Rad

Diese Olympiasiegerin ist nicht sattelfest

Kristina Vogel holt Gold, verliert dabei den Sattel, rettet die Bilanz der Radfahrer und geht mit dem Nachwuchs hart ins Gericht.

Olympiasiegerin Kristina Vogel lacht und weint gleichzeitig in den Armen von Freund Michael Seidenbecher

Olympiasiegerin Kristina Vogel lacht und weint gleichzeitig in den Armen von Freund Michael Seidenbecher

Foto: Bryn Lennon / Getty Images

Rio de Janeiro.  Mit Teller und Besteck lief Kristina Vogel quer durch das Deutsche Haus, auf der Suche nach etwas Essbarem. Zwei mickrige Würstchen waren die Ausbeute. Wenige Stunden zuvor war die Erfurterin im olympischen Velodrom wesentlich erfolgreicher gewesen - und dass, obwohl ihr plötzlich der Sattel fehlte. „Ich habe gedacht: verdammt, verloren, jetzt muss ich in den Entscheidungslauf“, sagte Vogel.

Doch weit gefehlt. Die Bahnradsprinterin gewann Gold, in der Königsdisziplin, auch ohne Sattel. Beim sogenannten Tigersprung, bei dem die 25-Jährige ihr Rad um vier Tausendstel vorbei an der Britin Rebecca James zum zweiten Finalsieg nach vorn wuchtete, krachte der Aufsitzer herunter. Vogel vermied mit Mühe einen Sturz, und erst, als sie Bundestrainer Detlef Uibel jubeln sah, dämmerte es ihr. „Ich bin die Olympiasiegerin ohne Sattel“, sagte Vogel lachend.

Zuvor weinte die 25-Jährige Tränen der Freude in den Armen ihres Lebensgefährten Michael Seidenbecher, die Gefühle übermannten sie auch während der Nationalhymne. Später wurde aber ausgelassen gefeiert, trotz Magenknurren. Die Magnumflasche Champagner überragte das 1,60 Meter kleine Kraftpaket fast.

Als das Leben am seidenen Faden hing

Die Goldmedaille hatte sich Vogel umgehängt, genauso die bronzene, die sie mit Teamsprint-Partnerin Miriam Welte am vergangenen Freitag gewonnen hatte. Ganz nebenbei hat Vogel so die Olympia-Bilanz des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) aufpoliert, die beinahe verheerend schlecht ausgefallen wäre.

Obwohl sie also allenthalben für Erleichterung gesorgt hatte denkt die Olympiasiegerin Vogel schon weiter. Die Zukunft der Bahnradsportler bereitet ihr erhebliche Sorgen. „Für uns ist es erschreckend, wie sich die Materialsache entwickelt. Da habe ich Angst, dass wir den Anschluss verlieren“, sagte sie. „Da müsste man über den Tellerrand hinausgucken.“

Auch mit dem Nachwuchs ging Vogel hart ins Gericht. Sie hält ihn für zu bequem. „Das geht durch alle Sportarten hindurch. Ich habe das Gefühl, dass sich die Jugend nicht mehr so quälen muss“, sagte die Erfurterin. „Du merkst, wie wir damals beißen mussten und wie die heute beißen. Das ist einfach nicht das Gleiche.“

Dabei blickt Vogel auch auf eine außergewöhnliche Leidensgeschichte zurück: Vor sieben Jahren hing ihr Leben am seidenen Faden: Verkehrsunfall im Training. Knochenbrüche. Koma. Heute erinnern daran nur ein paar blasse Narben im Gesicht. Dieses Unglück überstanden zu haben, ist vielleicht ihr größter Sieg gewesen. Da lässt sie sich doch von einem verlorenen Sattel nicht aufhalten.