Fussball

Darum sind Horst Hrubeschs Jungs Sieger – trotz Niederlage

Die Deutschen verlieren das Finale gegen Brasilien im Elfmeterschießen, jubeln aber über Silber. Einer leistet sich einen Fehltritt.

Die deutsche Olympia-Auswahl hält bei der Siegerehrung das Trikot des verletzt abgereisten Kapitän Leon Goretzka in die Kameras

Die deutsche Olympia-Auswahl hält bei der Siegerehrung das Trikot des verletzt abgereisten Kapitän Leon Goretzka in die Kameras

Foto: Friso Gentsch / dpa

Rio de Janeiro.  Aus den Haaren tropfte Sekt. Horst Hrubesch versuchte, sie mit einem Handtuch trocken zu rubbeln, aber da kam gleich wieder einer seiner Spieler, und goss dem Trainer der deutschen Olympia-Auswahl nach. Das U23-Team von Hrubesch hatte ein paar Stunden zuvor das Fußball-Finale gegen den Gastgeber Brasilien mit 5:6 nach Elfmeterschießen verloren.

Ein Spiel, das in seiner Intensität an die großen Boxkämpfe der 70er-Jahre erinnerte. Und eines, bei dem Deutschland diesmal als unglücklicher Verlierer vom Platz ging. Doch im Deutschen Haus in Rio herrschte später dennoch Partystimmung.

„Wir haben Silber gewonnen, aber es fühlt sich an wie Gold“, sagte Hrubesch. Es ist der größte Erfolg einer deutschen Fußball-Mannschaft bei Olympia seit der Goldmedaille für die DDR-Auswahl 1976. Und Hrubeschs Team toppte damit sogar den zuvor letzten Auftritt: 1988 hatte Jürgen Klinsmann und Co. Bronze in Seoul gewonnen.

„Er ist wie ein Vater, bei ihm fühlt sich jeder wohl“

„Die drei Wochen mit den Jungs waren ein Vergnügen für mich. Es hat riesigen Spaß gemacht, deshalb brauche ich keine Entspannung“, sagte Hrubesch. Der Auftritt in Brasilien war sein letztes Turnier, das bekräftigte der 65-Jährige erneut. Er werde keine Mannschaft mehr übernehmen. „Ob ich eine andere Funktion im DFB übernehme, wird man sehen“, sagte Hrubesch. Reinhard Grindel, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), kündigte Gespräche an.

Wer die Spieler hörte nach einem zwar weder technisch noch taktisch hochklassigen, aber sehr intensiven und spannenden Endspiel, der konnte die Bedeutung des Trainers für die Entwicklung der Mannschaft ermessen: „Er ist wie ein Vater, bei ihm fühlt sich jeder wohl. Man kann mit allen Dingen zu ihm kommen“, sagte etwa der Schalker Max Meyer, der in der 59. Minute mit einem Flachschuss das Führungstor durch einen von Neymar direkt verwandelten Freistoß (26.) ausgeglichen hatte.

Julian Brandt bezeichnete Hrubesch gar als „ganz besonderen Menschen, wie man ihn nur selten trifft. Er ist immer ehrlich und sagt einem faustdick die Meinung ins Gesicht.“ Und auch von ganz hoher Stelle gab es Anerkennung für Hrubesch: Silber sei ein „riesiger Erfolg, zu dem man nur gratulieren kann“, sagte Bundestrainer Joachim Löw, der bei der WM vor zwei Jahren noch dafür gesorgt hatte, dass die Brasilianer im Halbfinale eine 1:7-Pleite hinnehmen mussten. Für Hrubesch sei dieses Finale „ein sensationeller Abschluss. Er wird uns im DFB fehlen“.

„Am Ende hat uns ein bisschen Glück gefehlt“,

Hrubeschs Kritik mussten die deutschen Spieler nach einem Turnier, in dem sie als Mannschaft überzeugt hatten, nicht fürchten: „Die Jungs können absolut stolz auf sich sein. Brasilien hatte erwartet, uns zerlegen zu können, aber das haben sie nicht geschafft. Am Ende hat uns ein bisschen Glück gefehlt“, sagte der frühere Nationalstürmer. Und das stimmte: In der ersten Hälfte trafen Meyer per abgefälschter Freistoßflanke, Brandt mit einem Fernschuss und Dortmunds Sven Bender mit einem Kopfball nur die Latte.

Im Elfmeterschießen konnte der Kölner Schlussmann Timo Horn zudem bei keinem der fünf brasilianischen Schüsse auch nur in die Nähe des Balles kommen. „Die Brasilianer waren heute mit dem Glück im Bunde. Wir haben ein Riesenspiel gemacht und sind dafür leider nicht belohnt worden. Insofern fühlt sich Silber wie eine Enttäuschung an“, sagte Horn.

Das dachte wohl auch Ingolstadts Robert Bauer. Nach dem Spiel zeigte der enttäuschte Ersatzspieler mit den Händen die Zahl Sieben ins Publikum, in Erinnerung an die 1:7-Schmach der Brasilianer vor zwei Jahren. Nach einem Proteststurm der Selecao entschuldigte sich der Spieler: „Ich habe da wenig nachgedacht während der Aktion“, sagte der 21-Jährige. „Im Endeffekt war es eine dumme Aktion von mir.“

Später schrieb er auf Instagram in Portugiesisch: „Während des Spiels habe ich emotional agiert. Ich bitte vielmals um Entschuldigung dafür, falls ich jemanden gekränkt habe. Es war ein enormes Vergnügen, in einem solch aufgeschlossenen Land mit einem solch fröhlichen Volk Fußball zu spielen. Meine Glückwünsche an alle Brasilianer für die Goldmedaille.“

Freiburgs Petersen scheitert im letzten Versuch

Dortmunds Matthias Ginter sagte: „Olympia war ein einmaliges Erlebnis, und wir können stolz auf uns sein.“ Fand auch Meyer: „Dafür, dass wir vor dem Turnier nur einmal mit dem gesamten Kader trainieren konnten, war es eine sensationelle Leistung von uns.“

Freiburgs Nils Petersen, der mit dem fünften Elfmeter an Brasiliens Schlussmann Weverton gescheitert war, sagte: „Mir tut es leid fürs Team. Ich habe versucht, mich trotz der Pfiffe des Publikums auf meinen Schuss zu konzentrieren, aber statistisch gesehen muss irgendwann einer verschießen. Dass es mich getroffen hat, ist bitter.“

Es gab dann auch keinerlei Vorwürfe von der Mannschaft an den Fehlschützen: „Nils weiß, dass er damit leben muss, aber er ist alt genug, um damit umgehen zu können“, sagte Hrubesch. Die abschließende Einordnung der Finalniederlage übernahm schließlich der DFB-Chef.

„Die Jungs können total stolz auf ihre Leistung sein“, sagte Grindel. „Das Ergebnis dieses Finales war für die Brasilianer entscheidend für die Einordnung, ob ihre olympischen Heimspiele ein Erfolg waren oder nicht. Insofern können wir ihnen den Titel gönnen. Weltmeister sind wir ja immer noch.“