Moskau 1980

Olympia 1980: „Nennen Sie Ihre Kinder Waldemar“

Waldemar Cierpinski wurde durch eine Reportage von seinem Marathon-Olympiasieg 1980 weltberühmt. Am Montag wird er 70 Jahre alt.

Waldemar Cierpinski bei seinem zweiten Olympiasieg. In Moskau gewann er wie schon vier Jahre zuvor in Montreal Marathon-Gold.

Waldemar Cierpinski bei seinem zweiten Olympiasieg. In Moskau gewann er wie schon vier Jahre zuvor in Montreal Marathon-Gold.

Foto: Oly / picture-alliance / dpa

Halle/Saale. Waldemar Cierpinski lief 1976 zu Olympia-Gold im Marathon, und vier Jahre später wiederholte der Unvergleichliche aus Halle an der Saale diesen Triumph. Wirklich berühmt, ja zu einer Legende, machten ihn aber die Worte des Fernsehreporters Heinz Florian Oertel beim Zieleinlauf in Moskau vor 40 Jahren. „Liebe Zuschauer zu Hause, das ist ein einmaliger Triumph! Liebe junge Väter vielleicht, oder angehende, haben Sie Mut! Nennen Sie Ihre Neuankömmlinge des heutigen Tages ruhig Waldemar“, rief Oertel am 1. August 1980 in sein Mikrofon: „Waldemar ist da!“

Nichts, was über Cierpinski gesagt oder geschrieben wurde, ist so vielen Menschen noch heute so präsent wie der Oertel-Spruch, der tatsächlich auf fruchtbaren Boden fiel. „Im folgenden Frühjahr kamen zwei junge Leute schüchtern auf mich zu und meinten, sie hätten ihr damals geborenes Söhnchen Waldemar genannt“, berichtete Cierpinski einmal.

Nur Bikila Abebe gelang, was Cierpinski schaffte

In Moskau erreichte Cierpinski, was zuvor nur dem Äthiopier Bikila Abebe mit seinen Olympiasiegen 1960 und 1964 geschafft hatte. Dabei hatten die DDR-Funktionäre den gebürtigen Nienburger, der an diesem Montag 70 wird, im Alter von 24 Jahren schon ausgemustert. „Ich hatte früh angefangen und ließ damals einige Dinge der Trainingslehre außer acht. Die Folge war, dass ich nahezu drei Jahre verletzt war und dann aus dem DDR-Kader flog“, sagte Cierpinski, „nur mit Duldung des Klubs konnte ich noch Leistungssport treiben und bereitete mich unter diesen Voraussetzungen auf die Spiele in Montreal vor.“

1976 in Montreal war sein „schönster“ Triumph und acht Jahre später hätte Cierpinski, den der MDR an diesem Sonntag (20.15 Uhr) mit der Sendung „Legenden: Waldemar Cierpinski“ ehrt, nur zu gern noch einmal Geschichte geschrieben. Es hat ihn lange geschmerzt, dass er wegen des Ostblock-Boykotts 1984 in Los Angeles „in Topform“ nicht nach einem dritten Gold greifen durfte. Im Erfolgsfall wäre er wohl für alle Zeiten der unerreichbare Marathon-Held gewesen. Fast unglaublich: Mit seinen 2:09:55 Stunden von Montreal ist der Hallenser bis heute die Nummer sechs der DLV-Bestenliste.

Cierpinskis Ehefrau überredete ihn zum Marathon

Laufen war und ist das Leben von Waldemar Cierpinski, rund 250.000 Kilometer hat er bisher zurückgelegt. „Das schaffte kein Trabi, der war schon nach 100.000 Kilometern am Ende“, sagt Cierpinski, dessen Sohn Falk auch ein guter Läufer wurde. Stolz und glücklich spricht er von seinen drei großen Söhnen und den drei „Enkelchen“, die alle in Halle sind, „und das ist schön. Das macht Spaß.“ Ehefrau Maritta hatte ihren Mann einst zum Wechsel von der Hindernis- auf die Marathonstrecke „überredet“, seit 47 Jahren sind die beiden nun schon ein Paar. Nur sein Sportgeschäft in Halle macht Cierpinski gerade etwas Sorgen, die Corona-Krise macht eben auch vor einem Olympiasieger nicht Halt.

Cierpinski, der 1983 zudem WM-Bronze holte und elf seiner 28 Marathonläufe zwischen 1974 und 1985 als Sieger beendete, ärgerte sich anfangs über den Kommentar von Oertel. Aber er grämte sich nur kurz, sie wurden später gute Freunde. Heute sagt Cierpinski: „Heinz Florian Oertel hat mich berühmt gemacht.“ An Oertels Worte vom Montreal-Triumph („Jetzt kommen sie, die Heroen der Landstraße. Reißen Sie die Fenster auf! Und wenn man steht, ist die Verbeugung tiefer“) erinnert sich kaum noch jemand.

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