Leichtathletik

Wilma Rudolph: Die Gazelle mit „Black Power“

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Jochen Frank
1960 in Rom die schnellste Frau der Welt: Wilma Rudolph (r.) gewann das 100-Meter-Finale vor der Britin Dorothy Hymann und Giuseppina Leone aus Italien.

1960 in Rom die schnellste Frau der Welt: Wilma Rudolph (r.) gewann das 100-Meter-Finale vor der Britin Dorothy Hymann und Giuseppina Leone aus Italien.

Foto: HORSTMUELLER GmbH via www.imago-images.de / imago images/Horstmüller

Die Sprint-Legende Wilma Rudolph wäre am Dienstag 80 Jahre alt geworden. Schon 1960 setzte sie sich für die Rechte der Schwarzen ein.

Berlin. „Sie hatte die Figur eines Mannequins“, schwärmt Gisela Birkemeyer (88) noch heute. „Ihr Laufstil war eine Augenweide.“ Jutta Heine (79) sagt, sie sei „über die Aschenbahn geflogen“. Locker und leichtfüßig. „Sie laufen zu sehen“, erinnert sich Anni Capeller (80), „war ein Erlebnis“. Von Wilma Rudolph ist die Rede, der „Schwarzen Gazelle“, wie die afroamerikanische Ausnahmekönnerin genannt wurde. Drei olympische Goldmedaillen – das Maximum in den Sprintdisziplinen – gewann sie 1960 in Rom. An diesem Dienstag wäre sie 80 Jahre alt geworden.

Rudolph gewann schon als 16-Jährige Olympia-Bronze

Drei deutsche Leichtathletinnen brauchen nicht lange zu überlegen, wenn sie an ihre Begegnungen mit Wilma Rudolph denken. Jutta Heine aus Burglahr und Anni Capeller (München), die damals noch Biechl hieß, sprinteten mit der deutschen 4x-100-Meter-Staffel hinter den siegreichen Amerikanerinnen auf den Silberrang. Ebenfalls mit Silber stand Heine auch nach dem 200-Meter-Finale neben Rudolph auf dem Podium.

Für Gisela Birkemeyer waren über 100 und 200 Meter die Zwischenläufe zwar bereits Endstation, doch holte sich die Berlinerin über 80 Meter Hürden ihre Medaille (in Bronze). In der gleichen Disziplin, in der sie vier Jahre zuvor in Melbourne, noch unter dem Namen Köhler, Silber gewonnen hatte. In Australien war sie auch zum ersten Mal auf die acht Jahre jüngere Wilma Rudolph getroffen. Im Staffel-Finale liefen beide unmittelbar gegeneinander auf Position drei. Das US-Quartett belegte den dritten Platz, die Deutschen wurden Sechste.

Als Frühchen auf die Welt gekommen und häufig krank

Dass Wilma Rudolph als Sechzehnjährige überhaupt schon olympiareif war, grenzte an ein Wunder. Als Frühchen auf die Welt gekommen, war sie häufig krank: doppelseitige Lungenentzündung, Scharlach, Kinderlähmung, auf Gehhilfe angewiesen. Mit acht Jahren konnte sie den schweren orthopädischen Stiefel ablegen. In Clarksville/Tennessee zu Hause, lernte sie laufen, springen, werfen. Unterm Basketballkorb eiferte sie ihren Brüdern nach.

Stundenlang übte sie. Mit Geduld und Willenskraft. Und mit Erfolg. Vielleicht wäre sie eine sehr gute Basketballspielerin geworden, hätte es nicht diesen Ed Temple gegeben, Professor an der Tennessee State University und Leichtathletik-Trainer des Collegeteams. Als Schiedsrichter eines Basketballmatches erkannte er das Talent des schlaksigen, grazilen Mädchens. Er vermittelte ein Sportstipendium an seiner Hochschule, ermutigte die junge Wilma 1955 zu ersten Meeting-Starts auf der Aschenbahn. Schon im Jahr darauf reiste sie als 16-Jährige mit dem US-Team zu den Olympischen Spielen nach Melbourne. Auf dem Rückflug hatte sie eine Bronzemedaille im Gepäck.

In Rom gewinnt die junge Mutter dreimal Gold

Gerade erst 20 und schon Mutter einer zweijährigen Tochter, blieb sie Anfang Juli 1960 bei den US-Trials in Corpus Christi mit 22,9 Sekunden über 200 Meter als erste Frau unter der 23-Sekunden-Grenze. Das Flugticket nach Rom war gesichert. Zwei Monate danach ging in der Stadt am Tiber ein neuer großer Stern der Leichtathletik auf. Dreimal Gold innerhalb von acht Wettkampftagen: „Miss Olympia“ war gekürt. Mit Charme und Anmut eroberte Wilma Rudolph die Herzen des Publikums, winkte den Zuschauern mit dem Strohhütchen, das sie als Souvenir erworben hatte.

Zu den nacholympischen Meetings strömten die Leute in die Stadien. Vor allem, um sie laufen zu sehen. 40.000 – so viele Zuschauer gab es bei keinem Istaf zuvor – umjubelten sie in Berlin. Rudi Thiel, später Meeting-Chef, damals 32 Jahre alt und als Betreuer eingesetzt, war begeistert: „Eine schöne Frau und ein Star ohne Allüren.“ Er traf sie auch später noch öfter, wenn er als Gast der US-Trials Athleten für das Istaf verpflichtete.

Rudolphs Auftritte als Demonstration für „Black Power“

Rudolphs Auftritte, erinnert sich Jutta Heine, seien auch eine Demonstration für „Black Power“ gewesen. Nach ihrer Rückkehr in die Heimat 1960 stimmte sie einem Empfang durch den Gouverneur nur unter der Bedingung zu, dass für diese Feier die Rassentrennung aufgehoben wird. Für die Rechte der Schwarzen setzte sie sich zeitlebens ein.

Nachdem sie im Juli 1962 in Stuttgart ihren 100-Meter-Weltrekord auf 11,2 Sekunden verbessert hatte, beendete sie im Jahr darauf ihre sportliche Karriere nach einer komplizierten Blinddarm-Operation und erneuter Schwangerschaft. Sie schloss ihr Studium ab, arbeitete als Grundschullehrerin und Trainerin, heiratete, brachte weitere zwei Kinder zur Welt, wurde geschieden. Sie widmete sich Wohltätigkeitsprojekten, um die Jugend von der Straße zu holen. 1981 gründete sie eine Stiftung für sozial benachteiligte Kinder. Eine Oberschule im Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf trägt ihren Namen.

Rudolph wird 1993 Botschafterin für Olympische Spiele in Berlin

Anfang der 1990er-Jahre war Wilma Rudolph noch einmal in Berlin zu Gast. Als Olympia-Botschafterin unterstützte sie die später gescheiterte Bewerbung der Stadt um die Sommerspiele 2000. Am 12. November 1994 starb sie in Nashville/Tennessee an den Folgen eines Gehirntumors. Ihrem Grundsatz aus frühester Jugend blieb sie immer treu: „Man muss im Leben kämpfen, darf sich niemals aufgeben; man muss stets an die eigene Kraft glauben, und man muss sich in Geduld üben.“