Olympia

Muhammad kämpft mit Kopftuch und Säbel

Die muslimische Fechterin Ibithaj Muhammad will den USA helfen, sich mit sich selbst zu versöhnen. Rampenlicht macht ihr nichts aus.

Fechterin Ibtihaj Muhammad ist die erste US-Athletin mit Kopftuch

Fechterin Ibtihaj Muhammad ist die erste US-Athletin mit Kopftuch

Foto: Getty Images / Getty Images Sport/Getty Images

Rio de Janeiro.  Stoisch sitzt Ibithaj Muhammad da, fast schon buddhagleich. Mit dem sanften Lächeln einer Frau, die sich beseelt fühlt, die überzeugt ist, das Richtige zu tun. Auf der Haut liegt Make-Up, die Augenbrauen sind geschminkt. Und darüber trägt sie ein dunkelblaues Kopftuch.

Dunkelblau in der Farbe von Team USA: Als deren Mitglied wird die 30-Jährige aus der Nähe von New York heute um Einzel-Gold im Säbel fechten. Für ihr Land wird es eines der Top-Events der Spiele, denn Muhammad ist die erste Olympiastarterin der US-Geschichte mit Kopftuch.

Von Präsident Barack Obama wurde sie als Vorbild gefeiert, das Außenministerium ernannte sie zur „Botschafterin des Sports“, das Magazin „Time“ zu einer der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten des Landes. In Rio unterlag sie beim Teamvoting über den US-Fahnenträger am Ende nur gegen Michael Phelps, es soll sehr knapp gewesen sein. Phelps: der erfolgreichste Athlet der Geschichte. Muhammad: eine Olympiadebütantin, von deren Sport viele Amerikaner zuvor noch nie gehört hatten.

Viele wollen multikulturelles Amerika nicht wahrhaben

Bei der Vorstellung des US-Teams in Rio sitzt neben ihr die zweifache Olympiasiegerin Mariel Zagunis, ein blondes All-American-Girl mit Lamettazöpfchen im Haar. „An alle, die Fechten nicht kennen ...“, beginnt sie ihr Statement, und erklärt erst einmal die Grundlagen ihres Sports. Außerdem auf dem Podium: eine weitere Blonde, eine Weiße mit lilagefärbtem Haar, zwei Schwarze, ein Jude. Ein buntes Abbild der multikulturellen Nation Amerika.

Eine Realität, wie sie viele im Land, angeführt von Präsidentschaftskandidat Donald Trump, nicht wahrhaben wollen. „Hass-Rhetorik“ und „Anstiftung zur Gewalt“ nennt Muhammad dessen Forderungen wie Registrierungspflicht und Einreiseverbot für Muslime. „Ich bin in den USA geboren, ich kann nirgendwo anders hingehen“, erinnert sie. Von der ganzen Combo auf dem Podium hat sie den breitesten amerikanischen Akzent.

Einfach war der Weg der Polizistentochter trotzdem nicht. Sportlich war sie immer, doch sie hörte auch, „dass ich nicht dazu gehöre, weil ich Afro-Amerikanerin bin“. Oder „dass ich dies und das nicht machen könne, weil ich Muslimin bin“. Anfangs spielte sie Tennis, Softball oder Volleyball, dann musste sie an ihre Teamkleidung immer lange Ärmel und Beine nähen. Jetzt appelliert sie an muslimische Mädchen, sich nicht vom Sport abbringen zu lassen – nicht von Vorurteilen. Das Fechten, sagt Muhammad, „erlaubt mir zu sein, wer ich bin. Sobald du deine Maske an hast, sehen die Leute nicht, wer dahinter steckt. Das schätze ich so an meinem Sport.“

„Stereotypen einreißen, Irrglauben attackieren“

Ihre Biografie nennt sie inzwischen einen „Segen“. Denn das Rampenlicht macht ihr nichts aus. „Du musst deinen Moment nutzen, um anderen zu helfen. Es gibt so viele Menschen, deren Stimmen nie gehört werden.“

Also wiederholt sie auch in den Tagen von Rio mit dieser festen Gelassenheit ihr Credo: „Stereotypen einreißen, Irrglauben attackieren“. Berichtet, wie sie in New York auf der Straße verfolgt wurde, wie sie in Texas bei der Akkreditierung für eine Veranstaltung ihr Kopftuch abnehmen musste. Ihre Rolle als Martin Luther King der Planche verhalf ihr zu Werbeverträgen und Publicity für ihre Klamottenlinie, sicher. Aber ihr Auftreten lässt wenig Zweifel, dass an erster Stelle ihr Engagement steht.

Amerika umarmt Muhammad, weil sich in ihr die Sehnsucht nach einem besseren, friedlicheren Land spiegelt. Bei allen Debatten über Korruption in Brasilien und Doping in Russland kann man ja leicht vergessen, dass auch Olympias größte und erfolgreichste Nation verwundet angereist ist, dass sie unter einer sozialen Krise leidet.

Die 30-Jährige kämpft gegen Vorurteile und Rassismus

Sogar Basketballlegende Michael Jordan hat sich geäußert: „Ich kann nicht länger schweigen“, schrieb er in einem offenen Brief angesichts der Morde von Polizisten auf Schwarze und Schwarze auf Polizisten, angesichts von „spaltender Rhetorik und wachsender Spannungen zwischen den Rassen“.

Muhammad erwähnt den Angriff auf eine afroamerikanische Kirche in Charleston voriges Jahr, mit dem der Attentäter nach eigener Aussage einen „Rassenkrieg“ entzünden wollte. „Wir als Land müssen uns verändern, ich hoffe, wir tun das schnell.“ Dazu will sie mit ihrem Olympiaauftritt in Rio de Janeiro beitragen. Ach ja, „und ich hoffe, eine Medaille kommt auch noch mit ins Gepäck.“