London

Sie sollen die Olympia-Party in Gang bringen

Sprintstar Mark Cavendish soll London frühzeitig in Partylaune versetzen. Doch auch der Rostocker Andre Greipel ist keineswegs chancenlos.

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Nicht nur die US-Amerikaner haben ein Dreamteam, auch die Briten, wenn auch nicht im Basketball. Findet Mark Cavendish (27) zumindest. Dieser Tage hat „Cav“ mit seinen Kollegen mal wieder den Rundkurs inspiziert, auf dem heute früh das Straßenradrennen stattfindet. Eine lockere Trainingsausfahrt zwischen sattgrünen Wiesen und Wäldern. „Wir rollten so vor uns hin, und ich sah mich um und… es ist das Dreamteam!“

In einer besseren Situation könnte der Favorit auf Gold tatsächlich nicht sein. Windschatten bieten ihm der Toursieger Bradley Wiggins, der Tourzweite Chris Froome, der Tour-Etappengewinner David Millar, der britische Meister Ian Stannard – und er selbst ist anerkanntermaßen momentan der Mann mit den flinksten Beinen im Peloton. „Alle Jungs sind unglaublich motiviert, unglaublich patriotisch und unglaublich loyal zueinander. Um dieses Radrennen zu gewinnen, könnten wir in keiner besseren Lage sein.“

Werbetour für die Metropole

Besser könnte zugleich der Start in diese Spiele kaum sein. Ein 250-Kilometer-Rennen durch die Straßen von London und außerhalb, vorbei an Sehenswürdigkeiten, wegen allein derer jedes Jahr Hunderttausende Touristen auf die Insel reisen, dazu ein Finale auf der Prachtstraße The Mall – es wird eine Werbetour für die Metropole werden, die sie im besten Falle frühzeitig in Partylaune versetzen wird. „Halb Großbritannien wird an der Strecke stehen und darauf warten, Mark Cavendish siegen zu sehen“, mutmaßt IOC-Präsident Jacques Rogge. Er weiß: „Eine frühe Goldmedaille für die Gastgebernation ist wichtig für die Stimmung im ganzen Land, sie schürt Zuversicht. Ich würde mich darüber freuen.“

Eine Zuschauerzahl von einer Million Menschen an den Straßen prognostiziert Weltverbandspräsident Pat McQuaid und juchzt (selbst als Ire): „Das wird die größte Menschenmenge, die je ein olympisches Event besucht hat. Ich mag mich irren, aber das ist meine Meinung.“

Für Cavendish, den Wundersprinter von der Isle of Man, dürfte das erwartete Massenspurtfinish – sofern er nicht versehentlich vorher abgehängt oder -drängt wurde - noch einmal um Längen aufregender werden als der vorige Sonntag. Da gewann er die finale Etappe auf den Champs-Elysées in Paris. Nicht die schlechteste Referenz.

Toursieger als Domestike

„Wir haben trainiert, um unsere Nerven im Griff zu haben. Es ist ein Prozess, in dem wir wissen: Wenn wir 100 Prozent geben, haben wir die besten Chancen zu gewinnen“, sagte Cavendish. Auf die Unterstützung von Wiggins als Domestike und der anderen drei Fahrer kann er bauen, versichert ihm der Toursieger, der Mitte nächster Woche dann selbst Gold holen will im Zeitfahren. „Cav war für mich da im vergangenen Monat, und jetzt kann er spüren, dass er an der Reihe ist und wir alle für ihn da sind“, sagte Wiggins.

Schon schwant Cavendishs Rivalen – unter ihnen der aussichtsreiche Tour-Etappensieger Andre Greipel aus Deutschland -, Britanniens Dreamteam auf zwei Rädern mit ihrer Speerspitze Cavendish könnte kaum beizukommen sein. „In einem Massensprint ist er beinahe unschlagbar im Moment“, seufzte Belgiens Star Tom Boonen. Nicht einmal die Tatsache, dass die steile Passage am Box Hill mit maximal sechs Prozent Steigung auf einer 15,5-Kilometer-Schleife gleich neun Mal zu erklimmen sein wird, macht den Favoriten bange. Allein: „Können die Briten das Rennen mit nur fünf Fahrern über 250 Kilometer kontrollieren?“, gibt der Franzose Sylvain Chavanel zu bedenken. Bei großen Rundfahrten gehören einem Team sonst ja neun Fahrer an.

Glückwunschschreiben von der Queen

Dass er mit dem Kurs bestens zurechtkommt, hat Cavendish längst bewiesen. Voriges Jahr im August gewann er ein Testrennen an selber Stelle, wenngleich es deutlich kürzer war. Jetzt könnte er also am Nachmittag schon der erste amtierende Weltmeister sein, der auch Olympiagold gewinnt. Und vielleicht erhält er dann ja wieder ein Glückwunschschreiben von der Queen, so wie diese Woche nach der Tour. Seiner Beliebtheit auf der Insel wäre das nur zuträglich. „Klar werde ich zu einigen Fahrern pampig“, hat Cavendish, das Raubein mit dem losen Mundwerk, während der Tour vor drei Jahren einmal getönt - und als Begründung nachgeschoben: „Ich bin ein Arschloch.“ Im Jahr darauf gab es dann wieder Ärger um den Hitzkopf, diesmal bei der Schweiz-Rundfahrt. Profis dreier Konkurrenzteams blockierten für zwei Minuten den Start einer Etappe aus Protest gegen Cavendishs flegelhafte Fahrweise. Ihrer Meinung nach hatte der Brite tags zuvor im Sprintfinale einen Massensturz verursacht. So etwas kommt nicht gut an.

Anekdoten prägen sein Image

Gleichwohl prägen derlei Anekdoten das Image des non-konformen Freigeists. Da kam es der englischen Presse und Öffentlichkeit gerade recht, dass Mark Cavendish vor kurzem eine Liaison mit Peta Todd begann, einer brünetten jungen Mittzwanzigerin, die im besten Falle als Model, im weniger wohlwollenden Duktus des Boulevard aber auch als „Busenwunder“ durchgeht. Anfang April wurden beide zum ersten Mal Eltern. Da staunte nicht nur „Bild“ über Mark Cavendish: „Während der Tour zeugte er ein Baby!“