#Rio2016

Harting und das Problem mit dem belastenden Bruder

Das Verhältnis von Robert und Christoph Harting ist angespannt – nicht nur wegen ihrer sportlichen Rivalität.

Diskus-Olympiasieger Robert Harting (l.) und sein sechs Jahre jüngerer Bruder Christoph haben sich gemeinsam in einer Trainingsgruppe auf die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro vorbereitet. Geredet aber wird wenig. Mit ihren Weiten dieses Jahres belegen sie in der Weltbestenliste die Ränge zwei und drei

Diskus-Olympiasieger Robert Harting (l.) und sein sechs Jahre jüngerer Bruder Christoph haben sich gemeinsam in einer Trainingsgruppe auf die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro vorbereitet. Geredet aber wird wenig. Mit ihren Weiten dieses Jahres belegen sie in der Weltbestenliste die Ränge zwei und drei

Foto: imago/Camera 4

Berlin.  Als Robert Harting im letzten Versuch noch der große Wurf gelungen war, kamen die Konkurrenten zum Gratulieren. Fast alle umarmten den 31-Jährigen. Der Diskus-Star aus Berlin hatte sich mit der Weite von 68,04 Metern im Kasseler Auestadion doch noch den deutschen Meistertitel und das Ticket zu den Olympischen Spielen in Rio gesichert. Einer aber beließ es bei einem nicht sonderlich herzlichen Händedruck: Christoph Harting, Roberts sechs Jahre jüngerer Bruder.

Man könnte die Kühle so begründen, dass Christoph Harting bis eben noch in Führung gelegen hatte und nun enttäuscht war, dass ihm der Titel vor der Nase weggeschnappt worden war. Oder dass es für ihn schwer zu akzeptieren ist, dass einer, der eineinhalb Jahre wegen eines Kreuzbandrisses mehr oder weniger von der Bühne verschwunden war, nun wieder das ganze Rampenlicht auf sich zieht.

Doch dass dies nicht alles ist, wurde wenig später offenbar: Da sagte Robert Harting: „Wir lieben unsere Eltern über alles – deshalb sprechen wir Brüder nicht übereinander.“ Damit war offiziell bestätigt: Das Verhältnis ist kompliziert.

Robert ist selbst mit einem Gut im Studium nicht zufrieden

Kurioserweise haben sie sich auch danach gemeinsam auf Rio vorbereitet; Christoph, der in dieser Saison sogar schon zwei Zentimeter weiter warf als Robert in Kassel, wurde ebenfalls nominiert. Sie arbeiten seit 2013 nebeneinander in einer Gruppe unter Trainer Torsten Schmidt. Zu der gehört auch Roberts Freundin Julia Fischer, EM-Zweite.

Die Brüder treffen sich im Kraftraum, miteinander gesprochen wird wenig. „Jeder zieht sein Ding durch, das ist ganz normal, da hat jeder seinen eigenen Plan“, sagt Schmidt. Schon deshalb, weil beide eine unterschiedliche Technik haben und Christoph noch enormes Steigerungspotenzial. Schmidt hat aber auch erkannt: „Man kann sich kaum vorstellen, wie weit die beiden von ihrer Persönlichkeitsstruktur auseinander­­liegen.“

Robert ist der Erfolgreiche, Olympiasieger von London, dreimal Welt-, zweimal Europameister. Oft wirkt er wie ein Getriebener. Auch in seinem Studium der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation war er mit einem Gut nie wirklich zufrieden. Der 2,01 Meter große Hüne hält mit seiner Meinung nicht hinterm Berg, ist ein viel gefragter Mann und sehr aktiv in den sozialen Netzwerken. Seine Facebook-Seite gefällt 60.000 Menschen.

Man hat Christoph auch schon mal rauchend gesehen

Bei Christoph sind es 291, er pflegt sie allerdings auch nicht. Er geht, wie das nicht ungewöhnlich ist bei jüngeren Brüdern, bewusst seinen eigenen, anderen Weg. Anfang des Jahres hat er erklärt: „In diesem Jahr gebe ich keine Interviews.“ Sich daran zu halten, fällt ihm nicht schwer, er ist ohnehin lieber schweigsam und entspannt sich beim Angeln.

Der 25-Jährige wirkt andererseits nicht so fokussiert im Wettkampf. Er verbringt gern Stunden vor seiner Playstation, man hat ihn auch schon rauchend gesehen. Er hat sich ein großes Tattoo stechen lassen. Robert Harting gefällt wenig davon, aber er hat inzwischen eingesehen: „Wir sind zwei grundverschiedene Typen. Wir haben eine unterschiedliche Auffassung vom Training und vom Wettkampf und vom Leben.“

Was nicht nur wie ein Vorwurf klingt, sondern in einigen Punkten durchaus so gemeint ist: Christoph vergeude sein Talent. Manchmal, so heißt es, habe Robert Harting bei seiner Kritik nicht den richtigen Ton getroffen und Christoph wie einen kleinen Jungen behandelt. Das führte wenig überraschend nicht unbedingt zur Einsicht, sondern vielmehr zum inneren Rückzug. Mal mehr, mal weniger.

Der Talentiertere lädt nicht mal zu seiner Hochzeit ein

Das Verhältnis war, seitdem der Jüngere seinem Bruder 2007 aus Cottbus nach Berlin folgte, von vielen Aufs und Abs gekennzeichnet. Aktuell scheint gerade eine ausgeprägte Ab-Phase erreicht zu sein. Jedenfalls ist aus dem Traum, das Diskuswerfen gemeinsam so zu rocken wie die Klitschko-Brüder das Boxen bisher nichts geworden.

Manche Vorfälle haben zu diesen Schwankungen beigetragen. So hat Christoph im vergangenen Jahr einen gemeinsamen Termin für das ZDF-„Morgenmagazin“ verschlafen. Robert war wütend. Im November hat er seine Freundin geheiratet – als Robert gerade im Trainingslager in Portugal war.

Hartings Eltern waren ebenfalls nicht informiert; das angespannte Verhältnis ist auch für die Familie belastend. Ein bereits zugesagtes Interview vor den Spielen in Rio über seine Söhne sagte Vater Gerd Harting kurzfristig ab: „Kein Bedarf.“ In Brasilien werden die Eltern ihre beiden Riesen nach Kräften als Zuschauer im Stadion unterstützen, so wie sie es 2012 schon bei Robert getan hatten. Die Reise nach London nicht mit angetreten hatte: Christoph.

Umarmung auf dem Podium?

Obwohl er mit vielem nicht einverstanden ist, was sein Bruder so macht, Robert Hartings Respekt vor dem sportlichen Rivalen Christoph Harting, der ihn noch um sechs Zentimeter überragt, ist enorm. „Physisch“, sagt er, „habe ich gegen ihn keine Chance. Wenn er mal einen Wurf richtig trifft, wird es für alle sehr schwer.“

Mit ihren Weiten dieses Jahres belegen sie in der Weltbestenliste die Ränge zwei und drei hinter Weltmeister Piotr Malachowski aus Polen und haben realistische Medaillenchancen. Beide.

Wie es wohl wäre, in Rio gemeinsam auf dem Podium zu stehen? „Das wäre schon eine krasse Sache“, sagt Robert Harting, „davon habe ich immer geträumt.“ Vielleicht wäre es auch der perfekte Anlass, eine herzliche Umarmung unter Brüdern nachzuholen.