Biathlon

Dahlmeier: „Beim Klimawandel kann ich nicht wegschauen“

| Lesedauer: 10 Minuten
Andreas Berten
Laura Dahlmeier (l.) am Mikrofon: Hier übt sie noch mit Magdalena Neuner bei einem Sponsorentermin. Inzwischen kommentiert sie im ZDF Biathlonrennen.

Laura Dahlmeier (l.) am Mikrofon: Hier übt sie noch mit Magdalena Neuner bei einem Sponsorentermin. Inzwischen kommentiert sie im ZDF Biathlonrennen.

Foto: Daniel Karmann / dpa

Mit 25 hat Laura Dahlmeier ihre Biathlon-Karriere beendet. Im Interview spricht die Olympiasiegerin über neue Ziele und Klimawandel.

Berlin. Einen ersten Spurwechsel hat Laura Dahlmeier bereits hinter sich: Die erfolgreichste Biathletin des vergangenen Jahrzehnts hat vor Weihnachten beim Weltcup in Le Grand Bornand/Frankreich erstmals Skier und Gewehr gegen Mikrofon eingetauscht, um nach dem Karriereende als Expertin für das ZDF die Rennen einzuschätzen. An diesem Sonnabend folgt der zweite Spurwechsel, zweifelsohne ein einmaliger dieser Art: Die 26 Jahre alte Partenkirchenerin geht noch einmal in die Loipe und an den Schießstand. Die Veranstaltung Biathlon auf Schalke (17.50 Uhr, ARD) wird zur großen Abschiedsgala der zweimaligen Olympiasiegerin und siebenmaligen Weltmeisterin. Warum Schalke ein Highlight, aber das letzte Biathlon-Erlebnis bleiben wird, welche Kraft ihr die Berge geben und was der Klimawandel bei ihr auslöst, verrät Laura Dahlmeier vorher im Interview.

Berliner Morgenpost: Frau Dahlmeier, mit Verlaub: Mit dem freiwilligen Renteneintritt als Biathletin wäre die Frage logisch, wie denn der Sommer ohne Leistungssport war?

Laura Dahlmeier: Ich habe mich ganz bewusst dafür entschieden, mit dem Biathlon aufzuhören. Ich habe beim Zoll gekündigt und damit richtig aufgehört mit dem Leistungssport Biathlon. Ich hatte ein extrem schönes Frühjahr, ich war mit Freunden klettern und radfahren, ich war häufig unterwegs und hatte trotzdem daheim viel Zeit für Dinge, die man sonst hinten anstellt. So sind die Monate verflogen. Dann habe ich den ein oder anderen Berglauf mitgemacht und mich da eigentlich mehr per Zufall für die WM qualifiziert.

Wie man sich halt so im Vorbeigehen für Weltmeisterschaften qualifiziert.

Das habe ich sicher nicht auf dem Schirm gehabt. Aber ich habe mich total gefreut und wollte die Chance dann auch annehmen, weil es etwas ganz Besonderes ist. Also habe ich mich schon darauf vorbereitet, wenn auch nicht in dem Maße wie beim Biathlon. Es hätte mehr sein können, aber das ging nicht, weil ich noch viele andere Projekte in Angriff genommen habe, unter anderem ein Studium. Und das nicht nur nebenbei, sondern in Vollzeit.

Sie Sie jemand, der nicht still sitzen kann?

Ich bin unheimlich gern draußen, beim Bergsteigen oder sonst beim Sporteln. Ich brauche immer wieder gewisse Herausforderungen. Auf Dauer wäre es für mich zu fad, wenn nichts passiert und man gar kein Ziel hat.

War die Teilnahme an der Berglauf-WM nur ein einmaliger Ausflug?

Eine richtige Zweitsportkarriere strebe ich nicht an. Ich genieße gerade die Freiheit, verschiedene Sachen auszuprobieren, die mir Spaß machen, ohne dass ich direkt wieder Leistungssport betreiben will. Mir ist bei der WM noch mal eindrücklich vor Augen geführt worden, wie viel dort die Besten für ihren Sport aufwenden. Da muss ich sagen: Hut ab.

Einen letzten großen Auftritt mit Langlauf-Skiern und Gewehr haben Sie ja noch vor sich.

Und wie. Das wird richtig cool, Biathlon auf Schalke war schon immer etwas Faszinierendes, die Atmosphäre in diesem Hexenkessel ist einzigartig. Dieses Jahr wird es noch mal ein besonderes, emotionales Highlight. Es ist mein letztes Rennen, ich kann allen Fans Servus sagen. Ich konnte viele Sportler, die Familie und Freunde davon überzeugen, die Reise nach Gelsenkirchen auf sich zu nehmen. Das wird ein großes Abschiedsfest.

Mussten Sie vorher noch mal in der Loipe und am Schießstand trainieren?

Mir ist schon ein bisserl bange geworden, natürlich komme ich nicht so zum Trainieren wie die Jahre zuvor. Das allgemeine Niveau ist okay – den Rest versuche ich über die Erfahrung wettzumachen.

Im letzten Jahr Ole Einar Björndalen, jetzt Sie – das Rennen hat auch abseits der großen Abschiede seinen Reiz.

Das Rennen hat Weltcup-Niveau, es gehen in der Regel die neun oder zehn besten Teams der Welt an den Start. Es ist eine anspruchsvolle Strecke, der Schießstand ist gleich, auf den kurzen, aber heftigen Runden geht der Puls ganz schön nach oben. Den Zuschauern wird einiges geboten.

Braucht der Biathlonsport generell solche Attraktionen oder weitere Innovationen?

Das ist eine spannende Frage. Aktuell ist Biathlon die Wintersportart Nummer eins, wir haben richtig gute Zuschauerzahlen. Man muss schauen, was für den Fan attraktiv ist – aber auch, was noch für den Sportler verkraftbar ist. Wenn ich als Athlet jede Woche drei Rennen habe, ist irgendwo die Grenze erreicht. Da muss man sensibel bleiben und abwägen: Was ist gut fürs Fernsehen und was ist vertretbar für die Sportler. Ich glaube, dass es attraktiver ist, wenn die Rennen kürzer sind, zum Beispiel wie bei der Single-Mixed-Staffel.

Spaß machen Ihnen immer die Berge. Als passionierte Kletterin haben Sie schon Fünftausender erklommen. Was macht das mit Ihnen, umgeben teils von schroffen Gesteinswelten?

Die Berge sind meine Heimat, mein Ruhepol, mein Kraftspender. Da komme ich zur Ruhe, da kann ich nachdenken. Auf der anderen Seite mache ich dort sehr prägende Erfahrungen. Wenn man mit Freunden die Sachen packt und in die Berge geht, sind das sehr intensive Momente, die man zusammen erlebt und die einen zusammenschweißen. Es sind Abenteuer, die ich nie mit anderen Abenteuern im Alltag vergleichen könnte. Das ist auch ein Grund, warum ich immer wieder in die Berge zurückkehre, um von Stress und Sorgen abzuschalten.

Ist zwischen den Felsen auch die Idee gereift, mit dem Biathlon aufzuhören?

Auch. Zum Ende der Saison war mir schon klar, dass ich aufhören würde. Ich wollte es aber nicht gleich verkünden, weil ich noch zu sehr emotional da dringesteckt habe und es erst einmal sacken lassen wollte. Ich war in den Bergen mit Freunden unterwegs und habe mir bei denen eine Zweitmeinung eingeholt.

Was wichtig ist, denn jung und erfolgreich genug waren beziehungsweise sind Sie ja noch, um weiter auf dem höchsten Niveau starten zu können.

Richtig, es musste schon gut überlegt sein, denn für mich gibt es kein Zurück. Ich habe mir gesagt, wenn ich mit Biathlon aufhöre, will ich konsequent sein. Ich war mir sicher, ich bin mir sicher, und ich würde mich auch heute wieder so entscheiden.

Als Sportler bewegen Sie sich ständig in der Natur. Wie erleben Sie sie, was macht sie aus, was macht Ihnen Sorgen? Immerhin haben Sie ja ein Buch geschrieben: Laura und die Klimagang heißt es.

Das war eine schöne Aktion, mit der wir erreichen wollten: Wie kann man ein bisschen mehr Bewusstsein schaffen? Bewusstsein für die Veränderungen in der Natur, was da passiert. Ich möchte nicht diejenige sein, die mit erhobenem Zeigefinger da steht und sagt: Das müssen wir anders machen. Denn auch ich bin extrem viel unterwegs, ich fliege zur Berglauf-WM nach Südamerika, ich kann mich also gerade bei der Mobilität nicht ausklammern. Ich weiß, meine Bilanz ist nicht perfekt, aber ich versuche, meinen CO2-Fußabdruck so klein wie möglich zu halten. Ich habe mittlerweile ein Hybridauto, ich fahre viel mit dem Rad. Mir geht es darum, dass man sich das Bewusstsein schafft, sich darüber unterhält, jeder hat vielleicht eine andere Idee. Und gerade Kinder zum Nachdenken anzuregen, ist ein interessantes Thema.

Das schon Erfolge gezeigt hat?

Ich habe schon viel Feedback von Bekannten erhalten, wo der Junge zum Papa sagt: Lassen wir doch mal den Fernseher aus, ich versuche jetzt auch mal, ohne Licht einzuschlafen. Das ist ganz lustig, wie da der Dialog entsteht – und das ist der richtige Schritt. Die Veränderung ist da, die merke ich tagtäglich, aber auch wenn ich als Sportlerin draußen in der Natur bin. Wenn ich auf einem Gletscher wandere, die aber so weit zurückgegangen sind, dass ich über die Zustiege gar nicht mehr auf eine Hütte komme. Dass das Gletscherniveau so weit gesenkt ist, ist nur ein Beispiel. Es wird dir tagtäglich bewusst, dass der Klimawandel ein wichtiges Thema ist – da kann man nicht wegschauen.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Ich habe zwischendurch die B-Trainer-Ausbildung gemacht, da war ich dann ja auch wieder bei den Athleten und habe mich intensiv mit dem Biathlon auseinandergesetzt – aber eben auf einer anderen Ebene. Ob das mal etwas für mich ist, wird sich zeigen. Aktuell glaube ich, dass es gut ist, wenn ich nicht gleich wieder sofort in der gleichen Maschinerie drinstecke. Jetzt mache ich erst mal mein Studium, und ich unternehme einen Ausflug ins ZDF-Lager, wo ich punktuell und ausgewählt als Expertin dabei bin. Da freue ich mich auch drauf, die Rennen mal von der anderen Seite zu sehen.