#Rio2016

Punktlandung für die deutschen Gold-Kanuten

Mit einer neuen Taktik paddeln der Berliner Marcus Groß und sein Essener Partner Max Rendschmidt in Rio zu Gold.

 Endlich am Ziel: Marcus Groß (l.) aus Berlin feiert seinen ersten Olympiasieg, den er gemeinsam mit Max Rendschmidt erkämpft hat

Endlich am Ziel: Marcus Groß (l.) aus Berlin feiert seinen ersten Olympiasieg, den er gemeinsam mit Max Rendschmidt erkämpft hat

Foto: Facundo Arrizabalaga / dpa

Rio de Janeiro.  Sie haben einen Namen für diese Taktik. Der lautet: „Hinten wird’s hart“. Erst am Abend vor dem olympischen Finale über 1000 Meter im Kajak-Zweier haben die Kanuten Marcus Groß aus Berlin und Max Rendschmidt aus Essen beschlossen, ihr Glück mit „Hinten wird’s hart“ auf der Lagoa Rodrigo de Freitas zu suchen.

Sie behielten mit beidem Recht. Das Erfolgsduo, das seit vier Jahren in einem Boot sitzt und 2013 sowie 2015 Weltmeister wurde, sicherte sich nun in Rio de Janeiro auch den Olympiasieg. Und hinten wurde es wirklich hart, härter ging’s nicht.

Nur 0,188 Sekunden trennte den deutschen Kajak im Ziel von den Serben Marko Tomicevic und Milenko Zoric. Wie viele Meter hätte das Rennen noch dauern dürfen? Drei? Oder fünf? „Keinen einzigen“, legte sich der 22-Jährige Rendschmidt fest, „1000 Meter war perfekt. Es passte auf den Punkt.“

„Das hat genauso geklappt, wie wir das geplant haben“

Die beiden Deutschen sind seit Jahren die Gejagten im K2, immer neuen Taktiken der Gegner sahen sie sich ausgesetzt, um ihre Dominanz zu brechen. Meist hatten sie sich auf ihren starken Endspurt verlassen. Diesmal drehten sie den Spieß um, „wir wollten mal die anderen überraschen“, so Groß. Also starteten sie schnell und erhöhten im Mittelteil noch einmal das Tempo. Die Konkurrenz musste abreißen lassen.

„Das hat genauso geklappt, wie wir das geplant haben“, sagte der 27-jährige Berliner. Nach 750 Metern lagen die zweitplatzierten Australier fast zwei Bootslängen zurück. Doch dann ließen die Kräfte der Deutschen nach. „Die Arme wurden knüppelhart auf den letzten 100 Metern“, beschrieb Groß die letzten Sekunden, „wir haben versucht, die Geschwindigkeit zu halten. Doch die Serben kamen näher und näher. Wir konnten ihre Bugspitze sehen.“

Im Ziel war er sich nicht sicher, ob er nach Rang vier in London 2012 im Vierer sein ersehntes erstes Olympia-Gold bejubeln könnte. Rendschmidt spürte es und riss die linke Faust in die Höhe. Vielleicht war sein Partner aber auch einfach zu entkräftet, um überhaupt noch etwas zu tun. Er wusste, zu Hause in Grünau vor dem Fernseher hatten seine Frau Kati und ihr kleiner Sohn Fritz im Deutschland-Outfit mitgejubelt. Er wollte ihnen Gold schenken.

„Jetzt haben wir das Größte erreicht, was man als Sportler erreichen kann“

Das ist nun gelungen und die Krönung jahrelanger Arbeit. „Ich bin mit sechs Jahren meine ersten Rennen gefahren“, beschrieb der Essener Rendschmidt den langen Weg der Leiden, „jetzt haben wir das Größte erreicht, was man als Sportler erreichen kann.“ Es ist ein Glücksfall, dass beide gemeinsam im Boot sitzen. Denn nachdem Groß in London im Vierer an einer Medaille vorbeigepaddelt war, wünschte er von den Bundestrainern eine Veränderung. Sie setzten ihn mit Rendschmidt in den K2 – doch Groß war wenig begeistert von dem introvertierten neuen Partner, der im Gegensatz zu ihm eher schweigsam ist.

Erst, als sie den ersten Weltcup zusammen fuhren, merkte er, wie gut sie zusammenpassten, auch ohne groß Worte zu verlieren. Denn: „Max ist ein absoluter Wettkampftyp, der weiß genau, was im Rennen zu tun ist.“ Seitdem haben sie eine beeindruckende Erfolgsspur auf den Kanustrecken gezogen. Nur ein Problem machte ihnen noch zu schaffen. Der so cool wirkende Essener war vor Wettkämpfen derart nervös, dass er sich regelmäßig übergeben musste.

Bei der WM 2014 in Moskau kostete sie diese Nervosität vermutlich die erwartete Medaille, sie wurden Vierte. Doch sie hatten Glück, denn der Mental-coach Robby Lange, selbst ein Kanute, hörte davon und bot spontan seine Hilfe an – ohne Honorar. „Robby hat uns super geholfen und seinen Anteil daran, dass wir hier stehen“, sagte Rendschmidt, „er hat mit speziellen Atemübungen meine Aufregung in Spannung umgewandelt. Ich kann die Vorbereitung auf ein Rennen sogar genießen.“ Groß ergänzte: „Er macht das, weil er meint, wir hätten Unterstützung verdient, einfach so.“

Ronald Rauhe kämpft zum Abschied mit den Tränen

Nun mussten sie eines der härtesten Rennen ihrer gemeinsamen Karriere überstehen. Rendschmidt: „Wir wussten, dass es weh tun wird.“ Eigentlich hatten sie die Taktik schon im Vorlauf ausprobieren wollen, doch da kam es nicht dazu – sie waren meilenweit von der Konkurrenz entfernt. Beide werden am Sonnabend auch im Vierer sitzen und um eine Medaille fahren.

Donnerstag gingen aber nicht alle Wünsche in Erfüllung. Franziska Weber (Potsdam) wurde im Kajak Fünfte über 500 Meter, Ronald Rauhe/Max Liebscher (Potsdam/Dresden) fuhren im K2 über 200 Meter um eine Zehntelsekunde an Bronze vorbei. Rauhe hatte bei seinen fünften Spielen, seinen letzten, mit den Tränen zu kämpfen. Marcus Gross schwebte dagegen förmlich und freute sich auf den Abend, auch ohne Feier. „Ich werde sehr entspannt ins Bett gehen“, sagte er, „und neben mir wird die Goldmedaille liegen.“

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