Rudern

Das Geheimnis des Goldschmieds vom Deutschland-Achter

Trainer Ralf Holtmeyer führt den deutschen Achter seit 30 Jahren zum Erfolg. In der Ruhe liegt seine Kraft.

Foto: Matthias Hangst / Getty Images

Rio de Janeiro.  Heute wird es wieder da sein, dieses irritierende Gefühl. Ganz daran gewöhnen wird er sich nie, obwohl es Ralf Holtmeyer ja schon seit über dreißig Jahren kennt. In Rio erlebt er seine neunten Olympischen Spiele. „Der Augenblick des Abschiebens ist für mich ein besonderer Spannungsmoment“, sagt der Bundestrainer des Deutschland-Achters, „dann weiß man: Jetzt kannst du nix mehr machen.“ Wenn das Paradeboot der deutschen Ruderer heute den Steg verlässt und am Nachmittag (16.20 Uhr) ins Finale startet, kann der 60-Jährige nur noch eines tun: vertrauen.

Seinen Ausgangpunkt hatte dieser Moment schon vor vier Jahren. Damals in London gewann der Achter Gold. Bald darauf begann der Aufbau der Besatzung für Rio. Es wurde zurückgetreten, neu besetzt, probiert. Und viele Leistungstests gab es, nur die Besten sollten dabei sein. Schließlich sind vier im Boot geblieben, Eric Johannesen (28), Maximilian Reinelt (27), Richard Schmidt (29), Andreas Kuffner (29), dazu Steuermann Martin Sauer (33). Hinzugekommen sind Schlagmann Hannes Ocik (25), Felix Drahotta (27), Maximilian Munski (28) und Malte Jaschik (23).

Sie können Helden werden. Die Olympischen Spiele sind das Nonplusultra in dieser Sportart, die sonst nicht viel mediale Aufmerksamkeit erfährt. Jetzt schauen alle auf die acht Hünen und ihren Steuermann. Auf den Deutschland-Achter. Die Nation erwartet nichts anderes als einen weiteren Triumph, so wie er schon 1960 und 1968 unter dem legendären Trainer Karl Adam gelang. Danach erst wieder unter Holtmeyer, 1988 zunächst, dann 2012. Und diesmal?

Nach Sydney Strafversetzung zu den Frauen

„Wir sind nicht Favorit“, sagt der Bundestrainer. Weltmeister sind 2015 die Briten geworden, den wichtigsten Weltcup dieser Saison in Luzern gewannen die Niederländer. Aber das ist auch taktisches Geplänkel. In Rio siegt, wer auf der Lagoa Rodrigo de Freitas im Finale am besten drauf ist. „Wir haben gesagt, wenn es gut läuft, gewinnen wir“, erklärt Holtmeyer, „aber es kann immer irgendwas nicht klappen. So ist Sport.“

Er selbst war einst ein mäßiger Ruderer und verließ früh das Boot, um seine Fähigkeiten von außen einzubringen. Sein Aufstieg als Trainer war kometenhaft. Noch keine zwanzig, machte er sich durch Erfolge im Osnabrücker Ruder-Verein bundesweit einen Namen. Mit 30 übernahm er 1986 im deutschen Verband den Achter. Nach seinem goldenen Einstieg in Seoul folgten Bronze 1992 in Barcelona und Silber 1996 in Atlanta. Und viele Weltmeistertitel.

Doch der Norddeutsche machte sich mit seiner manchmal sturen Art nicht nur Freunde. Als das Boot die Spiele 2000 in Sydney verpasste, siegten seine Kritiker. Holtmeyer wurde bis 2008 zu den Frauen delegiert. Ein harter Schlag nach 15 Jahren beim Deutschland-Achter, „der mir zu Anfang wirklich gefehlt hat“. Aber auch den neuen Job übte er mit Erfolg aus, führte 2003 das Frauen-Großboot zum WM-Titel. Heute sieht er positiv auf diese Zeit zurück, wegen der Arbeit mit den Frauen und weil der Blick von draußen ihn weiterbrachte.

Der 60-Jährige scheut keine schweren Entscheidungen

So erkannte er bei sich eine „gewisse Betriebsblindheit“. Und dass es dem Erfolg nicht zuträglich ist, zu nah an der Mannschaft zu sein, ihr gegenüber so etwas wie Dankbarkeit zu entwickeln. Stattdessen fordert er nun mehr Disziplin, auch in kleinen Dingen.

„Man darf sich nicht davor drücken, klare Entscheidungen zu treffen, wenn sie für die Mannschaft gut sind“, sagt Holtmeyer. Auch dann nicht, wenn sie schmerzlich sein können für den Einzelnen, der sich monate- oder jahrelang gequält hat, aber schließlich aussortiert wird. „Ich habe Riesenrespekt vor allen, die das tun“, sagt der Trainer. Er trägt die Verantwortung, und er trägt schwer daran. Aber er übernimmt sie.

Mit neuen Erfolgen, seit er 2009 wieder das Ruder im Achter übernahm. „Ralf ist der Chef im Team und genießt ein großes Vertrauen von uns“, sagt der Berliner Andreas Kuffner. „Er strahlt große Ruhe aus, weil er alles schon erlebt hat und weiß, welches Potenzial er hat“, sagt der Hamburger Eric Johannesen. Hannes Ocik nennt den Trainer „ehrgeizig, zielstrebig, erfolgshungrig. Er verlangt sehr viel von uns. Aber wenn ein Großereignis ansteht, spüren wir: Wir sind gut vorbereitet.“

„Auf dem Weg zur Topleistung muss man sich reiben“

Holtmeyer ist dabei kein Freund der Idee, alle säßen ja in einem Boot und müssten die besten Freunde sein. Es ist ihm geradezu ein Gräuel. „Für einen Moment, für den Moment vielleicht“, sagt er, „aber bis dahin verläuft nicht immer alles harmonisch. Auf dem Weg zur Topleistung muss man sich reiben, da können nicht Friede, Freude, Eierkuchen sein.“

Das ist anstrengend, auch für ihn. Aber genau diese Aufgabe, es immer wieder hinzukriegen, dass da neun Mann im Achter sitzen, die perfekt zusammenpassen, treibt ihn nach mehr als dreißig Jahren noch an. Trotz 16 Wochen Trainingslagern allein im Winter, „obwohl man privat sehr viel liegen lässt“. Gibt es überhaupt Momente, in denen Ralf Holtmeyer seinen Beruf genießen kann?

„Ich sitze im Motorboot, es ist schönes Wetter. Die Jungs im Achter leisten richtig was, gehen in ihrem Mannschaftsrhythmus auf“, antwortet der Bundestrainer, „das sind so Augenblicke der Harmonie, alles wirkt wie eine Einheit. Das sind Glücksmomente, die entschädigen mich für vieles.“ Und stärken das Vertrauen, dass es auch diesmal klappen wird.