Fussball

Nach dem 10:0 gegen Fidschi ist Zeit für einen Rachefeldzug

Nils Petersen führt die deutsche U23-Auswahl bei Olympia ins Viertelfinale. Dort will sie sich an Portugal rächen

Foto: GUSTAVO ANDRADE / AFP

Berlin.  Dass es nicht mehr 1988 ist, erkennt man daran, dass Thomas Müller fehlt. Wäre es nämlich 1988, dann hätte dieser Müller nach der EM, die erst vor einem Monat endete, jetzt auch noch beim olympischen Fußballturnier mitmachen können. Und aller Wahrscheinlichkeit nach wäre das 10:0, das die deutsche U23-Auswahl Mittwochnacht ohne den Münchner gegen das Inselvolk Fidschi einfuhr, bedeutend niedriger ausgefallen.

Denn Thomas Müller hatte sich ja in Frankreich entschieden, entgegen seiner sonstigen Gepflogenheiten das Toreschießen für Deutschland einzustellen. Und das hat im traditionellen Stürmerland eine mittelschwere Identitätskrise ausgelöst: Wir haben keine echten Torjäger mehr, wurde überall beklagt.

Deswegen ist es jetzt eine raffinierte Pointe, dass ausgerechnet Nils Petersen gegen Fidschi fünf Tore erzielt hat. Petersen ist nämlich das, was der deutschen Mannschaft nach übereinstimmenden Medienberichten bei der EM gefehlt hatte: ein herkömmlicher, ein richtiger Stürmer.

1988 durften noch EM-Teilnehmer mitspielen

Dass der Angreifer am Mittwoch in Belo Horizonte – einem Ort übrigens, der für hohe deutsche Siege geeignet scheint (auch das 7:1 gegen Brasilien bei der WM 2014 fand hier statt), nach Belieben treffen konnte und sogar noch ein Tor vorbereitete, liegt auch daran, dass es nicht mehr 1988 ist.

Bei der zuvor letzten deutschen Olympiateilnahme vor 28 Jahren in Seoul mischte noch ein gewisser Jürgen Klinsmann mit. Dabei hatte der blonde Stuttgarter, der dazu beitrug, dass sich Deutschland als Stürmerland begreift, im selben Sommer auch alle vier Spiele bei der EM in Deutschland bestritten. 1988 ging das noch.

Vor Olympia 2016 dagegen war es eine der Regeln, die sich der Deutsche Fußball-Bund (DFB) selbst auferlegte, dass kein deutscher Spieler im 18er-Kader von Trainer Horst Hrubesch auftauchen dürfe, der zuvor auch im EM-Sortiment von Bundestrainer Joachim Löw geführt wurde.

Für Hrubesch auf Rachefeldzug

Kein Müller also, aber auch kein Leroy Sané, Joshua Kimmich oder Jonathan Tah. Die drei Plätze für ältere Spieler im U23-Aufgebot gingen an die Bender-Zwillinge Lars und Sven sowie durchaus überraschend an Nils Petersen.

Dass er in Zukunft die deutsche Stoßstürmer-Lücke füllen wird, ist dennoch eher unwahrscheinlich. Petersen ist bereits 27 Jahre alt. Und obwohl er vor ein paar Jahren mal als neue deutsche Sturmhoffnung galt, ihn der FC Bayern verpflichtete, um dann zu merken, dass es doch nicht reichen würde, war Petersen bis Sommer noch ein Zweitliga-Angreifer.

Beim SC Freiburg traf er 21 Mal in 32 Spielen und stieg mit den Breisgauern auf. Aber Löws Probleme lösen musst Nils Petersen ja gar nicht. Es reicht schon, wenn er für Hrubesch auf Rachefeldzug geht.

Nach Bronze 1988 ist diesmal wieder eine Medaille möglich

Durch das Kreisliga-Ergebnis von 10:0 gegen die Amateure aus Fidschi und weil Südkorea im Parallel-Spiel der Gruppe C Mexiko besiegte, trifft die deutsche Olympia-Auswahl am Sonnabend in Brasilia als Gruppenzweiter auf Portugal im Viertelfinale (18 Uhr, ZDF).

Vor einem Jahr musste Hrubesch als U21-Trainer bei der EM in Tschechien mit ansehen, wie seine Elf von den Portugiesen im Halbfinale mit 5:0 verhauen wurden. Das war schmerzhaft, weil man sich damals bereits als neue, goldene Generation empfand, um dann zu merken, dass vielleicht eher bei den Iberern eine solche heranwächst.

Zwar sind aus dieser deutschen Elf in Brasilien nur noch vier Spieler übrig (Matthias Ginter, Serge Gnabry, Timo Horn und Max Meyer). Aber Petersen hat so sein Baugefühl: „Deutschland hat mit Portugal noch eine Rechnung offen. Und wie ich den Trainer kenne, ist er auch ein bisschen heiß darauf, die Schmach vergessen zu machen“, sagte der Angreifer.

„Natürlich steckt das noch in den Knochen. Jetzt wollen wir es Portugal beweisen“, bezeugte dann auch Gnabry, der gegen Fidschi zwei Treffer erzielte und bisher die große Entdeckung des Turniers ist. Gelänge tatsächlich die Revanche, käme Deutschland einer Medaille ziemlich nahe. Am Mittwoch in Sao Paulo stünde das Halbfinale an (18 Uhr). Dann wird Kapitän Leon Goretzka definitiv nicht dabei sein: Der Schalker reiste am Donnerstag wegen seiner Schulterverletzung ab.

Hrubeschs Plan ist aufgegangen

Ob Petersen seiner Arbeit wird nachgehen können, ist allerdings noch gar nicht sicher. In den ersten beiden Gruppenspielen (Mexiko 2:2 und Südkorea 3:3) bevorzugte Hrubesch nämlich den Leipziger Davie Selke im Angriff. Selke ist 21 und ebenfalls ein richtiger Stürmer. 2014, als beide noch dort spielten, hatte er Petersen bei Werder Bremen schon einmal den Stammplatz geklaut.

Was aber kein nachhaltiges Zerwürfnis hinterließ: „Davie und ich mögen und respektieren uns“, sagte Petersen, fand aber auch, dass er sich mit seinem Fünfer-Pack gegen Fidschi vorerst „ins Rampenlicht gespielt“ habe. „Mal schauen, welche Schlüsse der Trainer daraus zieht.“

Hrubesch schlussfolgerte erst einmal, dass sein erzwungener Plan, nach einer zähen Kader-Nominierung und wenigen Trainingseinheiten die Vorrunde bei Olympia als Vorbereitung auf die entscheidende Phase zu verwenden, aufgegangen ist. Ohne Thomas Müller, aber mit Nils Petersen kann 2016 vielleicht gelingen, was auch 1988 möglich war: Kurz nach dem EM-Aus im Halbfinale gegen die Niederlande gewann Deutschland mit Jürgen Klinsmann in Seoul die Bronzemedaille. Und das wäre auch diesmal ein Erfolg.