#Rio2016

Diese Olympischen Spiele zeigen uns den Verrat der Ideale

Die Rio-Spiele führen zur Frage nach dem Sinn des olympischen Gedankens. Der Sport steht vor seiner letzten Chance, meint Björn Jensen.

Vielleicht ist es ja kein Zufall, dass ausgerechnet bei der Eröffnungsfeier der später von Dopingfällen überschatteten Winterspiele von Sotschi 2014 die Olympischen Ringe als Symbol des olympischen Gedankens nicht komplett aufleuchteten

Vielleicht ist es ja kein Zufall, dass ausgerechnet bei der Eröffnungsfeier der später von Dopingfällen überschatteten Winterspiele von Sotschi 2014 die Olympischen Ringe als Symbol des olympischen Gedankens nicht komplett aufleuchteten

Foto: ATP / picture alliance / ATP

Vorfreude auf die Olympischen Spiele in Rio vermitteln zu wollen, ist ungefähr so, wie einem Eskimo Eiswürfel zu verkaufen. Da sind der strittige Umgang mit dem staatlich gelenkten Dopingbetrug russischer Athleten und das Internationale Olympische Komitee (IOC), dessen mit Russlands Staatschef Wladimir Putin befreundeter Präsident Thomas Bach sich zu einem Komplettausschluss der Russen nicht durchringen konnte. Die IOC-Gegner sehen in dieser Entscheidung den Untergang des Antidopingkampfes heraufdämmern.

Da ist auch die Diskussion um die erschreckenden hygienischen Zustände im Segel- und Ruderrevier, in dem sich mancher Athlet vorkam, als sei er in eine Klärgrube geraten. Es gibt die Debatten um die seuchenähnliche Ausbreitung des für ungeborene Kinder gefährlichen Zika-Virus oder die nicht abreißenden Berichte über bauliche und infrastrukturelle Mängel in der Gastgeberstadt und dem Athletendorf. All das ergab zusammen mit der üblichen Geschäftemacherei ein ungenießbares Gemisch an schlechten Nachrichten, das die Laune verdirbt.

Angesichts der Kosten von knapp elf Milliarden Euro, die der wegen des Ölpreisverfalls in die Pleite gerutschte Bundesstaat Rio nur mit finanzieller Hilfe der Zentralregierung Brasiliens stemmen kann, wirft das die Frage auf: Wer braucht eigentlich noch Olympische Spiele? Dazu noch in einer Stadt, die ihre Polizisten und Krankenhäuser nicht finanzieren kann und die die ausufernde Kriminalität der Drogenbanden nicht einzudämmen vermag.

Richtig ist, die Begleitmusik zu hinterfragen

Die Antwort darauf ist nicht einfach zu finden, da das Ringen um Olympia letztlich eine Glaubensfrage ist, die starke Emotionen berührt. Und genau deshalb braucht es die Idee, die einst hinter Olympischen Spielen als völkerverbindendes Zusammentreffen der Jugend der Welt stand, auch weiterhin.

In einer Zeit, in der unsere Welt in vielen Regionen instabiler wird, sehnen sich Menschen nach Zusammenhalt und Identität, die von nichts anderem in einem solchen Maße erzeugt werden wie vom Gemeinschaftserlebnis eines Sportereignisses. Und wer einmal die Begeisterung gespürt hat, mit der Sportler zum Wettkampf ihres Lebens aufbrechen, für den sie viele Jahre ihrer Jugend geopfert haben, der wird sich kaum trauen zu fragen, wer Olympia noch braucht.

Richtig ist aber zweifellos, die Begleitmusik zu hinterfragen, die zur unerträglichen Kakofonie auswuchs. Natürlich ist der Gigantismus kritisch zu betrachten, dieses „Höher, schneller, teurer“, das aus einem Sportfest ein Milliardengeschäft gemacht hat. Natürlich widert der Dopingbetrug an, zu dem immer mehr Athleten bereit zu sein scheinen, weil sie sich sonst chancenlos wähnen.

Gedanken des Fairplay hochhalten

Dennoch kann, wenn sich das IOC und seine Mitglieder wieder auf den Kern dessen besinnen, was Olympia ausmachen sollte, von Rio auch ein Zeichen ausgehen. Wenn die Spiele friedlich bleiben, die Einwohner Rios doch noch langfristig profitieren können, dann werden die kommenden 16 Tage Signalwirkung haben.

Man sollte den Sport nicht mit politischer Bedeutung überfrachten, ist er doch letztlich ein Spiegelbild der Gesellschaft, in der doch stets im Namen von Geld und Macht betrogen und gelogen wird. Aber gerade weil der Gedanke des Fairplay im Sport immer noch zählt, ist es wichtig, diejenigen zu stärken, die ihn hochhalten.

Behalten die Pessimisten recht, dann werden die Diskussionen über den Sinn Olympias zunehmen und vielleicht den Weg dazu ebnen, sie irgendwann abzuschaffen. Doch verdienen Rio und die olympische Idee eine faire Chance.