Leichtathletik

Robert Harting: „Mit Wut verliert man die Kontrolle“

Der Diskus-Olympiasieger über seine Einstellung nach der Knieverletzung und seinen Konkurrenten und Bruder Christoph.

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Rio de Janeiro.  Am Freitag (14.30 Uhr) steigen die Leichtathleten in Rio ins Geschehen ein. Als erste müssen sich dann die Diskuswerfer für das Finale am Sonnabend (16 Uhr) qualifizieren. Robert Harting, Olympiasieger von London, ist nach überstandener Knieverletzung dankbar, wieder dabei sein zu können. Der 31-Jährige spürt diesmal weniger Druck, ist aber ehrgeizig, wieder ganz vorn zu landen. Und er spricht über die Magie des sechsten Versuches.

Herr Harting, wenn Sie sich den perfekten 13. August vorstellen, wie sieht er aus?

Robert Harting: Ach, den stelle ich mir nicht vor. Wenn man es versucht, kommt man in so eine Erwartungsrhythmik. Die ließe mich die eigentliche Situation nicht mehr genießen.

Komisch – keine Vorstellung?

Na gut, ich denke mir schon, das könnte sein, das könnte sein. Aber es geht nicht in die Kategorie Erwartungen. Das ist das Aufregende.

Vielleicht gibt es wenigstens eine Vorstellung über Ihren letzten Versuch? Sie haben in diesem Jahr das Hallen-Istaf ebenso mit dem letzten Versuch gewonnen wie die Deutschen Meisterschaften in Kassel.

Für den letzten Wurf ist es wichtig, dass man im Wettkampf schon was erlebt hat. In den Würfen davor passieren ja technische Sachen oder auch nicht. Man probiert was oder nicht, man geht den Versuch mental so oder anders an. Es gibt verschiedene Rezepte für einen Wurf – wie beim Essen. Spinnen wir das mal weiter. Egal, welches Gericht du probiert hast, keines hat dir richtig geschmeckt. Du weißt aber, wie gut es schmecken kann und willst es unbedingt haben.

Klingt gut, aber ...

Okay, manchmal hast du auch einfach keine Wahl. Wenn es heißt alles oder nichts. Das wiederum ist eine coole Situation, weil sie einfach ist. Der Mensch versucht immer wieder, mit Kontrolle eine Situation zu lösen. Kurioserweise sind die Würfe, die ohne diese Kontrolle sind, die weitesten. Die geilsten Würfe sind die, die volle Hütte sind.

Also hat dieser sechste Versuch eine gewisse Magie für Sie?

Ich weiß, nach dem sechsten ist der Wettkampf vorbei. Ich habe mir noch nie einen siebten gewünscht, Diskuswerfen ist ja auch anstrengend. In den eineinhalb Sekunden, die man für einen Versuch hat, muss man ungefähr 70 technische Bewegungen hinkriegen, ohne daran zu denken, was vorher schief gelaufen ist. Das Gute am sechsten Versuch ist: Man kann ein letztes Mal ein bisschen spielen. Es ist leicht, einfach drauf zu hämmern und zu hoffen, dass es klappt.

Steckt da auch Zorn drin?

Das geht. Nur keine blinde Wut. Sonst verliert man die Kontrolle. Sicher, Wut hat einen höheren Input auf die Muskulatur. Wir brauchen aber einen höheren Input in der automatisierten Bewegung. Und ein schnelleres Abfolgen. Kraft bremst, muskuläre Anspannung bremst.

Wie war das in London im Duell mit dem Iraner Ehsan Hadadi? Da hat Ihr fünfter Versuch Gold gesichert.

Gutes Beispiel. Aber da war mein Kopf so voll mit Druck! Auch mit meinem eigenen Druck. Das war für mich alles so sinngebend, diese Goldmedaille zu holen, ich hatte vorher keine Erfüllung gefunden im Sport. Das war der Moment, wo es stattfinden m u s s t e. Hat ja auch geklappt. Aber diese Erwartungshaltung, dieses sich vorher da reindenken, das macht es schwierig, so stark du auch bist. Und je schlechter der Wettkampf läuft, desto schwerer wird es. Ich hatte so feste Beine, ich hatte das Gefühl, meine Waden sind so dick (er zeigt das Dreifache seines Wadenumfangs, d.Red.). Ich konnte meine Füße kaum bewegen, alles war hart geworden. Das ist alles mental.

Verglichen mit 2012, bei wie viel Prozent Ihrer Leistungsfähigkeit sind Sie?

Sagen wir so: Ich hätte heute gegen den Robert Harting von 2012 weder physisch noch mental eine Chance. Aber wo ich ihm voraus bin: beim Wohlfühlen, in der Leichtigkeit, auch im Ziel. Mein Ziel ist jetzt, einen schönen Wettkampf zu haben. Ich will mich mit den Jungs messen, ich will sie nicht mehr dominieren.

Hat das damit zu tun, dass ein Kreuzbandriss im linken Knie Sie zu eineinhalb Jahren Wettkampfpause zwang? Spüren Sie deshalb jetzt gar keinen Druck?

Es ist schon Druck da. Aber durch meine Verletzung empfindet man ein gehobenes Maß an Demut. Die Straßenbahn fährt jeden Tag und hält immer an denselben Stationen. Wenn ich dann plötzlich nicht mehr in der Bahn sitze, sondern im Krankenwagen vorbeifahre – das interessiert die Bahn überhaupt nicht. Da merkt man: So einfach ist das in einem Sportlerleben. Und plötzlich bekommt man doch eine zweite Chance. Dann hat man das hingekriegt, noch einmal ein bisschen in der Weltspitze mitzustänkern.

Sind Sie wieder fast der Alte?

Das können Sie vergessen. Diskuswerfen fängt mit dem linken Fuß im linken Bein an. Das ist nicht mehr da. Das ist alles ein Gewürge im Kopf und so, immer noch unrund. Es ist ein glücklicher Umstand, dass mir das mit dem Kreuzband so spät passiert ist. Fünf Jahre früher, und ich hätte nicht mehr gewusst, was ich machen soll.

Wer sind denn Ihre Hauptrivalen?

Mein Bruder Christoph. Er ist physisch in jeder Hinsicht stärker als ich, da habe ich keine Chance. Dann mein Dauerrivale Piotr Malachowski, auf den ich mich freue. Ihm habe ich irgendwie meine ganze Karriere zu verdanken. Ohne so einen Dauerrivalen, wie wäre das geworden? Dann den Belgier Philip Milanov, den Vizeweltmeister. Das sind die drei, wo ich sagen würde, die gehören zum echten Medaillen-Favoritenkreis. Danach bricht es so ein bisschen ab in einen Leistungsbereich zwischen 65 und 66,50 Meter. Wo echt viele sind. Und wo achtzig Prozent meiner Würfe leider auch nur landen. Ich kann ganz schnell an einem schlechten Tag da ankommen. Das wäre schon doof.

Was würde es Ihnen bedeuten, wenn Sie mit Ihrem Bruder gemeinsam auf dem Podium stehen würden?

Das wäre schon krass, davon habe ich immer geträumt. Natürlich möchte ich lieber vor ihm landen. Aber wenn Christoph richtig einen trifft, wird es schwer. Er hat seine 68 Meter in diesem Jahr ohne jede Windunterstützung geworfen. Aber ich werde alles dafür geben, dass es nicht so kommt. Auf diese Herausforderung freue ich mich.