Zehnkampf

Warum Niklaus wieder mit der Ex-Trainerin arbeitet

Der deutsche Zehnkämpfer Andre Niklaus spricht im Interview mit Morgenpost Online über seine lange Verletzungszeit, seinen Traum von den Olympischen Spielen 2012 in London und sein neues Trainerteam.

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Der Berliner Zehnkämpfer Andre Niklaus hatte in seiner Karriere immer wieder mit Verletzungen (Schambein-Operation, Nagelbett-Entzündung) zu kämpfen, die eine Teilnahme an einigen Großereignissen verhinderten .

Der 30-Jährige, WM-Vierter 2005 und Hallen-Weltmeister 2006, will mit Blick auf die Olympischen Spiele in London noch einmal durchstarten.

Morgenpost Online: Herr Niklaus, was machen Ihre Frühlingsgefühle?

Andre Niklaus: Bitte? Dafür war es zuletzt wohl meistens ein bisschen zu kalt.

Morgenpost Online: Sie nehmen als Zehnkämpfer noch einmal einen neuen Anlauf, der unter der Überschrift „Projekt Zweiter Frühling“ firmiert.

Niklaus: Stimmt – und da habe ich ein wirklich gutes Gefühl.

Morgenpost Online: Was treibt Sie denn nach vielen Rückschlägen dazu, noch einmal richtig anzugreifen?

Niklaus: Schon im vergangenen Jahr habe ich im Training gemerkt, dass noch was geht. Das hat mir Mut gemacht. Endlich habe ich keine Wehwehchen mehr, wie ich das aus den ganzen Jahren kannte. Ein sehr angenehmes Gefühl.

Morgenpost Online: Nicht wenige hatten Sie abgeschrieben.

Niklaus: Ja, da gab es schon einige, die gesagt haben: Der kommt nicht mehr zurück. In der Zeit, als ich verletzt war, konnte ich dagegen schwer etwas sagen.

Morgenpost Online: Gab es denn nicht auch Momente, in denen Sie alles hinschmeißen wollten?

Niklaus: Ganz ehrlich, wenn ich nicht weiter durch die Bundeswehr gefördert worden wäre, hätte es gut sein können, dass ich meine Karriere beendet hätte. Man wird ja auch älter, auch für die Wirtschaft, in die ich mal beruflich einsteigen will. Doch so macht das jetzt noch Sinn.

Morgenpost Online: Die Sinnfrage haben Sie sich wirklich nicht gestellt, auch nicht, als Sie wegen einer Fußverletzung die Heim-WM 2009 in Berlin verpasst haben?

Niklaus: Ich kam damit eigentlich ganz gut klar. Natürlich war erst mal Frust da. Aber wichtig war, dass ich mir nichts habe vorwerfen können. Genauso, als ich 2006 nicht an der EM in Göteborg habe teilnehmen können. Mein Körper hatte eben nicht mitgemacht, ein genetisches Problem. Viel schwerer hätte mich getroffen, wenn es meine eigene Schuld gewesen wäre. Wenn ich nicht hart genug trainiert hätte, weil ich drei Monate lang sturzbetrunken in irgendwelchen Klubs rumgehangen hätte. Einstellung und Motivation waren immer da. Mag sein, dass mancher sagt: Der lügt sich doch nur selbst in die Tasche.

Morgenpost Online: 2006 wurden Sie Hallenweltmeister, alles schien Ihnen offen zu stehen: Sponsoren, Medienrummel und so weiter. Dann kam eine Verletzung. Denken Sie manchmal daran, was gewesen wäre, wenn…?

Niklaus: Ab und an, aber – wie gesagt – ich weiß, dass es nicht an mir lag.

Morgenpost Online: Da ist Ihnen ganz schön viel Geld durch die Lappen gegangen – ein erfolgreicher Zehnkämpfer hat doch in Deutschland Starpotenzial.

Niklaus: Der Zehnkampf wird in den Erzählungen oft verklärt, aber es ist gar nicht so leicht, die Geschichte auch gut zu verkaufen, weil man als Zehnkämpfer nur ein, zwei Mal im Jahr richtig präsent ist. Da haben es die Einzeldisziplinen einfacher. Einige, die da gute Leistungen bringen, könnten daraus sicher viel mehr machen.

Morgenpost Online: Inwiefern?

Niklaus: Die müssten sich mehr öffnen. Ich bin überrascht, wie überrascht wiederum manche sind, die sich vom Interesse an ihnen überrannt fühlen. Als Athlet in der heutigen Welt, wenn man mit seinem Sport auch Geld verdienen will, muss man auch mal in Stories ein bisschen mehr preisgeben, ein, zwei Türen öffnen und die Leute reinkommen lassen. Manche wollen sich eben nicht öffnen, aber gut, jeder muss selbst wissen, wie er damit umgeht.

Morgenpost Online: Besagten „zweiten Frühling“ gehen Sie mit einem neuen Trainerteam an, wieso?

Niklaus: Ich habe zehn Jahre lang mit Rainer Pottel zusammengearbeitet, dem ich sehr viel verdanke. Aber nach so vielen Jahren schleift sich doch einiges ab. Das ist ein Prozess und geht nicht von heute auf morgen. Ich weiß, was ich an ihm hatte – und als Bundestrainer habe ich ihn ja nach wie vor. Wir sind absolut nicht im Bösen geschieden, das war mir sehr wichtig. Für den neuen Angriff musste aber eine Veränderung her, das soll einen neuen Reiz bringen.

Morgenpost Online: Mit einer alten Bekannten an der Seite.

Niklaus: Ja, Katrin Buder hat mich schon vor zehn Jahren betreut und auf die U20-Weltmeisterschaft vorbereitet. Sie hat mich nie aus dem Blick verloren. Im Wurfbereich wird die schon bestehende Zusammenarbeit mit Werner Goldmann (Anm. d. Red.: Trainer von Diskus-Weltmeister Robert Harting) wieder forciert, beim Stabhochsprung arbeiten wir mit Winfried Heinicke zusammen. Viele Leistungen hatten in den vergangenen Jahren stagniert, vielleicht macht es jetzt in dem einen oder anderen Bereich noch mal klick.

Morgenpost Online: Was wird sich am Training ändern. Werden Sie zum Beispiel mehr oder weniger machen?

Niklaus: Definitiv weniger, aber das hat mit meinem Alter zu tun. Als 25-Jähriger kann man mehr reinhauen. Ich habe über die Jahre sehr gute Techniken erlernt, die ich wegen Verletzungen aber selten anwenden konnte. Das wird sich jetzt ändern.

Morgenpost Online: Was ist Ihr Ziel?

Niklaus: Ich möchte wieder in die Nähe meiner persönlichen Bestleistung von 8371 Punkten kommen. Das wäre international ein ganz gutes Niveau. Und natürlich möchte ich an den Olympischen Spielen in London teilnehmen.

Morgenpost Online: Wie hat sich während Ihrer Abwesenheit die nationale Szene verändert, was macht die Konkurrenz?

Niklaus: Einige Junge sind nachgekommen, was die Sache interessant macht. Michael Schrader hat mit über 8500 Punkten einen Riesenschritt gemacht, hatte danach aber auch mit Verletzungen zu tun, weil sein Körper mit dem Leistungssprung nicht klar gekommen ist. Gerade die Jungen müssten sich eigentlich von Jahr zu Jahr kontinuierlich steigern, um international langsam anklopfen zu können. Ich würde mir von den Jungschen manchmal ein bisschen mehr Zurückhaltung wünschen.

Morgenpost Online: Das ist das Privileg der Jugend…

Niklaus: Vielleicht war ich ja früher auch so.