Gewichtheber

Matthias Steiners Schutzengel fängt 196 Kilogramm ab

Entwarnung nach dem Horrorunfall: Matthias Steiner wird keine bleibenden Schäden davontragen. Sein „Stiernacken” hat ihn davor bewahrt.

Am Morgen danach fuhr bereits ein roter Bagger durch die Gewichtheberhalle. Die silbernen Stahlrohrtribünen wurden abgebaut, die Fahnen der teilnehmenden Nationen abgehangen, die Anzeigentafeln abmontiert. Nur die Scheiben lagen noch auf der Bühne. Diese verdammten Scheiben. Diese monströsen Gewichte.

Matthias Steiner hatte sich an ihnen im wahrsten Sinne des Wortes verhoben. Mit 196 Kilogramm ließ er zu seinem zweiten Versuch im Reißen die Stange beladen. Er hievte sie nach oben, machte einen Fehler, wollte sie trotzdem halten. Sie krachte ihm in den Nacken. Er stürzte, er musste ausscheiden. Das jüngste Drama einer dramatischen Karriere.

Richtige Entscheidung

„Es hat richtig wehgetan“, beschrieb er gestern Nachmittag die Momente nach dem Crash. „Meine Wirbelsäule hat sich angefühlt wie ein nasser Waschlappen, den man mit den Händen auswringt. Ich war froh, als ich merkte, dass ich die Beine bewegen und aufstehen kann.“ Noch auf der Matte hob Steiner die Faust zur Entwarnung, eine erste Diagnose in der Kabine bestätigte das Gefühl, er wurde dennoch vorsichtshalber ins Krankenhaus gebracht. Als in der Nacht in seinem Bett im olympischen Dorf das Wettkampfadrenalin aus dem Körper strömte, wurden die Beschwerden schlimmer, er musste Schmerzmittel nehmen. Weitere Medizinchecks gestern ergaben eine Bandverletzung an der Halswirbelsäule, eine Prellung des Brustbeins und eine Muskelzerrung im Bereich der Brustwirbelsäule. Aber keine bleibenden Schäden. „Es war auf jeden Fall richtig, den Wettkampf abzubrechen“, sagte Steiner.

Unmittelbar nach Bekanntgabe des Rückzugs hatte es über die Gefahren der Situation noch unterschiedliche Auffassungen gegeben. Als er ursprünglich weitermachen wollte, hätten die medizinischen Betreuer nicht interveniert, hieß es. „Er musste der Vernunft gehorchen“, so Michael Vesper, Deutschlands Chef de Mission. „Im Gewichtheben passiert so was schon einmal“, ergänzte Almir Velagic, der Achter wurde und berichtete, Steiner habe ihm nach seinem Malheur noch alles Gute gewünscht.

Gerade noch davon gekommen

Die Mauer der Beschwichtigung, welche die harten Burschen nach dem Unfall errichteten, durchbrach denn auch erst eine Frau. Inge Steiner, die Gattin, die sich inzwischen auch ein bisschen mit Gewichtheben auskennt, durchlitt schlimme Ängste, als Helfer direkt nach dem Sturz eilig eine blaue Olympiaplane vor den Tatort zogen. „Für Außenstehende ist das vielleicht so nicht erkennbar, aber es war ganz eng“, erklärte sie. „Das hätte auch anders ausgehen können. Wenn 196 Kilo in den Nacken gehen, hätte das ein normaler Mensch nicht überlebt.“

Am Mittwoch ließen dann auch die Betreuer erkennen, dass Steiner gerade noch einmal davon gekommen war. „In den ersten Schrecksekunden mussten wir mit allem rechnen“, sagte Frank Mantek, der Bundestrainer. „Wir sind haarscharf an einer schlimmeren Geschichte vorbei geschrammt.“ Wie schlimm, erklärte Andree Ellermann, Cheforthopäde der Arens-Sportklinik in Pforzheim. „Jeder andere hätte sich wohl einen Halswirbel gebrochen“, sagte der mit Steiner bekannte Arzt der Morgenpost. Nur Steiners „Stiernacken“ habe ihn davor bewahrt. Ein Normalsterblicher hätte sich eine Halswirbelsäulenfraktur zugezogen, mit allen Konsequenzen, „im schlimmsten Fall dem Tod. Das Rückenmark kann so stark geschädigt werden, dass die Atmung aussetzt. Der zweitschlimmste Fall ist eine Lähmung von der Halswirbelsäule abwärts“. Wie bei „Wetten, dass“-Kandidat Samuel Koch.