#Rio2016

Die Spiele sind für Rio wie eine Fackel im Sturm

Die Olympischen Spiele treffen Brasilien in einer Epoche der Probleme. Die Bevölkerung steht dem Ereignis skeptisch gegenüber. Noch.

Das Olympische Feuer ist in Rio eingetroffen, angeblich soll Pelé heute ihr letzter Träger sei

Das Olympische Feuer ist in Rio eingetroffen, angeblich soll Pelé heute ihr letzter Träger sei

Foto: imago sportfotodienst / imago/Kyodo News

Rio de Janeiro.  Der Sturm, den das Tiefdruckgebiet von den Falklandinseln über den Strand von Ipanema pfeifen lässt, wühlt den Atlantik auf. Meterhoch brechen sich die Wellen am Arpoador, einem Aussichtsfelsen, der die Strände von Ipanema und Copacabana trennt und seinen Namen bekam, weil von ihm aus im 19. Jahrhundert die Harpuniere nach Walen Ausschau hielten.

Wer dort sitzt und den Blick über Rio de Janeiro schweifen lässt, der kann verstehen, warum die Stadt, in der am Freitagabend die Olympischen Spiele eröffnet werden (1 Uhr MESZ, ARD), zum Sehnsuchtsort für Millionen Menschen geworden ist.

Aber auch hier, an einem der schönsten Aussichtspunkte der 6,4-Millionen-Einwohner-Metropole Brasiliens, von dem aus die weltberühmten Hügel des Corcovado mit der Statue Christi des Erlösers und des Zuckerhuts zu bestaunen sind, wird deutlich, dass Rio eine Stadt der Gegensätze ist, wie sie krasser kaum sein könnten.

In einer windgeschützten Nische sitzt ein in Lumpen gehüllter Mann, der geklaute Elektrokabel verbrennt, um an das Kupfer zu gelangen, das er für ein paar Reais (ein Euro sind 3,50 Reais) beim Schrotthändler loswerden kann. Ein Bild, wie man es selbst im feinen Rio an jeder Ecke beobachten kann, weil bittere Armut und glitzernder Reichtum sich ohne Berührungsängste zu vermischen scheinen.

Nur die Kriminalität ist ein Problem

Über die Probleme, mit denen Rio zu kämpfen hat, wurde viel berichtet. Manches, wie das Zika-Virus, das bei Schwangeren zu Missbildungen der ungeborenen Kinder führen kann, ist aufgebauscht worden; die das Virus übertragenden Mücken sind im Winter, der in Rio verhältnismäßig trocken und kalt ist – nachts bis 15, tagsüber bis 30 Grad – kaum aktiv. Auch die Wasserqualität, viele Wochen lang Ausgangspunkt hitziger Diskussionen, hat sich verbessert. Einzig die Bucht von Guanabara, in der die Segler um Medaillen kämpfen, stellt mit ihrer von Abwässern durchzogenen Brühe eine ernsthafte Gefahr für die Gesundheit dar.

Anderes, wie die grassierende Kriminalität, ist offensichtlich. 59 erschossene Polizisten in den ersten sechs Monaten des Jahres sind ein trauriger Höchstwert, auch wenn die Mordrate mit 1202 Gesamtfällen in 2015 einen historischen Tiefstand in 25 Jahren ihrer Erfassung erreicht hatte. Raubüberfälle, bei denen Messer und Schusswaffen aus nichtigem Anlass eingesetzt werden, sind Normalität.

An Statuen fehlen die Messingschilder, und selbst Videokameras, mit denen Wohnhäuser oder öffentliche Einrichtungen überwacht werden, müssen gesichert werden, weil es für sie einen Zweitmarkt gibt. 47.000 Polizisten und 38.000 Soldaten sollen die ersten Sommerspiele in Südamerika vor Terrorattacken und Gewalttaten bewahren.

Das Brasilien der Olympia-Bewerbung war ein anderes

Wie eine solche Stadt das weltgrößte Sportereignis ausrichten soll, ohne neue Konflikte zu schüren, darüber wurde gerätselt, seit vor sieben Jahren das Internationale Olympische Komitee (IOC) entschied, die Spiele 2016 nach Rio zu vergeben. Damals allerdings war Brasilien ein völlig anderes Land.

Präsident Luiz Ignacio Lula da Silva, den alle nur Lula nannten, hatte den mit 8,5 Millionen Quadratkilometern und 200 Millionen Einwohnern flächen- und bevölkerungsmäßig fünftgrößten Staat der Welt vom Schwellen- zu einem Wirtschaftswunderland gemacht, das an die Spitze strebte. Die Ausrichtung der Fußballweltmeisterschaft 2014 und der Olympischen Spiele zwei Jahre später sollten wie eine doppelte Krönungsmesse wirken.

Geblieben von diesem Traum, der für Brasilien 24 Medaillen bringen soll (in London 2012 waren es 17), ist ein Trümmerhaufen. Lula, im Volk extrem beliebt, durfte 2010 verfassungsgemäß nicht für eine dritte Amtszeit kandidieren. Seine Nachfolgerin Dilma Rousseff verhedderte sich im Netz der Korruption, das Brasilien schon immer überspannte. Sie ist wegen eines Amtsenthebungsverfahrens für sechs Monate suspendiert, ihr kommissarischer Nachfolger Michel Temer wird am Freitag im Maracana-Stadion die traditionellen Eröffnungsworte des Gastgebers sprechen. Viele erwarten, dass ihn ein Pfeifkonzert begleitet.

„Ich glaube, dass Rio von den Spielen profitieren wird“

Wer verstehen will, woher die Wut kommt, mit der die eigentlich genügsamen und lebensbejahenden Cariocas, wie die Einwohner Rios genannt werden, auf ihre politische Führung reagieren, muss mit Walter Volkmann durch die Stadt spazieren.

Der 76-Jährige kam durch seinen Beruf als Kaffeekaufmann 1982 in die Stadt – und ist nie wieder von ihr losgekommen. Seit 16 Jahren arbeitet der gebürtige Wilhelmshavener als freiberuflicher Reiseleiter in Südamerika. „Ich glaube, dass Rio von den Spielen profitieren wird“, sagt er, „denn die Infrastruktur wird verbessert mit Mitteln, die ohne Olympia nicht zur Verfügung gestanden hätten.“

Der Bundesstaat Rio de Janeiro, mit 44.000 Quadratkilometern zwar ein Zwergstaat in Brasilien, aber immerhin größer als Baden-Württemberg, ist pleite und musste zur Finanzierung der elf Milliarden Euro teuren Spiele die Bundesregierung in Brasilia, das Rio 1960 als Hauptstadt ablöste, um fast eine Milliarde Euro Hilfen bitten. Dass ein solches Geschäftsgebaren die Menschen misstrauisch macht, versteht Volkmann. Er lebt in Leblon, wo Apartments in Strandlage so teuer sind wie in den besten Wohngegenden in London oder Paris.

Von Olympia profitiert nur die Mittelschicht

Leblon zählt zur reichen Südzone der Stadt – und damit zu den zehn Prozent von Rio, die von den Spielen profitieren werden, weil dorthin das Geld fließt, um die Infrastruktur zu modernisieren. Der Norden jedoch, wo sich die als Favelas weltbekannt gewordenen Elendsviertel aneinanderreihen, von denen es knapp 1000 in Rio gibt, ist abgeschnitten vom Segen Olympias.

Das ist es, was die Bürger stört. Padre Marcelo, Priester in der Kirche Santa Rita in Rios Altstadt, ist einer von ihnen. „Die Effekte, die Olympia bringt, wirken sich nur auf die Mittelschicht aus“, sagt er, „die große Unterschicht hat nichts davon. Rio hat so viele Probleme. Krankenhäuser funktionieren nicht, Lehrer und Polizisten bekommen kein Gehalt. Es ist eine Epoche der Probleme, in die so ein Projekt wie die Spiele nicht hineinpasst.“

Auch Waldeci, der auf einem Markt in einer Seitenstraße der 16-spurigen Verkehrsader Avenida Vargas Brillen verkauft, ist von dem Großereignis nicht überzeugt. „Ich glaube nicht, dass es der Stadt hilft. Rio ist finanziell kaputt, das Geld hätte man besser anlegen müssen“, sagt der Mann.

Schulferien wurden auf August verlegt

Den Brasilianern sagt man nach, schlecht im Organisieren, aber umso besser im Improvisieren zu sein. Mit dem Bau der U-Bahn-Linie 4, die von den Nobelvierteln der Südzone zum Olympiapark von Barra da Tijuca führen sollte, wurde erst 2012 begonnen. In der vergangenen Woche wurden fünf neue Stationen eingeweiht, allerdings reicht die Strecke nicht bis zum Olympiapark.

Und benutzen dürfen die neue Linie nur die für die Spiele akkreditieren Personen. Die Einwohner Rios können erst nach den Paralympischen Spielen im September einsteigen. Das gefällt vielen ebenso wenig wie das Beachten der olympischen Fahrspuren, auf der nur offizielle Busse und Taxen unterwegs sein dürfen.

Ähnlich verhielt es sich mit dem Athletendorf, das beim Einzug der ersten Delegationen noch eine Baustelle war, auf der die Klos nicht funktionierten. Dem Verkehrsinfarkt rückt man beispielsweise mit der spontanen Einführung von Feiertagen zu Leibe, um die arbeitende Bevölkerung aus der Innenstadt herauszuhalten. Die Schulferien wurden zudem von Juli auf August verlegt. „Die Leute hier sagen: Gott ist Brasilianer“, sagt Walter Volkmann, „wir werden es schaffen.“ Was wirklich bleibt von den Spielen, wird man erst sehen, wenn der Sturm sich gelegt hat.