London 2012

Berliner Harting will sich zum „kompletten Athleten“ krönen

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Foto: REUTERS / REUTERS/X00446

Der Diskuswerfer tritt als großer Favorit zu seinen zweiten Olympischen Spielen an. Das nagelneue Trikot soll kein langes Leben haben.

Zumindest auf den Jubel nach dem Triumph scheint Robert Harting vorbereitet zu sein. Als er jüngst nach seinem EM-Sieg in Helsinki für die Fotografen sein Trikot genauso zerreißen sollte wie nach den WM-Titeln 2009 und 2011, winkte der Diskus-Recke ab. „Ich muss mir doch noch Reserven für London lassen.“ Im Olympiastadion will sich der Berliner mit dem dritten großen Titel innerhalb eines Jahres zum „kompletten Athleten“ krönen.

„Ein kompletter Athlet bist du erst mit Olympia-Gold um den Hals“, sagte Harting, der diesem großen Ziel in den vergangenen Monaten alles untergeordnet hat. Keine Wettkämpfe mehr nach dem EM-Sieg Ende Juni, Ausblenden der Schmerzen im lädierten linken Knie, extrem späte Anreise in der Olympiastadt zwei Tage vor der Qualifikation am heutigen Montag. „Ich brauche Training, Training, Training“, sagte er im Einklang mit seinem langjährigen Trainer Werner Goldmann.

„Alles läuft gut, ich habe noch eine Woche Zeit, um von 95 Prozent auf 100 zu kommen“, vermeldete der 2,01 Meter große Modellathlet zuletzt via Twitter. Und in seiner gewohnt kauzigen Art fügt er hinzu: „Ich habe schwere Beine, aber eine Menge englischer Sonne vor mir.“ Damit könnte es freilich an diesem Montag eng werden, denn es sind Regen und 18 Grad prognostiziert.

Harting tritt als großer Favorit zu seinen zweiten Olympischen Spielen an, ein vierter Platz wie vor vier Jahren in Peking wäre eine riesige Enttäuschung. Mit den beiden ersten 70-Meter-Würfen seiner Karriere (im Mai zunächst 70,31 und dann 70,66 Meter) führt er die Weltrangliste an. Er hat seinen Angstgegner, den Barcelona-Europameister Piotr Malachowski (Polen), ebenso bereits besiegt wie bei der EM den Olympiasieger Gerd Kanter (Estland). Der mit Einzelwürfen immer gefährliche Ungar Zoltan Kövago strich sich mit einem verweigerten Dopingtest quasi selbst von der Favoritenliste. Und Robert Harting strotzt vor Selbstvertrauen. „Ich weiß, dass ich das Zeug dazu habe, in London zu gewinnen. Dort werden der Kopf und die Tagesform entscheiden. Ich bin stark und freue mich darauf“, sagte er.

Einblick ins Seelenleben

In ungewöhnlicher Offenheit gewährte Harting dem „Spiegel“ Einblicke in sein Seelenleben. „Manchmal habe ich keinen Bock mehr auf die ganze Scheiße. Ich muss die ganze Missgunst, den Schmerz und die Niedergeschlagenheit bündeln und in Wettkampfenergie umwandeln“, sagte er. Und: „Ich brauche den Olympiasieg, um die negativen Sachen aus meinem Leben zu spülen.“

Wenn der Kopf frei ist und die Tagesform stimmt, kann nur noch das malade linke Knie den Gold-Coup verhindern. Die Operation an der Patellasehne im Oktober 2011 bescherte nicht die ersehnte Schmerzfreiheit. „Nach London wird es sicher die große Lösung geben“, sagte Harting und deutete damit einen neuerlichen medizinischen Eingriff an. Vor allem, als er das harte Krafttraining intensivierte, wehrte sich das Knie, aber „ich habe gelernt, damit umzugehen. Ich werde über die Runden kommen. Jetzt geht es um die Eier“, meint er. „Zähne zusammenbeißen“, lautet eine von Hartings Maximen. Das nagelneue Olympia-Trikot soll kein langes Leben haben.

( BMO )