Olympia 2012

Diese Spiele setzen Britta Steffen nicht unter Druck

Morgenpost Online sprach mit der Schwimm-Olympiasiegerin über den Druck bei den Spielen in Peking, ihre Zukunft und Freund Paul Biedermann.

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Bei den Olympischen Spielen 2008 bewahrte Britta Steffen das deutsche Schwimmteam mit ihren zwei Goldmedaillen vor der totalen Blamage. Die Berlinerin zählte zwar zu den großen Favoritinnen, dass sie aber sowohl die 50 als auch die 100 Meter Freistil gewann, war dann doch ein überraschender Triumph. Nach dem Debakel bei den Weltmeisterschaften 2011, als sie das 100-Meter-Finale verpasste, gilt die 28-Jährige nun wieder als große Medaillenhoffnung bei den Olympischen Spielen. Am Sonnabend hat sie mit der 4x100-Meter-Freistilstaffel ihren ersten Auftritt in London.

Morgenpost Online: Frau Steffen, Sie sind die Doppelolympiasiegerin. Mit welchem Anspruch gehen Sie in Ihre Einzelrennen?

Britta Steffen: Ich werde mich nicht kampflos geschlagen geben. Es wird aber sehr schwierig werden, denn die Niederländerin Ranomi Kromowidjojo ist über die 100 Meter Freistil fast eine Sekunde schneller geschwommen als der Rest der Welt. Das ist schon unglaublich.

Morgenpost Online: Mit Ihren Erfolgen gehen Erwartungen einher. Das ist ein ziemlicher Druck, an dem auch viele Sportler zerbrechen. Wie nah waren Sie dem schon einmal?

Britta Steffen: Ich glaube, dass es in der heutigen Zeit durch die Vernetzung der Medien relativ schnell geht, dass du ausbrennst, weil du jederzeit mit diesem kleinen Telefon deine Mails checken, Nachrichten lesen und Mails schreiben kannst. Du bist ja total greifbar und teilweise finde ich es heftig, wie internetsüchtig und nachrichtengeil manche Leute sind.

Morgenpost Online: Und wie nah waren Sie persönlich schon einmal dran, sich ausgebrannt zu fühlen?

Britta Steffen: Ich glaube, dass es wirklich stark vom Umfeld abhängig ist. Wenn du Menschen hast, die dich erden, bei denen du einfach mal alles herauslassen kannst, dann geht es auch wieder. Wenn du immer alles alleine mit dir herumträgst, kann es sehr schwierig werden. Es gibt Wochen, in denen alles läuft und Tage, an denen alles schiefgeht. Aber mit meiner Mutter bin ich da auf der richtigen Seite. Papa unterstützt dann Mama, und Mama unterstützt mich – so baut einer den anderen auf.

Morgenpost Online: Bei den Olympischen Spielen 2008 war der Druck so groß, dass Sie in Ihr Tagebuch schrieben: „Die 100 Kraul werden mein letztes Rennen sein.“ Können Sie das heute noch nachvollziehen?

Britta Steffen: Das kann ich super nachvollziehen, weil alles so sehr aufgebauscht wurde, nachdem die Ergebnisse der deutschen Mannschaft nicht gut waren. Jeden Tag, wenn ich vom Training kam und an den Medienleuten vorbeiging, kam der Spruch: ‚Na, ich bin mal gespannt, was du jetzt machst.' Aus anderen Ländern kamen Trainer zu mir und sagten: ‚Jetzt kannst nur noch du die Ehre der deutschen Schwimmer retten.' Das baute einen ziemlichen Druck auf. Es war mit die härteste Zeit, die ich durchlebt habe. Ich habe mich mit allen gestritten, die mir wichtig waren – außer mit meiner Familie.

Morgenpost Online: Auch mit Ihrem Trainer und Freunden?

Britta Steffen: Auch mit meinem Trainer Norbert Warnatzsch, mit meiner Psychologin Frau Janofske. Und ich habe mich mit meinem damaligen Freund total zerstritten. Mit allen.

Morgenpost Online: Warum war das so?

Britta Steffen: Weil ich so voll war mit Emotionen, Druck und Angst, dass ich froh war, wenn alles vorbei sein würde. Ich wollte die 100 Meter Freistil ja nicht mal mehr schwimmen. Aber dann musste ich ja.

Morgenpost Online: Kann es Ihnen noch mal so ergehen?

Britta Steffen: Nein. Das Schwierige an Olympischen Spielen ist, dass sie nur alle vier Jahre kommen. Meine ersten Spiele hatte ich mit 16 Jahren – das war, als über Franziska van Almsick in einer Zeitung stand: „Franzi von Speck – als Molch holt man kein Gold“. Da dachte ich mir: ‚Super, wenn du ein Nationalheld bist und dann läuft es mal nicht so gut, treten sie dich alle in den Boden.' Ich habe mein großes Vorbild nur weinen gesehen. Das hat mich sehr stark geprägt. 2004 bin ich am ersten Tag auf der Tribüne ausgerutscht, habe mir den Fuß verknackst, und die vier Jahre Vorbereitung waren umsonst.

Morgenpost Online: 2008 in Peking war dann nach Erfolgen in den zwei Jahren zuvor die Erwartungshaltung groß.

Britta Steffen: Und es war klar, dass von mir eine Medaille, am besten Gold, erwartet würde. Es war für mich schwierig, damit umzugehen. Da kam viel zusammen, ohne meine Familie, und auch ohne Norbert und Frau Janofske, die sich trotz allem wahnsinnig Mühe mit mir gegeben haben, wäre das nichts geworden.

Morgenpost Online: Warum sind Sie sich so sicher, dass Sie in eine Gefühlswelt wie 2008 nicht noch einmal geraten?

Britta Steffen: Der Punkt ist, dass ich alle Titel habe, die du als Schwimmer erreichen kannst. Derzeit halte ich auch die beiden Weltrekorde über 50 und 100 Meter Freistil.

Morgenpost Online: Dann hätten Sie doch sagen können: Ich habe alles, ich höre auf.

Britta Steffen: Der Drang, mich noch einmal zu stellen, ist da. Ich liebe die Herausforderung und es gibt nichts Größeres für mich, als dieses Leben so zu leben, wie ich es gerade führe. Meinen Geist und meinen Körper zu trainieren und Ziele und Visionen zu haben. Ich kann nicht ewig schwimmen, und deshalb möchte ich die Zeit noch nutzen. Ich könnte vielleicht noch mal vier Jahre nach London weiter machen, dann aber wahrscheinlich nur noch über die 50 Meter antreten, weil die Jugend einfach nachkommt. Aber ich arbeite an mir, werde versuchen, das Beste aus mir herauszuholen und bin auf das Ergebnis gespannt.

Morgenpost Online: Sehen Sie das wirklich so gelassen?

Britta Steffen: Der Erfolg gibt mir eine gewisse Art von Freiheit. Olympiasiegerin bin ich ewig. Wenn dieses Mal andere schneller sind, muss ich in den sauren Apfel beißen und das akzeptieren. Als Athlet solltest du dich auch mit anderen freuen können, wenn sie Wahnsinnsleistungen bringen.

Morgenpost Online: Sie haben mit Paul Biedermann einen Partner an Ihrer Seite, der die Herausforderungen für einen Topathleten ebenfalls kennt. Was haben Sie von ihm gelernt?

Britta Steffen: In den ganzen Jahren? (Steffen wiederholt ihre Frage und lacht.) Ich tu gerade so, als seien wir eine Ewigkeit zusammen. Ich habe eine ganze Menge gelernt. Er ist absolut professionell, sobald ein Wind weht, greift er zu seinem Schal und legt sich den um den Hals. Manchmal fand ich das wirklich übertrieben, aber Paul hat ja Recht. Er ist halt Vollprofi und so was von genau und vorsichtig und auf seine Gesundheit bedacht – da habe ich viel gelernt, auch wenn ich ihn am Anfang belächelt habe.