Olympia 2012

Die Fahne ist das „i-Tüpfelchen“ auf Kellers Karriere

Die Hockey-Nationalspielerin wird das deutsche Team ins Olympiastadion führen. Bei Nowitzki will sie abschauen, wie er das geschafft hat.

Natascha Kellers leise Bedenken waren rasch zerstreut. „Dirk Nowitzki ist ja ein bisschen größer und stärker als ich. Man hat mir aber gesagt, die ist gar nicht so schwer, die Fahne“, feixte die Hockeyspielerin. Nach Basketballstar Nowitzki in Peking wird die Hockeyspielerin Freitagabend in London diejenige sein, die der deutschen Olympiamannschaft bei der Eröffnungsfeier der Spiele ins Stadion vorwegmarschieren darf.

Bis Mittwochmittag war es ein gut gehütetes Geheimnis geblieben, was der 35-Jährigen nicht eben leicht gefallen war, seitdem sie tags zuvor vom Chef de Mission Michael Vesper gefragt worden war („Ich hätte es am liebsten gleich mit der ganzen Welt geteilt“). Keller: „Die beste Schauspielerin bin ich nicht. Und zuletzt mehrten sich die Fragen: Du weißt doch bestimmt was, oder? Was wird denn jetzt?“

Nun ist sie also raus, die Nachricht, nach der in der nachrichtenarmen Zeit so kurz vor Olympiastart alle gegiert haben – nicht zuletzt, weil die Frage nach dem Fahnenträger/der Fahnenträgerin stets zum Politikum taugt. Warum die inzwischen fünfmalige Olympiateilnehmerin aus Berlin von einem kleinen Zirkel Funktionäre aus dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) – darunter Vesper, sein Stellvertreter Bernhard Schwank und Präsident Thomas Bach – auserkoren wurde? Bei der Antwort geriet Vesper ins Schwärmen. „Vorbild“ sei Keller, „nie überheblich, bescheiden, zugleich leistungsorientiert, bodenständig und erfolgreich. Das macht sie so sympathisch. Natascha Keller ist eine Vertreterin unserer erfolgreichsten Mannschaftssportart und selbst Olympiasiegerin. Bei diesen Spielen werden erstmals alle Nationalen Olympischen Komitees Frauen in ihrer Mannschaft haben. Da denken wir, ist es auch Zeit, dass wir als Fahnenträger wieder einmal eine Frau präsentieren.“ In der Geschichte der Spiele gab es in Deutschland bislang 21 männliche, aber nur vier weibliche Fahnenträger.

Eine ganz besondere Vita

Außerdem, schwärmte Vesper, sei Keller eine Sportlerin „mit einer enormen Ausstrahlung, die auch die Tradition ihrer eigenen Familie verkörpert“. Schon ihr Großvater, ihr Vater und ihre beiden Brüder nahmen ja an den Spielen teil. Zu Recht schwant Natascha Keller also, dass sie auch aufgrund dieser speziellen Vita auserwählt wurde aus einem kleinen Kreis von Kandidaten.

Unter denen war auch der Schütze Ralf Schumann (50), der zum siebten Mal für die Sommerspiele qualifiziert ist und sich dem Vernehmen nach große Hoffnungen gemacht hatte auf die Prestigeaufgabe an der Spitze von rund 200 dann anwesenden deutschen Athleten.

„Schützen-Schumi“ also ein Verlierer schon vor der Eröffnung? Chef de Mission Vesper meint: nein. „Er ist überhaupt kein Verlierer. Es gab mindestens fünf Sportlerinnen und Sportler, mit denen unsere Leute sich intensiv beschäftigt und zwischen denen sie abgewogen haben. Es ist einzig und allein eine Entscheidung für Natascha Keller. Man muss sich am Ende für jemanden entscheiden - und nicht gegen jemanden. Zweifellos wäre auch Ralf Schumann ohne Wenn und Aber dafür in Betracht gekommen.“

So hypothetisch wie spannend ist da die Frage, wie die Wahl wohl ausgefallen wäre, hätten die deutschen Olympiateilnehmer und nicht ihre Funktionäre ihren Fahnenträger oder ihre Fahnenträgerin per Wahl bestimmt. So ist es zum Beispiel in den USA üblich, wo 2008 die Kapitäne der einzelnen Sportarten für den Mittelstreckenläufer Lopez Lomong (27) votierten. Er war als Kind im Sudan gekidnappt worden, hatte später jahrelang in einem kenianischen Flüchtlingslager gelebt und wurde 2001 in den Vereinigten Staaten von einer Pflegefamilie aufgenommen. Lomongs Wahl war eine, die nicht jedem Funktionär im amerikanischen olympischen Komitee schmeckte.

Vesper sagte auf Nachfrage, das deutsche Verfahren habe sich über die Jahre bewährt. „Es waren immer sehr gute Ergebnisse dabei, zuletzt Dirk Nowitzki in Peking und Andre Lange in Vancouver, die auch innerhalb der Mannschaft positiv aufgenommen wurden. Wir diskutieren das vor den Spielen mit unserer Athletenkommission, wie zu verfahren ist.“

Kellers Wahl unterdessen stieß am Mittwoch auf Wohlwollen innerhalb der deutschen Olympia-Mannschaft. Die Hockeyspielerin ist beliebt, wohl auch, weil für sie die Spiele selbst nach vier Teilnahmen merklich etwas Besonderes geblieben sind. „Mit einem kleinen Fähnchen beim Einmarsch zu schwenken, ist ja schon toll. Aber jetzt mit der großen vornweg zu laufen… Jetzt werde ich wohl ein bis zwei schlaflose Nächte haben“, dämmerte es Keller, und dass „sie sich zu Hause riesig freuen werden“.

Tatsächlich sendete der Präsident des Berliner Hockey-Clubs, Michael Stiebitz, „mit großer Freude und Stolz“ gleich eine E-Mail in die Welt hinaus: „Neben der großen persönlichen Ehre für ‚Taschi' betrachten wir diese Auszeichnung auch als Anerkennung der Leistung unseres Clubs, sowie der Sportart Hockey.“ Natascha Keller selbst empfindet ähnlich. „Für uns Hockeyspieler - die große Hockeyfamilie, wie wir sagen - ist das eine große Auszeichnung. Wir können uns ja nur alle vier Jahre groß präsentieren. Und auf meine Karriere ist das das i-Tüpfelchen.“

Genieß alles, was du mitnehmen kannst, hatten sie Keller in ihrem Umfeld geraten vor der Reise nach London. „Jetzt“, grinst sie, „kann ich sogar die Fahne mitnehmen.“ Vorher will sie sich aber dann doch lieber noch mal anschauen, wie Dirk Nowitzki das Teil gehandhabt hat. Nicht, dass sie vor dem ersten Hockeyspiel noch einen lahmen Arm bekommt.