Olympia

„Wir haben ein Monster erschaffen“

Michael Phelps’ Rückkkehr nach schwerer Krise ist die Sportstory des Jahres. Er plant Rekorde für die Ewigkeit – danach die Hochzeit.

Michael Phelps hat sich in der Weltspitze zurückgemeldet. Seine Goldsammlung könnte in Rio noch einmal um bis zu fünf Plaketten anwachsen

Michael Phelps hat sich in der Weltspitze zurückgemeldet. Seine Goldsammlung könnte in Rio noch einmal um bis zu fünf Plaketten anwachsen

Foto: Erich Schlegel / USA Today Sports

Washington.  Vor 16 Jahren stieg ein schlaksiger Teenager auf den Startblock der Schwimm-Arena von Sydney, von dem damals noch niemand ahnte, dass er den Schwimmsport revolutionieren würde. Seither hat Michael Phelps unerreichte 22 olympische Medaillen errungen. 18 davon aus Gold; doppelt so viele wie etwa Branchen-Kollege Mark Spitz.

Nach den Spielen von Athen, Peking, London, nach sportlichem Vorruhestand und existenzieller Krise geht der 31-Jährige aus Baltimore/Maryland in Rio bei seinen fünften Olympischen Spielen auf den Schlussspurt einer beispiellosen Karriere. Morgenpost erzählt, was man über die finale Rekordjagd wissen muss.

Das Programm: Alter und Körper fordern ihren Tribut. Anders als auf seinem Höhepunkt in Peking vor acht Jahren (fünf Einzelstarts) geht Michael Phelps in Brasilien „nur“ drei Mal als Solist ins Wasser: 100 und 200 Meter Schmetterling plus 200 Meter Lagen. Dazu kommt noch eine Staffel, mindestens. Geht es optimal aus, würde Phelps, der in Sydney jüngster männlicher Olympiateilnehmer seit 1932 war, seine goldene Plakettensammlung auf sagenhafte 22 Exemplare erweitern. Im Fall eines Sieges, der auf Wunsch des übertragenden US-Fernsehsenders NBC zu nachtschlafender Zeit stattfände, wäre er der älteste Schwimm-Olympiasieger der Geschichte. Und der bislang einzige, dem zwölf Jahre nach dem ersten Sieg erneut ein Titelgewinn gelang. Zu dessen Chancen hat der frühere Spitzenschwimmer und dreifache Olympiasieger Rowdy Gaines, der heute als TV-Kommentator arbeitet, bereits vor zwei Jahren so ziemlich alles gesagt: „Wenn Roger Federer mit 32 noch Spitzen-Tennis abliefert, wenn Peyton Manning mit 38 noch ins Football-Finale einzieht – warum soll Michael Phelps in Rio nicht seine Kollektion von 22 Olympia-Medaillen um eine oder zwei erweitern können?“.

Der Athlet: Wenn Fans sagen, Michael Phelps bewege sich im Wasser so elegant wie Flipper, dann ist das nicht übertrieben. Arm-Spannweite so breit wie ein Möbelwagen. Schuhgröße 48,5. Körpergröße 1,95 Meter. Gewicht: stabil unter 90 Kilogramm. V-Kreuz bis zur Wespentaille. Phelps’ Idealvoraussetzungen, um das Wasser zu durchpflügen, sind amtlich dokumentiert und zentimetergenau vermessen. Wo andere für eine 50-Meter-Bahn 30 Züge benötigen, schlägt Phelps nach 26 an. Trotz seines recht hohen Alters ist er sehr fit. Sein Körperfettanteil muss sich im einstelligen Bereich bewegen, so drahtig und muskulös zeigten ihn zuletzt Fotografien im Trainingslager in Colorado Springs am Beckenrand.

Seine größte Gabe ist unverändert: Kaum jemand im internationalen Hochleistungssport kann sich unter größtem Druck auf die Minute so präzise konzentrieren.

Die Rekord-Vitrine: Nach seinem fünften Platz über 200 Meter Schmetterling beim Debüt in Australien gab Michael Phelps 2003 bei der WM in Barcelona einen Vorgeschmack auf den Leistungs-Tsunami, der wenig später die Schwimm-Szene fluten sollte. Während eines einzigen Meetings fünf Weltrekorde zu brechen, das war vorher noch niemanden gelungen. Danach ging es nur noch steil bergauf.

Mit 22 Medaillen ist Phelps erfolgreichster Olympia-Sportler aller Zeiten. 18-mal hat er Gold gewonnen, davon elf im Einzel, den Rest in Staffeln. 2004 in Athen legte er den Grundstein: Gold über 100 Meter und 200 Meter Schmetterling, 200 und 400 Meter Lagen, 4 x 200 Meter Freistil, 4 x 100 Meter Lagen. Dazu Bronze über 200 Meter Freistil, 4 x 100 Meter Freistil. 2008 in Peking kamen acht Goldene dazu: 200 Meter Freistil, 100 Meter und 200 Meter Schmetterling, 200 und 400 Meter Lagen, 4 x 100 und 4 x 200 Meter Freistil, 4 x 100 Meter Lagen. 2012 in London reichte es ohne das nötige Trainingspensum noch zu Gold über 4 x 200 Meter Freistil, 200 Meter Lagen, 100 Meter Schmetterling und 4 x 100 Meter Lagen. Silber holte er über 4x 100 Meter Freistil und 200 Meter Schmetterling. Die Bilanz stellt alles in den Schatten. Auch ihn selbst.

Die Probleme: Was fängt jemand mit sich an, der alles erreicht hat und darüber millionenschwer und träge wurde? Michael Phelps fiel nach London, wo er auf seiner Paradestrecke 200 Meter Schmetterling durch eine kleine Nachlässigkeit gegen den Südafrikaner Chad le Clos verlor, in ein tiefes Loch. Depressionen, Langeweile, Orientierungslosigkeit und Selbsthass schaukelten einander auf. Er kannte und konnte nichts anderes als Essen, Schlafen, Schwimmen. Bei Alkohol, Poker, Golf, Pferdewetten und falschen Freunden suchte Phelps Zerstreuung und Ventile für jene Unmengen an Energie, die bis dahin Tag für Tag in akkurate Bahnen gelenkt war. Die Entladung ging nach hinten los.

Die Talsohle: Phelps war 19, als er zum ersten Mal, wie man in Amerika sagt, „under the influence“ am Steuer saß und erwischt wurde. Die Trunkenheitsfahrt ging als Jugendsünde durch. Zehn Jahre später konnte er nicht mehr auf Nachsicht des Richters hoffen. Nach einem Besuch im Horsehoe Casino im Hafen von Baltimore im Herbst 2014 mit Freunden stieg Phelps angeschickert in seinen Range Rover und fuhr nach Hause. Einem kurzen Telefonat mit Freundin Nicole, die zu der Zeit an der Westküste lebte, folgte eine knappe Text-Mitteilung: „Die Polizei ist hinter mir.“ Und wie. Phelps war mit 135 km/h über eine Straße gedonnert, in der man nicht halb so schnell fahren darf. Der Bluttest ergab 1,4 Promille. Maryland versteht schon ab 0,8 keinen Spaß mehr.

Konsequenz: Führerschein weg. Anklage. Alles stand anderntags in der Zeitung. Der US-Schwimmverband sperrte ihn für sechs Monate. Das Gerichtsverfahren endete mit 18 Monaten Haftstrafe auf Bewährung. Andernfalls: Gefängnis. Phelps konnte die Schmach nicht verwinden, bunkerte sich drei Tage zuhause ein. Aus dieser düsteren Zeit stammt der Satz, der Bewunderer noch immer frösteln lässt: „Ich will nicht mehr leben.“ Dann ein Ruck. „Das kann es noch nicht gewesen sein“, sagte der Überschwimmer. Und willigte in eine Therapie ein.

Der Wiederaufstieg: In den „Meadows“, einer Promi-Einrichtung für Gestrauchelte nördlich von Phoenix/Arizona, in der schon Stars wie Robbie Williams, Kate Moss, Whitney Houston und Donatella Versace mit ihren Süchten eincheckten, tauchte Michael Phelps im Herbst 2014 sechs Wochen unter und tief in sich ein. „Ich kannte mich ja gar nicht richtig.“ Gespräche mit anderen Patienten zeigten dem Star, dass Verwundbarsein menschlich ist. Phelps malte, sang, öffnete sich, lernte sich und andere auszuhalten. Vor allem lernte er: Fassade bringt nichts. Der Mensch dahinter kann sich nicht auf Dauer verstecken. Michael Phelps hatte sich im Laufe seiner Karriere in eine Maschine verwandelt, die permanent liefert und funktioniert. In den „Meadows“ unterzog er sich einer Generalinspektion an Körper und Geist. Am Ende waren sogar die Schlangen verschwunden. Albträume, die ihn seit Kindesbeinen plagten.

Die Familie: Überschuss an Nestwärme konnte Phelps, der mit zwei Schwestern aufwuchs, nie beklagen. Mutter Debbie und Vater Fred, ein kantiger Ordnungshüter bei den „State Troopern“ von Maryland, ließen sich scheiden, als er neun war. Wie sehr die starke Hand im Elternhaus fehlte, wie sehr ihn die Abwesenheit des Vaters im Becken zu einem gnadenlosen Wochenpensum von 100 Kilometer anstachelte, wurde Phelps erst in der Therapie klar. „Ich habe dicht gemacht, nichts an mich herangelassen“, sagte er in der großen Lebensbeichte der US-Sportbibel „Sports Illustrated“.

Die Wochen in den „Meadows“ zogen ihm die Ohrstöpsel. Was Phelps danach hörte, machte ihm Mut. Zu einem Wochenende lud er die ganze Familie ein. Seither sind Fred und sein Sohn, die zehn Jahre lang kein Wort miteinander sprachen, ein Herz und eine Seele. „Ich freue mich wie ein kleiner Junge, wenn wir zusammen sind“, sagt Phelps. Der Vater wird in Rio live dabei sein, wenn Michael wohl zum letzten Mal nach einer Medaille greift.

Die mühsame Wiederherstellung des Familienfriedens gab Phelps Vertrauen in seine eigene Lebensplanung. Nicole Johnson, seine langjährige Freundin, wird er nach Rio heiraten. Seit Mai sind die beiden glückliche Eltern. Der kleine Boomer Robert Phelps hat den Hünen völlig neu eingenordet. „Er kann zwar noch nichts verstehen“, sagte Phelps bei den US-internen Ausscheidungswettbewerben für Olympia in Omaha, „aber er soll später einmal stolz auf seinen Vater sein können.“

Der Trainer Bob Bowman war einst Kinder-Psychologe. Als solcher sah er Dinge, die andere nicht sahen. 1996 kam ihm ein zappeliger, hyperaktiver Knabe mit wackeligen Gelenken vor die Augen, der sich schon in so ziemlich jedem Sport versucht hatte. Bowman erkannte im „North Baltimore Aquatic Club“ von Baltimore die physischen Talente des vorpubertären Jünglings. Den Eltern erzählte er, dass ihr Sohn Olympia-Tauglichkeit besitzt. Dafür müsse er aber sieben Tage die Woche trainieren. Vater Fred war dagegen, sah die Jugendzeit seines Kindes im Chlorgeruch von Schwimmhallen untergehen. Michael setzte sich durch. Über die Jahre wurde Bowman Ersatzvater, Freund, Mentor, Psychologe und Dauertrainer. Niemand kennt den Menschen Phelps besser. Bowman war es, der zum Höhepunkt der Krise selbstkritisch feststellte: „Vielleicht hätte er schon nach Peking aufhören sollen. Wir haben ein Monster geschaffen. Und nach Peking war es zu groß, um einfach abzutreten“.

Kein Vergleich zum Hier und Jetzt. Der „Baltimore Sun“ sagte der weißhaarige Coach im Frühsommer, dass sein Schützling „reifer, entspannter, beruhigter und friedvoller“ geworden sei. Vor allem durch die Vaterschaft. Phelps sagt: „Ich bin wieder auf dem Weg dahin, der kleine Junge zu werden, der sich einmal sagte: Du kannst alles schaffen, wenn du nur willst.“ Passenderweise erfüllte er sich in Rio gleich einen Traum: Er machte ein Selfie mit Tennis-Superstar Novak Djokovic. „Früher war ich immer der Typ mit den Kopfhörern auf und wollte mit keinem reden. Heute bin ich offener“, sagt Phelps, dem am Freitag zudem eine große Ehre zuteil wird. Er wird als Fahnenträger das US-Team zur Eröffnungsfeier anführen. Am 8. August schwimmt er im Estádio Aquático Olímpico die 200 Meter Schmetterling. Die größte Sport-Story des Jahres kann beginnen.