat sie acht Mal zur Sportlerin des Jahres gewählt. Das Publikum hätte ihr zur Eröffnungsfeier auch die deutsche Fahne gereicht. Die Fans schätzen also nicht nur Claudias Erfolge, sondern ihre Art. Und ihren unbändigen Kampf gegen die Isu-Bosse. Gerade zu diesem Thema hat sie unzählige Mails und Briefe bekommen. Das ist das, was für Claudia zählt.

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