Kugelstoßen

David Storl verpasst olympisches Gold um vier Zentimeter

Der Welt- und Europameister aus Chemnitz hat bei den Olympischen Spielen in London die Silbermedaille im Kugelstoßen gewonnen.

Oben, auf der Tribüne, trat Ralf Bartels (34) nervös von einem Bein aufs andere. Selbst mitmischen durfte er ja nicht im Finale, Rang 16 in der Qualifikation mit 20,00 Metern waren einfach zu wenig gewesen für den besten deutschen Kugelstoßer der vergangenen Jahre. Aber Bartels kann eben auch dann herrlich aufgeregt sein, wenn sein legitimer Nachfolger in den Ring tritt: der 22-jährige David Storl.

Während der kleine Bartels also mit glänzenden Augen auf und ab tippelte, griff sich der große Storl an diesem Abend zum letzten Mal die Kugel. Er reckte sie in die Höhe, schmiegte sie sich an den Hals, pustete noch einmal durch und wuchtete die 7,26 Kilo Eisen dann noch ein Mal so weit, wie es nur irgend ging. Doch die Kugel bohrte sich zu früh in den Rasen, Storl trat über den Ring, der finale Stoß war damit ungültig, und es stand fest: Er hatte Silber gewonnen. Der Pole Tomasz Majewski war minimal besser gewesen.

„David hat daran geglaubt, dass er noch mal einen 'raushauen und Majewski schlagen kann – und wir haben es gehofft“, sagte Bartels. Von Enttäuschung war nur minimal eine Spur, treuherzig versicherte Storl selber: „Ich bin nicht traurig. Ich freue mich riesig über Silber.“

Den Wettkampf maßgeblich bestimmt

Vier Zentimeter fehlten letztlich in einem Wettkampf, den er maßgeblich mitbestimmt hatte durch Stöße auf 21,84 und 21,86 Meter in den ersten beiden Versuchen. Beides waren persönliche Bestleistungen im Freien. Majewski, schon vor vier Jahren in Peking Olympiasieger, konterte erst im dritten: 21,87 Meter. Zu diesem Zeitpunkt spürte David Storl, wie ein Krampf sich seines Beines zu bemächtigen versuchte. Das Gefühl wurde er im restlichen Verlauf des Finales nicht mehr los, offenkundig hemmte es ihn. Während er also nicht mehr zuzulegen vermochte, stieß der Pole die Kugel schlussendlich noch auf 21,89 Meter.

„Ich hatte am Ende ein paar Probleme“, gestand Storl, dass er aber schon das Gefühl gehabt hatte, 22 Meter drauf zu haben. „Man muss nicht trauern, dass es Silber geworden ist“, sagte sein Trainer Sven Lang. „Außerdem war ich schon überglücklich, dass es für David mit zwei gültigen Versuchen losgegangen ist. Er lebt ja von seiner Schnelligkeit, da können ungültige rasch passieren. Dass er sich beim dritten Versuch an der Wade verletzt hat, war natürlich schade.“

Für den Chemnitzer ist der zweite Platz bei den Spielen, noch vor dem amerikanischen früheren Weltmeister Reese Hoffa, der vorläufige Höhepunkt in einer Karriere, die mit verblüffender Rasanz in Fahrt gekommen ist. Dass Storl Talent hat, war immer klar gewesen, seitdem er mit 15 Jahren vom Mehrkämpfer zum Kugelstoßer umschulte. Sein Trainer sagt, er habe „einfach das Gefühl für die Kugel“. Vor knapp einem Jahr, bei den Weltmeisterschaften in Daegu, hörte der junge Deutsche Konkurrenten noch flüstern: „Who is David Storl?“ Spätestens nach dem Finale wussten sie es: der neue Weltmeister.

Schlangen weiter, Fischer ausgeschieden

Spätestens nachdem Storl dann diesen Juni in Helsinki auch Europameister geworden war * er hängte dort die Konkurrenz um Längen ab *, war klar, dass der Erfolg auf stabilen Beinen stand. Trotz einer Knieverletzung. Doch der neue Status als Europas Bester und Weltspitzenstoßer setzte Storl auch unter Druck. Zumindest machte er ihn sich selbst. Vor der EM sagte er zu Sven Lang: „Trainer, wenn ich hier nicht gewinne, bin ich der Depp der Nation!“ Lang schmunzelt, als er Freitagabend in den Katakomben des Londoner Olympiastadions diese Episode erzählt.

Doch im Kern stimmt es. David Storl bestimmt jetzt die Weltspitze dauerhaft mit, an seinen Status muss er sich noch immer erst gewöhnen. In den vergangenen Tagen etwa, das mochte er nicht verhehlen, „sind mir schon viele Sachen durch den Kopf gegangen. Ich war sehr aufgeregt, hatte ein bisschen Angst zu versagen“. Storls Befürchtungen stellten sich dann aber schon am Morgen rasch als unbegründet heraus. Die Qualifikation überstand er mit einem einzigen Stoß auf 21,15 Meter („Ein Sicherheitsstoß“). Das war souverän. Und dann im Finale den ersten Versuch gleich auf 21,84 Meter zu landen, „da konnte ich als Trainer nicht meckern“, lachte Lang.

Es ist erst ein Jahr her, dass Lang gemutmaßt hatte, die Olympischen Spiele in London kämen wohl noch ein bisschen früh für seinen begnadeten Riesen mit den weichen Zügen: „David“, sagte der Bundestrainer damals, „ist eher ein Athlet für die Spiele 2016 oder 2020.“ Von wegen. In London wurde der Trainer von seinem Schützling eines Besseren belehrt.

Während der Chemnitzer also gleich im ersten Endkampf der Leichtathleten bei diesen Spielen die erste Medaille für den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) sicherte, quälten sich andere Deutsche durch die Qualifikation. Die Berliner Carsten Schlangen und Julia Fischer zum Beispiel. Der 1500-Meter-Läufer, Zweiter bei der Europameisterschaft 2010 in Barcelona, zog als Sechster seines Vorlaufs wie schon 2008 knapp ins Halbfinale ein. Eine mickrige Hundertstelsekunde mehr als der Siebte und ein taktisch kluger Lauf langten Schlangen dazu. Die Diskuswerferin vom SCC hingegen scheiterte als 21. mit 60,23 Meter, Nadine Müller (65,98) und Anna Rüh (62,98) hatten keine Probleme. Sprinterin Verena Sailer, die Europameisterin von 2010, überstand ihren Vorlauf über 100 Meter als Drittplatzierte in 11,12 Sekunden.

Wie nah Freud und Leid an diesem Abend allerdings beieinander lagen, zeigte die Qualifikation im Weitsprung der Männer. Sowohl Sebastian Bayer als auch Christian Reif erzielten 7,92 Meter – doch nur für Bayer reichte es, weil er in seiner Gruppe damit Vierter geworden war.