Pyeongchang

Die Kälte in Südkorea schlägt auf die Stimmung

Die Wettkampfzeiten auf Wünsche des Fernsehens abzustimmen, kostet vor Ort Zuschauerzuspruch. Männerabfahrt verschoben.

Eiskalt und stürmisch: Auf den Skipisten von Pyeongchang war am Sonntag kein fairer Sport möglich

Eiskalt und stürmisch: Auf den Skipisten von Pyeongchang war am Sonntag kein fairer Sport möglich

Foto: Michael Probst / dpa

Jeongseon.  Das Hotel Park Roche in Jeongseon ist eine Herberge auf höchstem Niveau, die am Fuß der in den Berg Gariwangsa hineingearbeiteten Abfahrtsstrecke liegt. Die alpinen Rennfahrer sind hier – eine halbe Autostunde von Pyeongchang entfernt – untergebracht. Um zur Olympia-Piste zu gelangen, müssen sie vom Hotel nur wenige Schritte gehen und dann in eine Gondel steigen. Doch dazu kamen Medaillenhoffnung Thomas Dreßen und Andreas Sander am Sonntag nicht. Der Wind stürmte mit 100 km/h, die Gondeln standen still, die Abfahrt wurde auf Donnerstag verschoben. "Die einzig richtige Entscheidung", sagte der Ennepetaler Sander, der Mittenwalder Dreßen schob nach: "Mei, is scho schade, aber aufs Wetter haben wir Athleten keinen Einfluss."

Eher umgekehrt: Das Wetter nimmt Einfluss auf die Athleten und den Wettkampfkalender. Die Olympiastimmung wird in den Abendstunden schockgefroren, gegen klirrende Kälte und Windböen hilft nicht einmal, sich gemäß Zwiebeltaktik in mehreren Schichten zu vermummen. Skispringer bibbern auf dem Bakken, wenn sie auf ihren Sprung warten müssen, Biathleten zittert der Abzugfinger am Schießstand.

Männer-Abfahrt verschoben, Temperaturen sinken weiter

Eine verlegte Disziplin wie die Abfahrt, die ausgefallene Qualifikation der Snowboarderinnen im Slopestyle und das nach hinten verschobene Finale der Rodler stehen für Unwägbarkeiten, mit denen man im Freiluftsport zu rechnen hat. Weil die Eiseskälte im Nordosten Südkoreas aber an die Rekordwerte heranreicht, werden die Biathleten Laura Dahlmeier und Arnd Peiffer vor halbleeren Tribünen Olympiasieger, finden sich bei Andreas Wellingers Blumenzeremonie nach Mitternacht im Skisprungstadion nur noch 200 Unverwüstliche auf den Rängen wieder. Eine gespenstische Kulisse angesichts eines Fassungsvermögens von 13.500 Zuschauern. Bei minus zwölf Grad, die sich mit peitschendem Wind im Gesicht wie minus 21 Grad anfühlten, hatte Wellinger sogar Verständnis dafür: "Zu denen, die da noch um 0 Uhr stehen, muss ich sagen: Respekt. Es war arschkalt." Und für Dienstag sind dann sogar minus 18 Grad vorhergesagt, ehe es dezent wärmer werden soll.

Skisprung-Bundestrainer Werner Schuster bezeichnete die Atmosphäre als "Typ Deutschlandpokal", weil die Spiele in einem Land ausgetragen werden, "in dem es keine Tradition und Kultur für unseren Sport gibt." Biathlon-Olympiasiegerin Kati Wilhelm, als Expertin für die ARD vor Ort, fühlt sich bei einer "Popel-Veranstaltung", Frauen-Bundestrainer Gerald Hönig sprach von einem "Trauerspiel, da sind wir beim Biathlon anderes gewohnt".

Aufgeheizter wirkt die Atmosphäre nur dort, wo südkoreanische Sportler vertreten sind und sogar Gold holen: bei Shorttrack und Skeleton, die Eishockeyhalle ist gut besucht, bei Snowboardern und Freestylern ist die Party fester Bestandteil des Ablaufs. Dagegen hätten noch 39 Prozent der Tickets verkauft werden können, um die Biathleten zu sehen. Sie sind wie Skispringer, Rodler und Bobfahrer besonders gekniffen: Um die in Europa populären Sportarten zu verträglichen Sendezeiten auszustrahlen, müssen sie grundsätzlich abends ran. Die Amerikaner sind dagegen verrückt nach Eiskunstlauf, ddeswegen sitzen die Fans sitzen hier bei Sonnenschein morgens in einer Halle. Das Fernsehgeld bestimmt halt den Ablaufplan. Wer davon überrascht ist, sollte sich warm anziehen.

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