Eiskunstlaufen

Zwei Berliner, die ohne Liebe ihr Glück bei Olympia suchen

Sie hatten sich nach kurzer Zusammenarbeit schon wieder getrennt. Doch dann raufte sich das Eistanzpaar Tanja Kolbe/Stefano Caruso zusammen. Und nun starten die beiden Berliner in Sotschi.

Foto: imago sportfotodienst

Wenn man ihnen beim Training zuschaut, ist auf den ersten Blick klar: Diese beiden müssen ein Liebespaar sein, nicht nur ein Eistanzpaar. So, wie Tanja Kolbe ihn anstrahlt, sich von ihm mal packen, mal sanft berühren lässt. So, wie Stefano Caruso sie anschmachtet, sie führt, sie selig an sich presst. Und das ist nur Training. Doch Eiskunstlauf ist viel Illusion. Die gefühlvolle Musik, die schönen Kostüme, all die verliebten Blicke – Schauspiel auf dem Eis. Caruso ist privat mit einer Zahnärztin in Mailand liiert, Kolbe mit einem Artisten in Berlin. „Wenn Leute gute Schauspieler sind“, sagt Caruso, „sieht man keinen Unterschied.“

Sie müssen wohl gute Schauspieler sein. Die 23-jährige Berlinerin und der drei Jahre ältere gebürtige Römer haben sich für Sotschi qualifiziert. An diesem Sonntag starten sie in ihren Wettkampf. Vom Gewinn einer Medaille träumen sie nicht. „Es sind ja unsere ersten Olympischen Spiele“, sagt Tanja Kolbe, „da geht es noch nicht so sehr um die Platzierung, sondern um die Erfahrung.“ Sie sind außerdem noch gar nicht so lange als Paar auf dem Eis unterwegs, erst seit 2010, und hatten sich sogar 2012 noch einmal für fünf Monate getrennt. Ein Drama war das, diesmal ein echtes. Die schwierige finanzielle Situation und Unstimmigkeiten über den richtigen Trainingsort, sagen sie, waren die Gründe.

Ein Mediator musste helfen

Sie haben sich zusammengesetzt, mit Hilfe eines Mediators wieder eine gemeinsame Spur gefunden. Jetzt trainieren sie mal in Berlin, mal in Mailand, mal in Oberstdorf. Und glauben mehr denn je, dass sie eine gemeinsame Zukunft auf dem Eis haben. Diese Meinung teilen sie übrigens mit vielen Experten. Ihr großes Ziel sind die Olympischen Spiele 2018 in Pyeongchang/Südkorea.

So weit denken sie also voraus. Das ist erstaunlich, denn Caruso hatte seine Karriere 2009 schon beenden wollen. Seit seinem fünften Lebensjahr stand er auf Kufen, seine erste Partnerin war die Italienerin Isabella Pajardi. Diese Beiden waren am Ende wirklich ein Liebespaar. Als die Gefühle verschwanden und das Duo sich quasi in jeder Beziehung getrennt hatte, glaubte Caruso nicht, dass es Sinn machen würde weiterzulaufen. Das ist die Krux einer solchen intimen Beziehung auf dem Eis: Geht die Liebe in die Brüche, lässt sich eine professionelle Zusammenarbeit kaum fortsetzen.

Internetbörse brachte das Paar zusammen

Seine Mutter schlug vor, über die Internetbörse icepartnersearch.com eine Partnerin zu finden. Das ist nicht ungewöhnlich in einer Szene, in der es an Männern mangelt. Proben mit einer Kanadierin und einer US-Amerikanerin erwiesen sich aber als Fehlschläge. Caruso hatte eigentlich keine Lust mehr, wollte schon ein Engagement als Co-Kommentator für Eiskunstlauf beim italienischen Sender Rai annehmen.

Auch Tanja Kolbe war zu der Zeit auf der Suche. Ihr Tanzpartner Sascha Rabe hatte seine Karriere beendet. Der Versuch mit einem Läufer aus Litauen funktionierte nicht. Also schickte sie eine E-Mail an die Carusos. Die Mutter urteilte: „Sie ist gut, und sie sieht auch gut aus!“ Okay, dachte sich ihr Sohn: „Nach Berlin wollte ich immer schon – mache ich da mal fünf Tage Urlaub mit Schlittschuhen.“ Falsch gedacht, das wurde ihm nach dem ersten gemeinsamen Training klar: „Das Gefühl auf dem Eis war gleich da.“ So wie das Gefühl, dass sie eine sportliche Perspektive haben.

Der Erfolg stellte sich schnell ein. Bei ihrer ersten gemeinsamen Europameisterschaft 2012 in Sheffield wurden sie Zwölfte, ein Jahr darauf in Zagreb trotz der vorübergehenden Trennung gar Achte, in diesem Winter in Budapest Elfte. Sie sind deutsche Vizemeister hinter dem etwas älteren Paar Nelli Zhiganshina und Alexander Gazsi. Kolbe/Caruso haben mit Sotschi ihr erstes großes Ziel erreicht. „Das hatten wir zwar vor“, sagt Caruso, „aber es war ja eigentlich utopisch. Wir mussten 2010 bei Null anfangen.“

Erst im September bekam Caruso seinen deutschen Pass

Es galt noch ein anderes Problem zu lösen. Bei einer EM können Paare gemeinsam antreten, auch wenn nicht beide einen Pass des Landes haben, für das sie starten. Bei Olympischen Spielen geht das nicht. Deshalb waren sie froh, dass Caruso Anfang September 2013 die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt. „Ab heute“, scherzte er spontan auf Facebook, „heiße ich Stephan.“ Kuriosität am Rande: Die Amerikanerin Isabella Tobias und der Litauer Deividas Stagniunas, mit denen Caruso und Kolbe vergeblich geprobt hatten, treffen sie in Sotschi wieder. Bei ihnen passte es, sie starten dort gemeinsam für Litauen.

Inzwischen hat sich auch beim Berliner Paar manches zum Positiven entwickelt. Seit Jahresbeginn hat Caruso eine Stelle bei der Sportfördergruppe der Bundeswehr, wo auch Tanja Kolbe angestellt ist. Davon wird niemand reich, aber es gibt ein wenig finanzielle Sicherheit, die Karriere fortzuführen. Es entlastet die Eltern, die jahrelang die Hauptsponsoren ihrer Kinder waren. In welchem Umfang? Der 26-Jährige sagt lachend: „Meine Eltern könnten sich ein Riesenhaus in Hawaii kaufen, wenn sie mich nicht so stark unterstützt hätten.“

Sotschi soll noch nicht der Höhepunkt sein

„Es war schon ein schwerer Weg“, sagt auch Tanja Kolbe, und dazu kamen immer wieder Zweifel auf: „Ist es das alles wert?“ Beide studieren, er Sprache und Kommunikation in Bergamo, sie Wirtschaftskommunikation in Berlin. Doch es sind nicht allein diese Belastungen. Das Training ist hart. Fortschritte auf dem Eis brauchen Zeit, Geduld. Harmonie ist im Eistanz alles, aber wenn etwas nicht klappt, kann es zwischen den beiden schon mal gehörig krachen. Soll es ja geben, sogar bei Liebespaaren. Aber sie haben sich einmal zusammengerauft, sie werden es wieder schaffen. Denn, verspricht Caruso: „Dass wir in Sotschi dabei sind, ist ein großer Erfolg. Aber es ist noch nicht der Höhepunkt.“

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