handball

„Olympia nach Rio zu vergeben, war der richtige Schritt“

Berlins Handballstars Fabian Wiede und Paul Drux sprechen über ihre Erlebnisse in Brasilien und das Spiel um Bronze gegen Polen.

Der Berliner Fabian Wiede (M.) wird im Halbfinale vom Franzosen Ludovico Labregas unsanft gestoppt

Der Berliner Fabian Wiede (M.) wird im Halbfinale vom Franzosen Ludovico Labregas unsanft gestoppt

Foto: imago sportfotodienst / imago/Fotoarena

Rio de Janeiro.  Paul Drux (21) und Fabian Wiede (22) sind die beiden jüngsten Spieler der deutschen Handball-Nationalmannschaft, die das olympische Finale durch eine 28:29-Niederlage gegen Weltmeister Frankreich nur sehr knapp verpasst hat. Vor dem Spiel um Platz drei gegen Polen an diesem Sonntag (15.30 Uhr, ZDF) in der Future Arena sprachen die Berliner Füchse-Stars über die Eindrücke von ihren ersten Olympischen Spielen und die Leistungen ihres Teams in Rio.

Wie schläft man in so einer Nacht, wenn man gerade das Endspiel um ein Tor verpasst hat?

Paul Drux: Trotzdem erstaunlich gut. Natürlich waren wir im ersten Moment sehr traurig und ein bisschen bedrückt. Aber was uns sehr schnell wieder aufgebaut hat, war, dass wir ja noch die Chance auf Bronze haben. Mit dem Gedanken ist man eingeschlafen.

Sie haben gegen die beste Mannschaft der Welt verloren. Was fehlte noch?

Fabian Wiede: Das Quäntchen Glück natürlich. Über weite Strecken haben wir nicht unser bestes Spiel gezeigt, Frankreich hat uns 40 Minuten klar dominiert, das muss man ehrlicherweise sagen. Erst in den letzten 20 haben wir uns zurückgekämpft. Natürlich war es schade, dass wir in den letzten Sekunden noch ein Tor bekommen haben. Aber im Großen und Ganzen hat Frankreich verdient gewonnen.

„Wir spielen bisher ein Superturnier“

Es bleibt ja das Spiel um Platz drei. Wie sehen Sie da die Chancen?

Drux: Gut, glaube ich, wir haben schon in der Vorrunde gezeigt, dass wir ein Spiel gegen Polen gewinnen können (32:29, d.Red.). Wir spielen bisher ein Superturnier. Nur weil wir dieses entscheidende Spiel verloren haben, brauchen wir jetzt nicht den Kopf in den Sand zu stecken.

Was macht denn Ihre Mannschaft so stark, wie sie nach dem EM-Titel im Januar auch hier wieder auftritt?

Wiede: Wir haben vielleicht nicht die großen Stars wie andere Mannschaften, sondern einen breiten, sehr guten Kader mit jungen, frischen Spielern. Jeder kämpft für jeden. Zusammenhalt ist bei uns das Wichtigste. Die Stimmung im Team ist auch sehr gut.

Wie erleben Sie Ihre ersten Olympischen Spiele?

Drux: Es ist einfach ein Riesending, dabei zu sein und macht ganz viel Spaß. Dazu kommt noch, dass wir so ein erfolgreiches Turnier spielen. Das macht es noch schöner. Aber die Olympischen Spiele sind einfach ein Kindheitstraum, der für uns in Erfüllung geht.

Mit welchen Erwartungen sind Sie hergekommen, welche haben sich erfüllt, welche nicht?

Wiede: Eigentlich mit gar keinen. Wenn man sieht, wir haben hier keinen Spieler dabei, der jemals bei Olympia war. Für alle ist es ein neues Erlebnis, niemand wusste, was auf uns zukommt. Jetzt hier im Dorf zu leben und jeden Tag neue Sportler zu sehen, ist einfach einmalig. Das ist für uns ein Riesenereignis.

Was haben Sie denn gesehen von Rio de Janeiro, außer der Future Arena und Ihrer Trainingshalle?

Drux: Wir waren einmal in der Nähe von der Copacabana etwas essen, da haben wir ein bisschen was von der Stadt gesehen. Zum Tennis sind wir einmal gegangen, das war auch ganz schön. Sonst hat sich wirklich alles im Dorf und in der Halle abgespielt.

Ist Olympia trotzdem ein Ort der Begegnung? Haben Sie im Dorf Sportler anderer Nationen kennengelernt?

Wiede: Nein, kennengelernt hat man keine, außer ein paar Deutsche. Mit Sportlern aus anderen Nationen Kontakt aufzunehmen, ist etwas schwierig, außer, dass wir ein paar Länder-Pins ausgetauscht haben.

Drux: Innerhalb der Nationen ist es anders. Da ist man sich begegnet, hat gefragt, wie es bei denen gelaufen ist. Ich habe einiges über andere Sportarten erfahren, das finde ich gut.

„Man sieht, dass in den Hallen oft nicht viel los ist“

Brasilien steckt in einer schweren wirtschaftlichen Krise. Haben Sie davon etwas mitbekommen?

Wiede: Wenig. Wir waren ja fast nur hier im Dorf.

Teilen Sie die Kritik, das IOC solle die Spiele nicht an Länder vergeben, die so große soziale und finanzielle Probleme hat, wo die Kriminalität sehr hoch ist?

Drux: Generell ist es wichtig, dass die Spiele verteilt werden auf die ganze Welt. Südamerika war noch nie dran. Von daher war es ein richtiger Schritt. Ob es dann jetzt der richtige Zeitpunkt war, nach Brasilien zu gehen, da gibt es Argumente dafür und dagegen. Man sieht, dass in den Hallen oft nicht viel los ist, weil die Brasilianer nicht so das Geld dafür haben. Das finde ich schade.

Haben Sie sich die Spiele genau so vorgestellt, wie Sie sie jetzt erleben?

Wiede: Wir haben wenig andere Eindrücke. Wir waren nur hier und nicht vorher in London, insofern können wir nicht vergleichen. Da können wir von mir aus aber sehr gern in vier Jahren noch mal drüber sprechen.

Hatten Sie besonders unangenehme oder besonders angenehme Erlebnisse?

Wiede: Das schlechteste war gestern. Das Schönste war, bei der Einlaufzeremonie dabei zu sein. Das war ein echtes Highlight für mich. Und sonst: einfach hier Spiele bestreiten zu können.

Würden Sie sich andere Sportarten hier wünschen?

Drux: Das Fußballturnier ist natürlich sportlich unattraktiver als eine Weltmeisterschaft, ganz klar. Aber meiner Meinung nach gehört Fußball trotzdem hierher. Jede Sportart hätte es generell verdient, hier dabei zu sein, weil alle Großes leisten. Ich fände es zum Beispiel toll, wenn die Klippenspringer dazu gehören würden. Die finde ich krass.

Das Thema Doping spielt hier auch eine große Rolle. Viele Sportler sind gestartet, die schon mal des Betrugs überführt worden sind. Was meinen Sie: Sollte man sie lebenslang sperren?

Wiede: Das ist nicht so einfach zu sagen. Natürlich, Leute, die bewusst dopen, die gehören nicht zum Sport. Deshalb sollte man die aus dem olympischen System herausnehmen. Manche machen es aber auch nicht bewusst, bekommen irgendwelche Sachen, ohne zu wissen, was das ist. Da ist es schwer zu trennen: Wer macht es bewusst, wer nicht. Trotzdem finde ich, man könnte die Regel einer lebenslangen Sperre einführen.

„Die Spiele strahlen immer noch eine Riesenfaszination aus“

War es richtig, das russische Team nicht komplett auszuschließen? Wie hätten Sie entschieden?

Drux: Vor allem war es ein großer Hickhack, der durch die Medien noch aufgepusht wurde. Wir Sportler kennen ja gar nicht alle Hintergründe. Erst wurde so entschieden, dann so, dann so. Ich finde, man hätte ganz klar eine Entscheidung treffen müssen. Und nicht so, dass dann noch der dazukommt, der nicht. Dieses Thema war so groß, dass bei vielen die Vorfreude auf die Olympischen Spiele dann doch sehr abgesackt ist.

Trotzdem schauen in Deutschland sehr viele Menschen im Fernsehen zu. Nicht nur beim Handball, Fußball, auch beim Wasserspringen oder Synchronschwimmen.

Drux: Die Spiele strahlen immer noch eine Riesenfaszination aus. Vor vier Jahren saß ich auch vor dem Fernseher und habe fast alles geguckt. Ich finde es einfach geil. Das sehen offenbar viele andere Menschen genauso, egal welche Sportart gerade läuft.

Am Sonntag noch das Spiel um Bronze, dann geht’s heim. Wie schwer wird es Ihnen nach dem Erlebnis Olympia fallen, das erste Mal zum Training der Füchse Berlin zu gehen?

Wiede: Ach, das wird gar nicht so schwer. Natürlich war das hier ein Super-Erlebnis. Aber teilweise auch sehr anstrengend. Das Essen ist nicht so gut, immer mit so vielen Leuten zusammen zu sein, wird auch anstrengend nach einer gewissen Zeit. Ich freue mich auf zu Hause, das eigene Bett zum Beispiel, das eigene Essen. Aber die Olympischen Spiele werde ich trotzdem weiterempfehlen.