Rio 2016

Berliner Christoph Harting holt Diskus-Gold

Christoph Harting überrascht mit seinem letzten Wurf die Konkurrenz und tritt die Nachfolge von Robert als Olympiasieger im Diskus an.

Christoph Harting gewinnt in Rio Gold

Christoph Harting gewinnt in Rio Gold

Foto: Getty Images

Rio de Janeiro. Man hätte meinen können, da steht Robert Harting im Ring. In einem Wettkampf mit Gänsehaut-Feeling, wie man das von ihm kennt. Es beginnt der letzte Versuch im Diskuswettbewerb im Olympiastadion von Rio. Bis eben hat er noch scheinbar komfortabel auf dem Silberrang gelegen, dann ziehen plötzlich der Este Martin Kupper und sein deutscher Teamkollege Daniel Jasinski an ihm vorbei. Ein sportliches Drama liegt in der Luft. Sollte es etwa wieder mit Platz vier enden wie bei der Europameisterschaft im Juni?

Christoph Harting denkt nicht daran, erneut ohne Medaille heimzureisen. Diesmal nicht. Voller Konzentration schleudert der Mann vom SCC Berlin die Scheibe auf 68,37 Meter. Im entscheidenden Moment ist er da. Persönliche Bestweite. Weltjahresbestweite. Vor allem, und nur darum geht es an diesem Tag: olympisches Gold.

Der 25-jährige Harting ist Olympiasieger und sportlicher Nachfolger seines sechs Jahre älteren Bruders Robert, der in London 2012 gewann, in Rio aber wegen eines Hexenschusses in der Qualifikation gescheitert war.

„Ich bin Sportler und kein PR-Mensch"

Knapp zwei Stunden später kommt niemand mehr auf die Idee, der Mann dort vorn auf dem Podium der Medaillengewinner könnte Robert Harting sein. Dieser Mann sagt: „Ich bin Sportler und kein PR-Mensch. Ich beantworte ungern Fragen auf Pressekonferenzen, ich habe schlechte Erfahrungen damit gemacht.“

Vorher hatte er die Interviewzone mit einem lauten „Mahlzeit“ durchquert. Er verweigert jeglichen Kommentar. Auch im Fernsehen gibt sich Christoph Harting kurz angebunden. Er sei keine Kunstfigur und lasse seine Leistung sprechen.

Die blieb an diesem Tag unübertroffen. Seine erste internationale Medaille war gleich die wichtigste, die es zu gewinnen gibt. Nach dem Triumph hatte Harting mit seinem Kumpel, dem zweitplatzierten Polen Piotr Malachowski (67,55), eine Ehrenrunde gedreht, nicht etwa mit dem Wattenscheider Daniel Jasinski (67,05), der Bronze gewann.

Zappelig bei der Hymne

Bei der Siegerehrung wirkte er unruhig, geradezu zappelig. Warum, darauf gab er eine Antwort: „Ich bin ein Mensch, der Rhythmus braucht, der Musik liebt. Und es ist schwer, auf die deutsche Hymne zu tanzen.“ Das war wohl scherzhaft gemeint. Gut ausgesehen hat es nicht, und Sympathien wird es ihm auch nicht eingebracht haben.

Der Wettkampf war außergewöhnlich, weil er so spannend verlief. Harting hatte im ersten Versuch 62,38 Meter erzielt, ein Wurf, der ihm Sicherheit brachte. Dann im nächsten Durchgang 66,34 Meter, ein Statement, mit dem er sich auf Rang zwei hinter Malachowski setzte, der von Beginn an vorn lag. Es sah im vierten und fünften Durchgang nach einem ruhigen Verlauf aus. Bis einige doch noch versuchten, das Klassement auf den Kopf zu stellen.

Der Este Kupper ließ den Diskus auf 66,88 Meter fliegen, sprang von Rang sechs auf Platz zwei. Jasinski zog wieder vorbei, 67,05 Meter. Plötzlich stand Christoph Harting mit leeren Händen da. Doch dann zeigte er zeigte seinen technisch besten Wurf, und da er sowieso der physisch Stärkste aller Teilnehmer ist, flog der Diskus bis auf 68,37 Meter. Der wichtigste Wurf seiner ganzen Karriere. Ein Wurf, der nichts anderes als Gold verdient hatte. Trainer Torsten Lönnfors kommentierte trocken: „Training zahlt sich eben aus. Christoph ist in Topform hier angereist und hat im Training auch schon solche Ansätze gezeigt.“

Beifall auf der Tribüne von Bruder Robert

Auf der Tribüne klatschten Robert sowie seine Eltern Bettina und Gerd Harting begeistert Beifall. Sein Bruder schickte via Facebook sofort Glückwünsche: „Ich freue mich extrem für dich. Du hast einen klaren Harting im letzten Versuch gezeigt. Respekt! Zwei Olympiasieger im Einzelsport aus derselben Familie.“

Zumindest war sein eigenes Schicksal erst mal verdrängt, dass er nur Zuschauer sein konnte. Das soll aber nur ein vorübergehender Zustand gewesen sein. Zwar sagte Robert in einem Facebook-Video: „Ich war in meinem Leben noch nie so traurig.“ Aber er stellte auch klar: „So aufzuhören, ist nicht mein Ding. Ich muss mal überlegen, ob ich nicht noch mal vier Jahre mache.“ Das würde bedeuten, bis zu den Spielen in Tokio 2020.

An diesem Tag jedoch stand sein Bruder im Mittelpunkt, der mit die-sem öffentlichen Interesse nur schwer umgehen kann. „Ich bezeichne mich als eine introvertierte Person. Ich fühle mich hier fehl am Platz und unwohl.“ Auf manche Fragen fand er dennoch Antwort. Etwa auf jene, wie er es geschafft habe, im letzten Versuch so nervenstark zu kontern. Er habe sich selbst gesagt: „Das ist meine Bühne, das ist mein Stadion. Den Sieg nimmt mir keiner weg.“

>>> Harting und das Problem mit dem belastenden Bruder <<<