Rugby

Die Fidschi-Inseln sind der beste Exot aller Zeiten

Fidschis Rugby-Team kann in Rio Historisches schaffen und die allererste Medaille für den Inselstaat holen.

Vatemo Ravouvou (r.) stoppt Folau Moeloa Niua und bezwingt mit den Fidschis das US-Team 24:19

Vatemo Ravouvou (r.) stoppt Folau Moeloa Niua und bezwingt mit den Fidschis das US-Team 24:19

Foto: PHIL NOBLE / REUTERS

Rio de Janeiro.  Wer neben Leone Nakawara steht, bekommt Angst. Der 28-Jährige misst zwei Meter und bringt 119 Kilogramm auf die Waage. Er wirkt wie ein einziges Muskelpaket, sein weißes Trikot liegt auf dem durchdefinierten Oberkörper eng an.

Mit seinen Maßen ist Nakawara der eindrucksvollste von vielen eindrucksvollen Athleten im Rugby-Team der Fidschi-Inseln. Genau genommen sind es ein Dutzend Dampfwalzen. Und die wollen in Rio Historisches leisten: die erste olympische Medaille für den Inselstaat im Pazifik gewinnen.

Vor 60 Jahren erlebte Fidschi in Melbourne seine Olympia-Premiere. Rio sind nun die 14. Sommerspiele, hinzu kommen drei Teilnahmen an Winterspielen. Dennoch warten sie auf den rund 100 bewohnten der mehr als 330 Fidschi-Inseln immer noch auf Edelmetall. 52 Athleten starten diesmal, das Team von Trainer Ben Ryan gilt als Goldfavorit im 7er-Rugby.

„Wir haben eine der besten Mannschaften, die dieses Land jemals gesehen hat“

Die abgespeckte Version ist erstmals im Olympiaprogramm und wird nicht wie üblich mit 15, sondern nur mit sieben Akteuren gespielt. Fidschi hat in den vergangenen beiden Jahren jeweils die World-Rugby-Seven-Series gewonnen, was einem Weltmeisterschafts-Titel gleichkommt. „Wir haben eine der besten Mannschaften, die dieses Land jemals gesehen hat“, sagt Ryan, bevor man mit dem 24:19 gegen die USA die Vorrunde als Gruppensieger abschloss. Heute geht es mit dem Viertelfinale weiter bis zum Finale (24 Uhr).

Zum Turnierauftakt wurde Gastgeber Brasilien mit 40:12 überrannt. „Sie haben hat uns gut gefordert, Hut ab“, meinte Kapitän Osea Kolinisau. Die körperlich klar überlegenen Kolinisau und Co. nutzten ihre Größenvorteile konsequent aus. Ihrer Athletik, Dynamik und Wucht hatten die Brasilianer nichts entgegenzusetzen. „Das ist wie im Training“, meinte ein Zuschauer.

Als das Team nach den gespielten 15 Minuten den Rasen im Deodoro Stadium verließ, schaute Assistenztrainer Chris Cracknell auf seine Uhr. „Zu Hause ist es jetzt 4 Uhr morgens, aber ich wette, das ganze Land hat trotzdem geguckt.“ So wie immer also. Wenn die „Fiji7“ spielt, sitzen die rund 900.000 Einwohner daheim vereint vor den Fernsehgeräten – egal, zu welcher Uhrzeit.

Ein Klempner gründete 1913 den ersten Rugby-Verein

Rugby ist auf den Fidschi-Inseln Religion. Cracknell sucht nach geeigneten Begriffen, um die Liebe und Leidenschaft der Einheimischen für diesen Sport zu beschreiben. Die Kinder, so der Engländer, würden mit einem Rugbyball in der Hand aufwachsen. An jedem Wochenende gebe es in den Dörfern Rugby Seven-Turniere. Wer sich keine speziellen Schuhe leisten kann, spielt barfuß.

Nachdem Fidschi 1874 britische Kolonie wurde, etablierten Neuseeländer den Sport auf den Inseln. Ein Klempner aus der Heimat der Kiwis gründete in der Hauptstadt Suva 1913 den ersten Rugby-Verein. Wer auf den Fidschis aufwächst, in den einfachen Dörfern, weit weg von den luxuriösen Urlaubsresorts, der spielt keine Playstation oder sitzt Stunden vor dem Computer.

Denn derlei Fortschritt gibt in einem einfachen Haushalt kaum. Die Freizeit wird draußen verbracht – mit vielen physischen Aktivitäten, sagt Ben Ryan. Er ist seit 2013 Nationaltrainer und weiß schon jetzt, dass er das Land eines Tages vermissen wird. Wenn der 44-Jährige abends nach Hause kommt, schaut er aufs Meer hinaus. Es sei ein einfaches, aber ein schönes Leben, sagt Ryan, der mit seinen rotbraunen Haaren und dem gleichfarbigen Fünf-Tage-Bart unter all den dunkelhäutigen Inselbewohnern sofort auffällt.

Hotelpage, ein Polizist und ein Gefängnisdirektor im Team

Von seinen zwölf Akteuren spielen fünf als Profis in Großbritannien. Mit ihren Gagen, die wie bei Kolinisau im sechsstelligen Bereich liegen, können sie nicht nur ihre Familie finanzieren, sondern mitunter ein ganzes Dorf. Der Rest des Teams ist in der heimischen Liga aktiv und trete dort quasi für „ein warmes Essen und ein kaltes Bier“ an, sagt Cracknell. Und deshalb müssen alle neben dem Rugby noch arbeiten. Sie sind Hotelpagen, Feuerwehrmänner, Polizisten – oder wie Kitione Taliga Gefängnisdirektor. Kurzum, ein Team des Volkes.

Die Mannschaft, die in Rio das erste Edelmetall holen soll, wurde am 16. Juli von Premierminister Frank Bainimarama persönlich bekanntgegeben. Das Staatsoberhaupt saß auch am Dienstag auf der Tribüne, sah neben dem 40:12 gegen Brasilien zudem einen 21:14-Erfolg über Argentinien. Zwölf Teams spielen im olympischen Turnier, aber nur Fidschi hat den höchsten Mann des Staates als Fan dabei.

Hünenhafte Spieler dürfen keine Kohlenhydrate essen

Ryan wirkt in Interviews sympathisch, ist gegenüber seinen Spielern aber strikt. Handys sind nicht erlaubt, und als sein Team ins olympische Dorf einzog, fiel ihm sofort „jede Menge Ablenkung“ auf.

Um dennoch den Fokus nicht zu verlieren, mache seine Mannschaft alles zusammen, so Ryan: „Wir gehen gemeinsam essen, und wir schalten gemeinsam abends das Licht aus.“ Um sicherzustellen, dass niemand gegen das Alkoholverbot verstößt, ließ Ryan seine Spieler in der Vorbereitung ins Atem-Röhrchen pusten. „Das ist ein bisschen alte Schule“, sagt Ryan.

Acht Wochen lang hat sich die Mannschaft auf Rio vorbereitet. Es klingt fast zu romantisch, aber 100 Meter-Sprints wurden im Training tatsächlich im Dünensand gelaufen und die Lagunen mit ihrem türkisfarbenen Wasser wie aus dem Urlaubskatalog für Schwimmeinheiten genutzt. Ryan hebt hervor, dass die Spieler zwei Monate lang keine Kohlenhydrate bekommen haben.

Nakawara, der angstmachende Riese, hat so sieben Kilo abgenommen. Eine Dampfwalze ist er dennoch – eine, die Geschichte schreiben will.