#Rio2016

Warum Usain Bolt Olympias größter Entertainer ist

Der Auftritt des jamaikanischen Star-Sprinters soll wie früher alle Negativ-Schlagzeilen übertünchen. Doch es gibt Fragezeichen.

Der Harry Houdini des Sports: Usain Bolt weiß sich wie kein anderer olympischer Sportler perfekt zu vermarkten. So wie in dieser Werbung für seinen Ausrüster

Der Harry Houdini des Sports: Usain Bolt weiß sich wie kein anderer olympischer Sportler perfekt zu vermarkten. So wie in dieser Werbung für seinen Ausrüster

Foto: Puma

Rio de Janeiro.  Rund 10.500 Athleten nehmen alle vier Jahre an Olympischen Sommerspielen teil, doch nur an wenige von ihnen erinnert sich die Welt kurz darauf noch, geschweige denn über längere Zeit. Um zu begreifen, welche besondere Rolle Usain Bolt in diesem Spiel um Aufmerksamkeit hat, muss man sich bloß eine gar nicht so kühne Korrelation vor Augen halten: Olympia hat den jamaikanischen Wundersprinter groß gemacht – und Bolt macht Olympia groß. Seit acht Jahren mittlerweile schon.

Weltrekorde? Toll, aber die können geknackt werden. WM-Titel? Schön, aber ohne große Bedeutung über die Welt der Leichtathleten hinaus. Über Olympia jedoch, schwärmt der sechsmalige Gold-Gewinner Bolt, „wissen die Leute alles. Es ist das größte Spektakel der Erde. Wenn der 100-Meter-Lauf beginnt, sagen alle: ‚Bolt rennt, lass uns umschalten und zusehen!“

Falsche Bescheidenheit ist noch nie ein Manko des 29-Jährigen gewesen. Mangelndes Selbstbewusstsein ebenso wenig. Gut zwei Wochen vor seinem ersten Start im olympischen 100-Meter-Vorlauf (Sonnabend, 13. August) und gut eine Woche vor der Eröffnungsfeier im Maracanã-Stadion ist Usain Bolt Donnerstag vor einer Wcoche wohlbehalten und guter Dinge in Brasilien gelandet.

Comeback über 200 Meter mit starken 19,89 Sekunden

So banal es klingt, ist das auch für die Herren der Ringe doch eine erleichternde Nachricht. Denn dass der größte Star der vergangenen beiden Spiele in Peking und London in Brasilien würde fit sein und formstark teilnehmen können, schien Anfang Juli noch zweifelhaft. Da zog Bolt sich kurzfristig wegen einer Oberschenkelverletzung von den jamaikanischen Ausscheidungsrennen (Trials) zurück.

Olympia 2016 ohne seinen größten Entertainer? Undenkbar! Und so vernahmen es alle mit Erleichterung, als der Weltrekordler, sechsmalige Olympiasieger und elfmalige Sprint-Weltmeister dieser Tage bei einem Meeting in London zum Comeback die 200 Meter in starken 19,89 Sekunden gewann und Entwarnung gab.

Er sei „bereit Geschichte zu schreiben“, versicherte Bolt. „Ich weiß: Der Sport braucht meine Siege und dass ich an der Spitze lande.“ Zum dritten Mal in Folge will er drei Goldmedaillen (100, 200, 4x100 Meter) gewinnen. Das sogenannte „triple triple“ ist noch keinem Athleten in der olympischen Geschichte gelungen.

Als Mensch normal geblieben

Es wird hart genug werden in diesem Jahr. Mit 9,88 Sekunden, erzielt am 11. Juni in Kingston, liegt er auf Rang vier der Weltjahresbestenliste über die 100 Meter. Hier führt der mehrfach des Dopings überführte Olympiasieger von Athen, der US-Amerikaner Justin Gatlin mit 9,80 Sekunden die Jahresliste an.

Über die 200 Meter langt es mit 19,89 Sekunden nur zu Platz fünf im Ranking. Hier liegt mit dem US-Amerikaner La­Shawn Merritt, der dieses Jahr bereits 19,74 Sekunden lief, ebenfalls ein ehemaliger Dopingsünder vorn. Doch mit hohen, wenn nicht überzogenen Erwartungen kennt sich Usain Bolt aus. Diese Last trägt der fünfmalige Welt-Leichtathlet des Jahres seit jeher gelassen auf seinen breiten Schultern.

So außergewöhnlich das Leben des schlaksigen Burschen aus der jamaikanischen Provinz verlaufen ist seit seinen ersten Weltrekordläufen bei den Spielen 2008, so normal ist er als Mensch geblieben. Wer einmal das Glück hatte, sich länger mit ihm zu unterhalten über den Sport und das Leben, der lernte einen freundlichen, aufmerksamen, aufgeschlossenen jungen Mann kennen, der unaufgeregt und mit eher leiser Stimme spricht.

Selbst Sebastian Coe ist ein Fan

Obwohl auch Bolt Wert auf Äußeres legt, ist er im Grunde uneitel. Zum Lautsprecher wird er nur dann, wenn er den Eindruck hat, dass es von ihm erwartet wird. Da ist er dann ganz Vermarktungsprofi seiner wie geschmiert laufenden Ich-AG. Doch unterscheidet ihn eines angenehm von hochtalentierten Großmäulern, wie Muhammad Ali alias Cassius Clay († 74) eines war: Bolt ist kein Trashtalker. Er würdigt seine Gegner nicht herab, er schätzt sie. Lieber spricht er von sich selbst, seinen Fähigkeiten, seinen riesigen Ambitionen. Das genügt.

Der amtierende Präsident des Leichtathletik-Weltverbands IAAF, Sebastian Coe (59), hat am Rande der WM in Peking voriges Jahr einmal über Bolt gesagt: „In meinem ganzen Leben habe ich seit Muhammad Ali nie jemanden gesehen, der als Sportler die öffentliche Aufmerksamkeit so auf sich zieht wie er. Es gibt keinen in keiner Sportart, der einen so tiefgreifenden Einfluss auf junge Menschen hat wie Usain Bolt.“

Was wie bloße Schwärmerei klingt, ist in Wahrheit eine tief sitzende Faszination. Coe ist als Mittelstreckenläufer selbst Olympiasieger geworden und Anfang der 80er-Jahre Weltrekorde gelaufen. Wenn er über den prominentesten Leichtathleten dieser Dekade spricht, klingt der Lord wie ein Fan, der es immer noch nicht glauben kann, dass da einer trotz herausragender Leistungen so bodenständig geblieben ist. Bolt sei ein Genie, ein Superstar, „aber dabei immer viel, viel nahbarer als zum Beispiel die Fußballstars Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo“.

Seine Berliner Rekorde sind seit sieben Jahren unerreicht

Der Aufstieg des Usain St. Leo Bolt aus Sherwood Content ist eng mit Berlin verbunden. Die Weltmeisterschaften 2009 und seine märchenhaften, noch heute gültigen Weltrekorde lief er vor sieben Jahren im Olympiastadion. 9,58 Sekunden über 100 Meter und 19,19 Sekunden über 200 Meter erzielte anschließend keiner mehr. Auch Bolt nicht. Was damals noch nicht abzusehen war, ist heute klar: In jenem August in der Hauptstadt war der Jamaikaner auf dem Zenit seines Schaffens.

Zu den Ungerechtigkeiten in der Karriere eines Ausnahmeathleten gehört, dass von ihm stets wieder und wieder und wieder das Außergewöhnliche erwartet wird. Waren es auch keine neuerlichen Rekordzeiten, so lieferte Bolt in den Jahren nach der Berliner Weltmeisterschaft dennoch beständig großen Sport. Jedenfalls, wenn es darauf ankam. Also bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen.

Wann immer er bei Großereignissen plötzlich angreifbar schien – Rücken und Oberschenkelmuskulatur des 1,95 Meter großen Mannes erweisen sich längst als Dauerbaustellen –, schlug er umso beeindruckender zurück. Usain Bolt, der Harry Houdini des Sprints. Zuletzt rang er bei der WM 2015 in Peking den hyperselbstbewussten Amerikaner Gatlin (34) in denkwürdigen Duellen nieder. Dass sein Sprinten diesmal nach Arbeit aussah, möge Bolt verziehen sein.

Die Legende von Chicken Wings als Abendmahl

Berlin 2009 markierte noch aus anderem Grund eine enorm wichtige Wegmarke in seiner Karriere: Mit der Bestätigung, dass seine scheinbaren Wunderläufe bei den Sommerspielen im Jahr zuvor kein Zufall gewesen waren, aber mehr noch mit seinem Flirt mit dem deutschen Publikum, seinen Faxen mit Maskottchen Berlino und seiner unerschütterlichen Entspanntheit noch kurz vorm Niederknien im Startblock eroberte er die Herzen die Menschen. „Dieser Bolt…“, staunten da unisono auf der Tribüne, versonnen den Kopf schüttelnd, die Rentnerin aus Köpenick genau wie der Grundschüler aus Spandau und der Uni-Professor aus Dahlem.

Gestik (der „Bolt-Blitz“!), Mimik, Schläue, Humor, dazu die auf Nachfrage (im Wortsinne) immer wiedergekaute Legende von Chicken Wings als Abendmahl vorm Rennen oder der treuherzig vorgetragene Wunsch, eines Tages als Profifußballer bei seinem Lieblingsklub Manchester United spielen zu dürfen – Usain Bolt hatte von Anfang an alles, um über seinen Sport hinaus ein Superstar zu werden. Ein Celebrity, wie es international auf Englisch dann immer heißt.

Bereits als Teenager wurde das Jahrhunderttalent von Ricky Simms gemanagt. Der clevere Brite verschaffte Bolt früh lukrative Sponsorenverträge. Derzeit hat Jamaikas laufender Exportschlager sieben regionale und zehn globale Partner an seiner Seite. Den Großteil seiner geschätzten Jahreseinkünfte von 29,3 Millionen Euro steuert mit kolportierten zehn Millionen Euro der treueste Partner Puma bei.

Warum die Welt gerade jetzt Usain Bolt braucht

„Der jamaikanische Sprinter ist eine Klasse für sich, was sein Marketingkönnen angeht“, lobt das Magazin „Forbes“: „Bolts Konkurrenten sind keine anderen Leichtathletik-Stars, sondern globale Ikonen wie Messi, LeBron James und Ronaldo. Ein olympisches Jahr macht aus ihm eine nur noch heißere Ware.“

In diesen Tagen – bei den Spielen in Rio de Janeiro und darüber hinaus – braucht die Welt-Leichtathletik Usain Bolt mehr denn je. Sie steckt in einer tiefen Krise, seitdem eine Untersuchungskommission der Welt-Antidoping-Agentur (Wada) Russland systematisches Doping nachgewiesen hat und seitdem der frühere IAAF-Präsident Lamine Diack (83) und seine Clique als korrupte Vertuscher und Erpresser überführt worden sind.

Hinzu kommt der – zum Teil sehr gut belegte – Verdacht, in Läuferwunderländern wie zum Beispiel Kenia und Äthiopien gehe es nicht mit rechten Dingen zu. Dilettantische, bestenfalls halbherzige Antidoping-Strukturen vor Ort nähren ihn.

Nie positiv getestet worden

Auch die Glaubwürdigkeit und die Unabhängigkeit der Antidoping-Bemühungen auf Jamaika ist stets zu hinterfragen. Fachleute bemängeln, dass Spitzenathleten auf der Insel unangekündigte Kontrollen viel zu selten zu befürchten haben. Doch nur solche Kontrollen, während Trainingsphasen gezielt eingesetzt, sind wirklich effektiv.

Erst vor drei Jahren gerieten die Jamaikaner in Erklärungsnot, als binnen kurzer Zeit gleich sechs ihrer Spitzen-Leichtathleten positiv getestet worden waren. Der erfahrenste Dopingfahnder des Landes, Paul Wright, unkte bei der BBC über die „Spitze eines Eisbergs“. Und was sagte Usain Bolt zur Affäre? „Das kostet mich Sponsoren-Gelder.“

Nie ist er selbst positiv getestet worden. Nie hat es bislang einen konkreten Verdacht, geschweige denn irgendwie belastbare Indizien gegen den schnellsten Mann der Welt gegeben. Dass einer, der 100 Meter in 9,58 Sekunden zu laufen in der Lage ist, Skepsis hervorruft, weiß Usain Bolt inzwischen routiniert zu parieren. Mit Hinweis auf Aberhunderte unbeanstandete Dopingtests seit seinem Durchbruch 2008 zum Beispiel.

Am Tag der Schlussfeier wird der Sprintstar 30 Jahre alt

Zu seinem Pech fallen ihm aktuell die Vergangenheit und die Dummheit eines Teamkollegen nachträglich auf die Füße. Nachtests der Olympischen Spiele von Peking 2008 überführten den Sprinter Nesta Carter (30) kürzlich als gedopt. Jamaikas siegreiche 4x100-Meter-Staffel, zu der auch Bolt gehörte, könnte ihre Goldmedaille demnächst zurückgeben müssen. Er habe damit kein Problem, behauptet der Superstar.

In Brasilien schließt sich nun ein Kreis. Auch wenn sein Trainer Glen Mills ihm sagt: „Usain, du kannst immer noch bis zu den Spielen 2020 weitermachen – wenn du es willst“, werden Rio 2016 aller Wahrscheinlichkeit nach Usain Bolts letzte Olympische Spiele sein. Am 21. August, dem Tag der Schlussfeier, wird er 30 Jahre alt. Wann er seine bahnbrechende Karriere beenden wird, weiß nur er allein. Die WM nächstes Jahr in London scheint zumindest noch fest eingeplant.

„Ich will eine Legende werden“, lautet Bolts Mantra seit den Spielen von Peking 2008. Dieses Ziel hat er bereits jetzt erreicht. Und daran wird sich auch nichts ändern – so lange auch nachträgliche Dopingtests weiterhin stets unauffällig bleiben.