Leichtathletik

Christoph Harting: „Ich möchte mich entschuldigen“

| Lesedauer: 7 Minuten
Dietmar Wenck
Der Olympiasieg ist für Christoph Harting der erste internationale Titel. Er siegte mit Weltjahresbestweite von 68,37 Meter

Der Olympiasieg ist für Christoph Harting der erste internationale Titel. Er siegte mit Weltjahresbestweite von 68,37 Meter

Foto: Bernd Thissen / dpa

Olympiasieger Christoph Harting erkennt gerade noch rechtzeitig, dass er für die Rolle als Star dazulernen muss.

Rio de Janeiro.  Am späten Abend danach zeigte der Diskus-Riese Christoph Harting abseits seiner sportlichen Leistung noch einmal Größe. Der Olympiasieger bat um Verzeihung. „Tut mir leid, es war nicht so gemeint. Ich möchte mich bei allen, die sich auf den Schlips getreten fühlen, entschuldigen“, sagte der 25-jährige Berliner im Deutschen Haus, dem Sportlertreffpunkt bei den Olympischen Spielen in Rio.

Sein Verhalten direkt nach dem Triumph im Diskusring hatte eine Welle der Kritik auf ihn herabprasseln lassen. Er hatte bei der Siegerehrung eine irritierende, albern wirkende Show abgezogen, geschunkelt und sogar kurz mitgepfiffen. Und er hatte anschließend die Journalisten verprellt, weil er wenig Lust zeigte, auf ihre Fragen zu antworten.

Der strahlende Held wurde so innerhalb weniger Minuten zum Buhmann. Harting hatte mit einer Steigerung auf die Weltjahresbestweite von 68,37 Meter im letzten Versuch noch den Sprung von Platz vier auf Rang eins geschafft und vor dem polnischen Weltmeister Piotr Malachowski (67,55) und dem Wattenscheider Daniel Jasinski (67,05) Gold gewonnen.

Rüge vom Chef de Mission

Aber seine herausragende sportliche Leistung war bei vielen in den Hintergrund gerückt. Die Reaktionen gerieten heftig, nicht nur in den sozialen Netzwerken. Von einem „Arroganz-Auftritt“, schrieb die „Bild“, sein „unwürdiges Verhalten“ kommentierte „Die Welt“.

Michael Vesper, Chef de Mission der deutschen Mannschaft bei den Spielen in Rio, rügte: „Was er da aufgeführt hat bei der Siegerehrung, das war nicht gut, denn er ist ein Mitglied unserer Mannschaft und Botschafter unseres Landes.“ Selbst sein Trainer Torsten Lönnfors, einer seiner engsten Vertrauten, schimpfte: „Keine Ahnung, was das sollte. Christoph muss aufpassen, dass er jetzt nicht frei dreht.“

Ein paar Stunden später hatte sich diese Aufregung wieder gelegt. Ob es das war, was Harting mit seiner Entschuldigung erreichen wollte, sei dahingestellt. Aber als großer Taktiker ist er bisher nicht in Erscheinung getreten, und seine Argumentation war auch nachzuvollziehen. „Du bist noch halb im Wettkampf-Modus“, sagte er zu seinem merkwürdigen Verhalten bei der Siegerehrung, „du bist im Kopf völlig woanders, hormontechnisch völlig übersteuert.“

„Wie bereitet man sich darauf vor, Olympiasieger zu werden?“

Damit umzugehen, habe er jetzt festgestellt, sei eine Kunst für sich. Zumal für ihn, der zum ersten Mal in seiner Karriere eine internationale Medaille gewonnen hatte. Und dann gleich eine olympische. Und dann gleich die goldene. „Wie bereitet man sich darauf vor, Olympiasieger zu werden?“, fragte er rhetorisch, „selbst bei aller Tagträumerei: Sowas kannst du dir nicht vorstellen, sowas kannst du dir nicht ausmalen.“

Zumal für ihn, der zum ersten Mal im Mittelpunkt des Interesses stand, nicht sein sechs Jahre älterer und omnipräsenter Bruder Robert. Aus dessen übergroßem Schatten ist er nun getreten, vielleicht zu seiner eigenen Überraschung. Der Olympiasieger von 2012 hatte wegen eines Hexenschusses die Qualifikation für das Finale verpasst und klatschte auf der Tribüne des Olympiastadions begeistert Beifall.

Später schrieb er bei Facebook, wie „extrem“ er sich für Christoph freue. „Hey, kleiner Bruder, der Generationenwechsel ist eingeleitet. Du hast einen klaren Harting im letzten Versuch gezeigt. Sportlich brauche ich somit nichts mehr beweisen, denn das kannst jetzt du. Nimm es mit und pflege diese Fähigkeiten.“

Das Verhältnis zu Bruder Robert ist kompliziert

Wie sein Rat bei Harting, dem Jüngeren, ankommt, ist eine andere Frage. Das Verhältnis der beiden ist kompliziert, was nicht selten vorkommt bei Brüdern. Seit Monaten haben sie nur das Nötigste miteinander beredet, obwohl sie im Sportleistungszentrum Kienbaum nebeneinander trainieren.

Christoph kam bisher mit der starken Persönlichkeit an seiner Seite nur schwer klar. In einem Interview hat er mal gesagt, alles müsse so funktionieren, wie Robert das wolle, sonst mache er allen Feuer. Ihm auch, darf man vermuten. Und die ständigen Vergleiche sind auch eine große Last.

Harting, der Ältere, hat nicht nur sportlich schon alles erreicht: Olympiasieg in London, drei WM-Titel, zwei EM-Titel. Er ist zugleich ein überall gefragter Mann, hat zu jedem Thema eine Meinung, machte sich nicht nur als Athlet einen Ruf, sondern auch als Kämpfer für einen dopingfreien Sport, für eine bessere Sportförderung.

Rückzug ins Schneckenhaus

Um der Kontrolle durch seinen Bruder und den Vergleichen zu entgehen, zog Christoph sich mehr und mehr zurück, wie in sein eigenes Schneckenhaus. Kündigte an, in diesem Jahr keine Interviews zu geben, was er bis Rio durchzog. Das fiel nicht einmal schwer, nach wie vor standen ja sein Bruder und dessen Comeback-Geschichte im Fokus.

Der hatte allerdings schon längst erkannt, dass sein härtester Rivale mit dem Diskus aus dem eigenen Haus kommt: „Christoph ist physisch klar der Stärkere von uns, da habe ich keine Chance. Wenn der mal einen Wurf richtig trifft, wird es richtig schwer für alle anderen.“

Nur fehlte dieser Treffer bisher, außer im Training, wo der Diskus schon längst auf Weiten wie nun in Rio flog. Auch das zehrte an den Nerven Christoph Hartings: Wann klappt es endlich in einem großen Wettkampf?

In Rio hat es nun geklappt, was die Euphorie des Olympiasiegers ein Stückweit mit erklärt. Doch damit war auch klar: Die Zeiten im Schneckenhaus sind vorbei. Schon bei der skurrilen Pressekonferenz direkt im Anschluss erkannte er das: „Ich bin jetzt eine Person des öffentlichen Interesses. Aber ich bezeichne mich als introvertierte Person. Ich bin kein Medienhengst.“

„Die ganze PR-Maschinerie drumherum – so weit bin ich noch nicht“

Überfordert mit der ungewohnten Situation, könnte man auch sagen. Am Abend beschrieb der Bundespolizist seine Gefühle so: „Dann stand ich da, mit kurzer Hose und Holzgewehr.“ Mit jedem „introvertiert“ und „Medienhengst“ und „meine Bühne ist nur der Sport“ distanzierte er sich zugleich von seinem Über-Bruder. Inzwischen gibt er offen zu: „Die ganze PR-Maschinerie drumherum – so weit bin ich noch nicht. Das muss ich erst noch lernen.“

Vielleicht sollte sich die Öffentlichkeit auch noch ein wenig Geduld mit Christoph Harting gönnen, der jetzt nicht mehr der kleine Bruder ist, sondern Olympiasieger. Nur zur Erinnerung: 2009, als Robert Harting in Berlin zum ersten Mal Weltmeister wurde, seinen ersten großen Titel gewann, irritierte er mit seiner Kritik an Doping-Opfern.

Inzwischen ist er ein beliebter Star, für seine offene, direkte Art bewundert, trotz seiner Ecken und Kanten. Aber aller Anfang ist eben manchmal schwer. Und wenn sich einer nicht vereinnahmen lassen, sondern Christoph Harting bleiben will, ist das ja sein gutes Recht.