American Football

Auferstehung der San Francisco 49ers: Masse und Klasse

| Lesedauer: 5 Minuten
Sebastian Stier
Offensive Tackle Mike McGlinchey (Nummer 69) feiert einen Touchdown, nachdem er den Weg für Ballträger Raheem Mostert (r.) freigeräumt hat.

Offensive Tackle Mike McGlinchey (Nummer 69) feiert einen Touchdown, nachdem er den Weg für Ballträger Raheem Mostert (r.) freigeräumt hat.

Foto: Paul Kuroda / picture alliance / ZUMAPRESS.com

Über Jahre waren die ruhmreichen 49ers sportlich bedeutungslos, doch plötzlich haben sie wieder Titelchancen. Was steckt dahinter?

Berlin. Die Steaks sind so gigantisch wie die Menschen, die sie verschlingen. Jeden Dienstag kommen die Verteidiger der San Francisco 49ers zusammen, zwei Meter große und bis zu 140 Kilo schwere Hünen, um sich in einem sehr teuren Restaurant sehr teure Fleischstücke einzuverleiben. Was einst als nette Idee nach besonders guten Leistungen begann, ist inzwischen zur Tradition geworden, weil die guten Leistungen sich Woche für Woche wiederholen. In allen relevanten Defensivstatistiken gehören die 49ers mit zum Besten, was die National Football League (NFL) zu bieten hat. Das macht sie automatisch zu einem der Favoriten für das im Januar anstehende Play-off. Einem alten und auf American Football bezogenen Sprichwort zufolge gewinnt die Offensive Spiele und die Defensive Meisterschaften. „Offense wins games, defense wins championships“, sagen die Amerikaner.

Ein Sieg sichert den 49ers das Heimrecht bis zum Super Bowl

Die San Francisco 49ers, eines der bekanntesten und ruhmreichsten Franchise-Unternehmen der NFL, geschmückt mit fünf Super-Bowl-Siegen, sind nach Jahren des Misserfolgs zurück im Kreis der Titelanwärter. Von ihren 15 Saisonspielen haben sie zwölf gewonnen, darunter waren Erfolge gegen die direkten Konkurrenten New Orleans und Green Bay. Nun geht es am letzten Spieltag der regulären Saison im Spiel bei den Seattle Seahawks darum, die eigene Division und auch die Conference (NFC) zu gewinnen, der die 49ers angehören. Das ist nicht ganz unwichtig, mit einem Sieg würde sich San Francisco das Heimrecht für alle Play-off-Spiele bis zum Super Bowl sichern.

Für die 49ers ist es die erste Teilnahme an der K.o.-Runde seit 2013, damals noch unter Jim Harbaugh, dem erfolgreichsten Trainer des Unternehmens in den vergangenen zwanzig Jahren. Mit ihm scheiterten sie in der Spielzeit 2012 im Endspiel an den Baltimore Ravens, der letzte Super Bowl datiert aus der Saison 1994. Seitdem ist die Sehnsucht nach Erfolg groß in Nordkalifornien. Nach der Ära Harbaugh versank San Francisco ab 2014 in der sportlichen Bedeutungslosigkeit. Dass die 49ers nun wieder im Titelrennen mitmischen, ist exemplarisch für das Wechselspiel der Kräfte im amerikanischen Sportsystem.

Mit schweren Jungs das Team stabilisiert

Um Ausgeglichenheit zu schaffen, dürfen in der NFL und in den anderen großen Sportligen die schwächsten Teams am Anfang einer neuen Saison die jeweils besten Talente des Jahrgangs zuerst auswählen, um wieder wettbewerbsfähig zu werden. Beim sogenannten Draft haben die 49ers in den vergangenen Jahren viel Geschick bewiesen. San Francisco baute Stück für Stück ein Team nach traditionellem Muster.

Mit schweren Jungs für die Verteidigung wie Arik Armstead, DeForest Buckner, Solomon Thomas oder Nick Bosa und schweren Jungs für die Offensive Line wie Mike McGlinchey. Vor allem Bosa, dessen Bruder Joey weiter südlich bei den Los Angeles Chargers ebenfalls gegnerische Angreifer in Angst und Schrecken versetzt, verfügt über das Potenzial, einer der besten Verteidiger der NFL zu werden. Bereits in seiner Debütsaison steht er den etablierten Spielern wie seinem Bruder in nichts nach.

Menschliche Masse statt Spektakel

Abgesehen von Bosa wirkte die Personalpolitik der 49ers im ersten Moment wenig spektakulär, vor allem nicht im Vergleich zu Konkurrenten, die entweder Quarterbacks, Running Backs oder Wide Receiver verpflichteten. Spieler also, die punkten und in der Gunst des Publikums weit oben rangieren. San Francisco setzte lieber auf menschliche Masse statt Spektakel und wurde belohnt.

Die kräftigen Kerle sorgen dafür, dass andere glänzen können. Anders als die erfolgreichen 49ers der späten 80er- und 90er-Jahre, deren Markenzeichen das Passspiel war, definiert sich der Jahrgang von 2019 über den Lauf. San Francisco gehört zu den Mannschaften in der NFL, die am meisten mit dem Ball laufen. Hinter der Offensive Line um McGlinchey tun sich immer wieder Lücken auf für die Running Backs Matt Breida, Raheem Mostert und Tevin Coleman. Alle drei galten in der NFL nie als die ganz großen Talente, im System der 49ers blühen sie aber auf.

Quarterback Garoppolo erweist sich als Glückstausch

Neben klugen Entscheidungen beim Draft überzeugte das Management der 49ers auch auf dem freien Spielermarkt. Für viel Geld wurden vertragslose Spieler wie Richard Sherman oder Dee Ford verpflichtet, dazu konnte Quarterback Jimmy Garoppolo in einem Tauschgeschäft von den New England Patriots geholt werden. All die Puzzleteile fügen sich nun zum Bild einer Spitzenmannschaft. „Die 49ers können definitiv den Super Bowl gewinnen, sie haben alles, was man dafür braucht“, sagt Jerry Rice, der erfolgreichste Passempfänger in der Geschichte der NFL. Er muss es wissen. Bei den letzten drei Erfolgen der 49ers im Super Bowl stand er für San Francisco auf dem Feld.